Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 29 (17.7.1840)
- Date
- 1840-07-17
- Page
- Seite 251 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3133765-3133820-3133850--0760-3134934- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
251 Literatur« Zur Tagesgeschichte. Die letzten zwei Jahre. Sendschreiben an einen befreundeten Rabbiner von 0r. Abraham Geiger, zweitem Rabbiner in Breslau. 1840.8. Die Schwierigkeiten, welche einige Unzufriedene in. Breslau gegen die Wahl des vr. Geiger erhoben hatten, und welche sämmtlich als keiner Beachtung werth von der hohen preußischen Regierung durch die Ertheilung des Staats» j bürgerrechts an vr. G. völlig beseitigt worben, haben vor. > nämlich dazu gebient, die Bedeutung dieser Wahl viel stär-! ker herauszustellen, und die Auffassung der Stellung, die > Herr vr. G. jetzt in den religiösen Bewegungen einnimmt, > auch den Nicht-Gelehrten zu erleichtern. Diese den Gegnern j geradezu abgerungenen Dortheile haben ferner dazu gedient, j die Persönlichkeit des vr. Geiger zu einem Wendepunkte der Parteiansichten zu machen, und wie in der Wissenschaft durch > die Zeitschrift, an deren Spitze er stand, viele junge Gelehrte I sich ihm anschlossen, und mit gleich redlicher Forschung demi selben Ziele zustrebten, eben so betrachten viele denkende! Laien den Sieg, welcher den Leumund zum Schweigen! brachte, zugleich als einen Fortschritt im Leben und in Gel- . tendmachung aller bessern Bestrebungen. Und das nicht mit! Unrecht, sobald man bas Extrem vermeidet, über eine wichj tlge Erscheinung alle andern mitwirkenden Tbätigkeiten außer : Augen zu lassen. Sehr wohl durfte nun Herr vr. G. die! verschiedenen Vorfälle der letzten zwei Jahre in Beziehung l auf seine eigenen Verhältnisse darstellend auf ein besonderes j Interesse bei einem, ausgebreiteten Publikum rechnen, und! bas ist denn auch wohl zunächst der einfache Ursprung der i vorliegenden Schrift. Sie trägt die Form eines Sendj schreibens, und bewegt sich daher in einer gewissen Gemülhlichkcit und Ruhe, nicht allzusehr bei Persönlichkeiten j verweilend, vielmehr stets auf Dinge von allgemeinem Werth!j in der Entwickelung unserer Zeit hinweisend. Freilich konnte -i dabei dennoch die Darstellung der Art'und Weise, wie sich ij viele Gegner in öffentlichen Schriften gegen ihn benommen j haben, nicht umgangen werden. Zunächst erzählt er nun die j in Nassau gegen ihn angesponnenen fruchtlos gebliebenen j Kabalen; (wir bedauern den Beleg, welcher S. 42 —45! folgen sollte, zu vermissen, da bas Schriftchen S. 41 endigt; | ober soll noch eine Broschüre Nachfolgen?) dabei gleichzeitig! mit Recht bemerkend, baß es wunderlich sei. wenn Staats-; männer einerseits, da wo es gilt, Menschenrechte einzuschränken, es für gut finden, sich in die israelitischen Angelegenheilen einzumischen, dagegen andrerseits, wenn es darauf ankommt, ihnen gute Jnstituiivnen zu verschaffen, jede Einmischung als ungerecht abzulehnen; und seine kurz nach Nie-! derlegung seines unfruchtbaren Amtes in Wiesbaden erfolgte Wahl zu Breslau. — Hier stellt er die gegen seinen Vortrag j von unvernünftigen Streitsüchtigen bei der Behörde abgege- > denen Einsprüche in ein helles Licht, und zwar völlig der! Wahrheit getreu und ohne Färbung, wie aus den zur Zeit verj öffentlichten Nachrichten näher bekannt ist. Wiederum müssen wir bedauern, daß das von Joel Jacobi (jetzt Franz Carl geheißen) für die Gegner ausgearbeitere pro memoria, welches dem Preuß. Ministerium überreicht worden, nicht mit abgedrucht werben durfte. Geiger's Antwort hieraus j findet sich indeß hier wörtlich. Aus der Antwort, welche Herr vr. G. zur Ablehnung der gegen ihn vorgebrachten Beschuldigungen, betreffend seine Rechtgläubigkeit, bei hohem Ministerio eingegeben hat, und die hier vollständig zu lesen, ersieht man zum Theil jene. innerlich, nur die Empfänger anging und die wissenschaftliche Welt nicht intercssiren kann. Was für ein größeres Publikum geschrieben wird, erfordert weit mehr Sorgfalt, als man auf eilige Correspondenzen zu verwenden geneigt ist. Was also dort gedruckt sein mag, kann ich für jetzt noch nicht anerkennen. I. und es ist