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Israelitische Annalen · 1840-07-24 · Heft 30 (24.7.1840) · p. Seite 258

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1840
Issue
Heft 30 (24.7.1840)
Date
1840-07-24
Page
Seite 258 (sequence 6)
Language
German
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258 Abriß der Theologie der Pietisten, (Sohariten, Kabbalisten, Chassidim) in der Provinz Reußen. Don Rasiel.*) Bei uns hat sich jüngst der Chef der Pietisten (Chasidim) aus der Provinz Reußen (nordwestlich von Lit hauen, an das alte Rußland gränzend), ausgehalten, ich habe ihn näher kennen gelernt, und liefere nun hier ein getreues Bild der ernsten Grundsätze, welchen er und seine Anhänger huldigen. Er saß nämlich am Sabbath und hielt nach seiner Weise Vortrag. Er stellt seine unklaren Gedanken doch einiger» maßen geordnet vor, und aus den Wolken und dem Nebel blitzt zuweilen ein helleres Licht, wodurch man im Stande ist, den Zusammenhang wahrzunehmen, der sich auch in den Schriften der Sektirer auffinden läßt. Der Wirbel, um den sich fast jede Betrachtung dreht, ist der Begriff njTi, Erkennung, im biblischen Sinne aufgefaßt (et cognovit Adam). Diese Erkennung nämlich ist ihnen das sinnliche Bild des menschlichen Bewußtseins, welches ein Ausfluß ist der Vernunftanlage (n^U)» nachdem sie fruchtbar geworden durch den Verstand (NQ2N) — ober besser des lebendig geworbenen göttlichen Wesens rm Menschen. Alle Forschung in göttlichen Dingen ist daher bei dieser Sekte kein Suchen einer äußerlich zu erlangenden Wissenschaft, sondern eine Verarbeitung aller Erkenntniß zur innigsten Verschmelzung mit dem eigenen Gottesbcwußtsein, und dessen Erhebung bis zur höchsten Stufe der Gottseligkeit. Dies sind frrilicf) nicht die eigenen Ausdrücke des Vortragenden, aber ich verdolmetsche den Sinn desselben ganz getreu, und will ihn kurz so beleuchten, wie ich ihn aus dem Dunkel nicht bloß seiner Rede, sondern überhaupt den theologischen Büchern dieser Pietisten herausgezogen habe. Fast alles, was die Einsichtsvollsten dieser Sekte beständig äußern, fließt aus zwei Prinzipien, welche ihren Sitz j nicht sowohl im Verstände, als vielmehr in der Phantasie haben, und das Gefühl durchweg ansprechen. Das erste Princip nennen sie pn die Selbstvernichtung, dies besteht in dem Streben des Menschen, allen Egoismus zu ertödten. Es gründet sich dieß auf bas ohne Beweis gesetzte Bewußtsein, daß der Mensch für sich allein kein absolutes Wesen sei, sondern dem Unendlichen angehöre, dessen Willen er zu vollziehen habe, nicht wie ein Knecht, welcher nur der Gewalt weicht, dabei aber in sich noch ein freies Wesen fühlt, sondern wie ein für sich selbst ganz unfreies; je unfreier also der Mensch wird, je mehr er sich selbst als Sonderwesen verleugnet und in's Unendliche aufgehr, desto mehr lebt er in Gott. Dieses halten sie für angedeutet in A. E. Commentar zu den Worten 12 npZTPV Sie betrachten des Menschen Zusammenhang mit dem Unendlichen ungefähr wie das der körperlichen Glieder zu der unbekannten Kraft, die wir Leben nennen, und von welcher ihr Dasein bedingt ist, indem sie mit dem Aufhören dieses Einflusses sogleich abgestorben sind, und ihre Bestimmung nicht mehr zu erfüllen vermögen. Wenn der Mensch sich nun ganz und gar als einzig von dem Gesammt-Mittelpunkte aus sein Wesen ziehend weiß, und alle Besonderheit zu diesem Zweck abstreift, so hat er sich ganz dem Allgemeinen ergeben, lebt gottselig und erfüllt seine Bestimmung als Mensch, die aber erst am Ende nach Abstreifung der Hülle ganz erreicht ward. In Uebereinstimmung damit stehen mehrere ältere rabbinische Lehrsätze, welche gegen den Eigennutz in *) Dieser Pseudvnymus ist, so wie es seine Arbeiten bekunden, in seiner Umgebung als ein umsichtiger Kenner und scharfsinniger Forscher, so wie auch als redlicher Freund der Wahrheit genugsam bekannt, und wir werden seine trefflich geschriebenen Mittheilungen nach unserer schwachen Kraft, so weit sie von allgemeinem Interesse sein dürften, hier in getreuer