Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 29 (17.7.1840)
- Date
- 1840-07-17
- Page
- Seite 247 (sequence 3)
- Language
- German
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L47 Menschenrecht zertreten werde und ihre Richterftühle nur als Blutgerüste daftehen, uneingedenk der Barmherzigkeit, die der Prophet vorzugsweise zur Pflicht macht, und deren sich der Islam von jeher, obwohl nicht mit vollem Recht, zu rühmen pflegt. Diese Erfolge sind im Großen sichtbar, außerdem aber hat jene Begebenheit noch einzelne Thaten seltener Scelenftärke erweckt, welche in der Geschichte ewig denkwürdig bleiben. Während dessen nun gewinnt der ruhige Denker Muße, die Zeit mit ihren Erzeugnissen näher in's Auge zu fassen, sie zu beleuchten und der nächsten Zukunft in die Hände zu arbeiten. Wir stimmen ganz mit dem Motto einer der eben erschienenen Flugschriften überein, I'Kistoire du passe est la Ie$on de l’avenir. Ein bereits durch mancherlei andre Schriften bekannter Schriftsteller, Ern est Alby, hat mit Vorsehung dieses Motto's eine Schilderung der hierher gehörigen Ereignisse, so weit sie bis im Mai vorgerückt waren, herausgegeben, mehr in Betreff des geistigen Gehaltes beachtenswerth, als in Hinsicht der noch 4« erwartenden Aufschlüsse, die der Vf. zu geben nicht im Stande ist. Er hatte das Thatsächliche in der Gazette des Tribunaux veröffentlicht, und Hier entwickelt er mehr die Gesichtspunkte, unter denen die Sache zu betrachten sei. — Wir bemerken zunächst, daß gleichzeitig eine andere Broschüre, als Auszug aus dem Odservateur des l'riduuaux eine Sammlung aller ^Aktenstücke, die in jener Zeitschrift bis Mitte Mai erschienen waren, liefert. Beide Schriften, wenn gleich weder erschöpfend, noch überall genügend, verdienen wegen der Gesinnung, die sie bekunden, einige Aufmerksamkeit. Ern est Alby glaubt seine liebende Theilnahme für die' leidende Menschheit vor den Augen der Welt rechtfertigen zu müssen. Dahin ist es leider mit der Reaction gegen die fade Oberflächlichkeit der jüngsten Vorzeit gekommen, daß jeder Menschenfreund sich entschuldigen muß, daß er nicht die mittelalterliche Rohheit theilt, deren Belobung bei heutigen Historikern beinahe zur Mode geworden. „Wenn wir den Juden unfern Beistand zuwenden, so geschieht es nicht etwa, weil die gierige (avide) und prunkende Tugend, von jungem Ursprünge (!) die Philantropie, uns dieses Streben einhauche, und uns den Unterdrückten entgegenführe, mit Augen voll scheinheiliger Thränen, gleich jenen Glücklichen unsrer Zeit, die, um sich einen Namen zu machen, die Farbe der Menschenliebe tragen und mitten, im Besitz der Erdengüter und der Ehrenstellen, worein sie ihr an allen Närhen mit Gold besetztes Elend versenken, ausrufen: Non ignara mali, miseris succurrere disco. Auch gehorchen wir nicht etwa einer blinden und romanhaften Nacheiferung des Ritterwesens. Nein, die Maske des Philantropen ist uns verhaßt u.s.w." Herr Alby scheint hierbei auf hochgestellte Personen anzuspielen, deren unächte Philantropie ihm Anlaß giebt, gegen die Menschenliebe überhaupt loszuziehen, wahrend er betheuert, einzig und allein von den entsetzlichen Leiden der Gemißhandelten gerührt worden zu sein. Uns scheint diese Tirade ihres Zweckes zu verfehlen. Der gute Mensch schaudert zurück vor der Entartung, die so sehr allen Naturgefühlen Hohn spricht, aber den Denker beschäftigt weit mehr der innere Sinn, welcher solchen Grausamkeiten den Schein des Rechtes leihen will; denn schändliche Thaten gefühlloser Menschen kommen täglich vor und werden verabscheut, ohne tiefen Eindruck zu hinterlassen; wenn ihnen aber Rechtsgründe untergelegt 'werden, dann verletzen diese weit tiefer alles Gefühl der Gerechtigkeit. Ein Anwalt, der erst wartet, bis arge Grausamkeiten begangen worden, übt seinen Beruf nicht; es darf ihm nicht darum zu thun sein, die Roheit zu mildern, sondern das Recht muß er vertheidigen, sobald man sich auch nur kleine Verletzungen 'desselben gestattet. Wie dem aber sei, Herr A lby rhut letzteres fast ohne sich dazu zu bekennen, indem er nach seiner Weise die Vortrefflichkeit des mosaischen Gesetzes aus dem Erfolge selber darthut und beweiset, daß die Israeliten einer bessern Religion angehören, als die Gegner gemeinhin behaupten, und daß den meisten Verfolgungen, die sie in Frankreich wie überall zu erdulden hatten (der Vf. will nur auf die Geschichte von Frankreich und insbesondere Paris zurückweisen, - um nicht zu viel gleichartige Schilderungen zu machen) thörichte Vorurtheile zum Grunde liegen. Er geht durch: die Beschlüsse des Conciliums zu Agde im I. 506, des zu Orleans 533, das childeberts'che Edikt v. 533', das dagobert'sche Derjagungsedikt v. 633, — wobei er treffend anfthrt, daß in jenem Jahrhundert die Verbrennung der Alexandrinischen Bibliothek (642) den Christen zur Last gelegt wird, (um zu zeigen, wie seltsam sich 29*