nickt uninteressant zu sehen, auf welche seltsame Weise diese AngelegenheN zur Erörterung wichtiger Fragen geführt hat, die am Ende selbst auf bas Verbot einer Neuerung in Preußen, wenn es überhaupt noch ferner bestehen soll, einen eigenthümlichen Einfluß üben könne und müsse. Schon gleich im Eingänge wirb dargestellt, baß diejenigen, welche die wahre Religion der Juden als die strenge Beachtung der in der Synagoge recipirten Satzungen der Rabdinen definiren, in letzterm Begriffe die größte Schwankung zulassen, indem theils die innere Seile der Religion, der Kern der Glaubens- und Sittenlehre gänzlich außer Acht gelassen worden, theils Klarheit herrschen muß über den Zustand der Religion vor den Rabdinen, und selbst nach ihrem Auftreten in so weit sie wieder von einer Reception bedingt werde; aber auch die Unwahrheit des Geisteszwanges wird dargethan, indem nachgewiesen wirb, daß offenkundig die Rabdinen am alten Gesetze und zwar manches sehr wichtige nach Umständen geändert haben. (S. 8—11). Auch sei das Ceremonialgesetz gar nicht so abgeschlossen, wie die Minder- Unterrichteten vorgeben. Er habe öfter gegen Form glauben gesprochen, was die Gegner dahin deuten, als habe er alle Formen für überflüssig gehalten, während er nur deren Verkennung gemißbilligt habe. Formglaude sei ihm nur die Sinnesart, welche alle Religion in Ausübung der Formen setze, ohne eine Gesinnung damit nothwendig zu verbinden; Formenstarrheit sei die Zähigkeit des Verfahrens bei untergeordneten Einzelnheiten der Ceremonien, die dem Wechsel unterworfen sind. Form glaube ertödte die Sittlichkeit und Formenstarrheit entziehe den Formen die Weihe; beides seiden Propheten zuwider. Zur Erläuterung wird eine schlagende Stelle aus dem Prospectus der „wissenschaftlichen Zeitschrift" ausgehoben. (S. 13.) — Auch vertheidigt Herr vr. G. abermals hier den Unterschied zwischen dem Schriftsteller und dem Rabbiner, indem jener seine Freiheck der Untersuchung behaupte, während dieser sich den Formen zu fugen habe, auch nach Gesetzbüchern entscheiden müsse! —Hiernach werden bieAcußerungen, welche die Anklage zu ihrem Belege anzieht, näher erwogen (15) und dargethan, baß die Gegner absichtlich nach Anlassen suchen, und zu dem Zwecke den Sinn der Worte verdrehen. Am kräftigsten weist er die Anschuldigung politischer Verdächtigkeit von sich, und bleibt der der Versicherung stehen, daß sein Hauptziel dahin gehe, mit der Religionserkenutniß stets die Wissenschaft in enge Verbindung zu setzen, was doch am Ende von der Zeit als bringend nothwendig gefordert werde. — Der Schluß dieser Eingabe ist insbesondere stark und voll Wahrheit. Es folgt hier eine kleine Rechtfertigung des kurzen Stillstandes in wissenschaftlichen Arbeiten, um welchen sicherlich niemand mit dem Verfasser gerechtet hat, er selbst ausgenommen, welcher sich es nicht vergeben kann, ein kleines Jahr von seinen höhern Studien abgelenkt morden zu sein. An diese schließt sich eine Klage über den Zustand der literarischen Thaligkeit unsrer Zeit, die gewiß nicht ganz ungegerecht ist, wenn sie die große Ungrünblickkeit hervorhebl, welche unter der Miene tüchtiger Gelehrsamkeit sich Geltung zu verschaffen sucht. — Eine Behauptung aber finden wir hier ausgesprochen, welcher wir auf keine Weise beipflichlen können. Herr vr. G sagt nämlich, wohl bemerkt, nachdem er selbst seine wissenschaftliche Zeitschrift, welche einen großen Theil ihres Raumes rein wissenschaftlichen Gegenständen und Nachrichten aus dem Leben gewidmet, aus eigenen Gründen geschlossen hatte, über das jetzige Zeckschriftenwesen folgendes: „Glauben Sie ja nicht, daß ich gegen unsere Zeitungen und Zeitschriften oder gegen eine derselben oder gegen deren sich vergrößernde Anzahl eingenommen bin; sie haben auch ihre Bestimmung und ihren Erfolg, aber sie sind nicht dazu geeignet, die kiefern Fragen zur Klarheit und zur Entscheid düng zu bringen, und sie wenden sich, wenn sie nicht rem gelehrte Gegenstände, die minder das Leben berühren, besprechen, meist an das ganz vulgäre Bewußtsein, das erst dann mit hineingezogen werden darf, wenn von höheren Gesichtspunkten aus bereits, ich will nicht sagen, die Ent-