Uebersetzung veröffentlichen. D- H. der Sittlichkeit sich erklären. Die höhere Sittlichkeit soll nicht die eigene Seligkeit erzielen, sondern ist Selbstzweck, als das Wesen der Weltregierung, als der Ausdruck der allgemeinen Liebe. Das zweite Prinzip ist die Annahme von der Durchdringung des göttlichen Wesens. Dieses setzen sie, als in jedem Geschöpfe nach verschiedenen Graden vorhanden und inhärirend, oder es durchdringend. Der Mensch hat die höchste Stufe inne. Um aber diesen Begriff zu fassen drücken sie ihn durch □1S2Ü aus, oder die kabbalistische Idee von der Kraft der Gottheit, sich im Kleinen eben so gleichsam räumlich beschränkt, darzustellen, wie im uuendlichen All und unbegränzt. Diese zwei Prinzipien bedürfen einer recht reinen und Kellen Betrachtung. um nicht mißverstanden zu werden; leider haben sie schon allerlei Entstellungen erfahren. Man muß gestehen, daß die Urheber solcher theologischen Ansichten, sie mögen nun Beifall finden oder nicht, jedenfalls beweisen, daß sie abstrakt denken und nach innerer Erkenntniß streben. Wollte Gott, daß auch unsre Rabdinen sich ein wenig mehr mit diesen hohern Studien beschäftigten, worin ihnen Maimonides so herrlich vorleuchtet, und die tobten Gebeine würden zu neuem Leben auferstehen! Mir fällt hier ein, daß ein eifriger Pietist, welcher zu den Denkenden gehört, einst als einen?Vjährigen Greis bei'm Thalmustudium erblickte, gegen die Umstehenden behauptete, derselbe habe sicherlich me das: Höre Israel rc. gehörig ausgesprochen; denn es gehöre eine Abstraktion und tiefes Studium dazu, um den Sinn dieses Verses recht klar aufzufaffen. Der Gelehrte habe aber durch die materiellen Gesetzuntersuchungen unablässig beschäftigt, diesen theologischen Lebensfragen bisher gar keine Aufmerksamkeit zugewendet. Das Wort mache es nicht aus, sondern die Crkenntniß! — Nachrichten und Correfpondenzen. London, Juli. — Sie wünschen Lebenszeichen der hiesigen Synagoge zu sehen. Don einem eigentlichen Leben kann in religiösen Angelegenheiten hier kaum die Rede sein. Die Synagoge steht in ihrer zwiefachen Ritusform und einzelnen kleinen Schattirungen gleichsam abgeschlossen da, und man bewegt sich darin mit der Bequemlichkeit der Gewohnheit. Etwas Neues begiebt sich in der Regel nicht, weil nichts, was diese Interessen angeht, näher untersucht wird. Wem die Form der Synagoge nicht zusagt, der geht nicht hin, und allmählig werben ihre Formen antiquirt. Von eigentlichem Religionsstudium ist nicht die Rede, ünd, wenn gleich man einige Vorkehrungen getroffen Kat, um neben dem Thalmudstudium auch andere Wissenschaften zur Heranbildung sogenannter Theologen zu lehren, so wird doch für die erste Zeit damit noch lange nicht jenes wissenschaftliche Streben angeregt werden, welches den deutschen Gelehrten mit Recht nachgerühmt wird. All der Unterricht soll und wird, dem stationären Geiste, der hier mehr als anderswo zu Hause ist, gemäß, nichts weiter sein als positives Aggregat von nöthigen Kenntnissen, und alle weitere Forschung wirb bann nichts weiter sein, als ein stetes Beweisen stehender Dogmen aus ältern Schriften gegen neuere Ansichten, ohne Rücksicht auf die Zeiten, in denen dieß und jenes ausgesprochen worden. Das größere Publikum, selbst dasjenige, welchem man Sinn für ernste Gegenstände nicht absprechen kann, nimmt keinen Theil daran, und liest höchstens etwas zur Erbauung, ohne über den Inhalt zu denken. Solches sind kurze Stücke aus ältern Schriften, gut in's Englische übertragen, genügende Seelenspeise, zumal wenn darin sich recht reine und edle Humanität ausspricht, oder durch zweckmäßige Auslegungen hineingelegt wird. Auf dergleichen kleinen Sammlungen beschränkt sich denn auch die literarische Betriebsamkeit, ohne übrigens damit weit zu kommen. Die Israeliten in England haben hierin ganz den Geist der Christen angenommen, in so weit diese dem Kaufmannsstande angehören, denn auch bei diesem findet man wenig Sinn für wissenschaftliche Bücher, und von religiösen

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