Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 27 (3.7.1840)
- Date
- 1840-07-03
- Page
- Seite 234 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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234 obligatorisch ausgegeben (man lese genau was den Segen nach dem Essen betrifft «er. 48. d. und 49). Im Allgemeinen sagt die Formel ■ran vp nh1 *6 b? was für Inhalt man für wesentlich hielt, während die Fassung völlig frei stand. Selbst das Lesen des ist streitig. Die Palästiner ließen die ganze dritte Stelle daraus beim Abendgebete weg, weil j-pyig nur dem Tage angehört, sie ließen auf mOKl gleich folgen DDTI^N n folgen (Tliauja. IX.). Eben so frei war die Legende am Abend des Pascha. R. Nachman fragt seinen Sklaven, was wohl ein Sklave seinem Herrn schuldig sei, der ihm die Freiheit gegeben? Derselbe erwiderte: Dank und Lob. R. N. fügt hinzu, solch ein Gespräch ist eben so passend wie das “init'j HC* Rab und Samuel streiten, ob der Anfang sei oder jyy (Pes. 116.) R. Gamliel sagt, drei Gegenstände seien zu behandeln: piDE, nXO» fnc* Die Formel -rrn -vn scheint Anfangs nur der Ausdruck einer religiösen Pflicht gewesen zu sein, woran nachher der Schluß -p'©*? sich angefügt hat; endlich ist dies, mit einigen hübschen Redensarten verschönert, eine Einleitung zum Halle! geworden. Dieser Schluß ist späterhin aus bloßer m2t£\S‘ in die noch bloß mündlich gelehrte Mischna eingeschoben worden. Ueber die Eintheilung des Halle! wird gestritten; außerdem schloß R. Tarphon die erste Hagada nicht mit einem Segen; der zum Halle! gehörige Schlußsegen ist nach R. Jesuda das *p^pp, nach R. Zochanan das nfcBO* Es sind noch allerlei Meinungen abweichend vom gegenwärtigen Gebrauche. Alles dies beweist, daß die Hagadaformel noch nicht unabänderlich fest stand. Die in den Gebeten hin und wieder vorkommenden alphabetischen Akrostichen schreiben sich wahrscheinlich von den Vorsängern her, welche zugleich Dichter waren (Kap. io Kaliri24), und die bisweilen die Alphabete nicht vollständig durchführten (Midr. Cant. Anf.) Manche unvollständige kleine alphabetische Reihen, die hie und da im Gebrauche sind, verdanken wohl ihren Ursprung dem Bedürfnisse, um sie leichter im Gedächtnisse zu behalten; daher auch drei oder vier Epithete ober Verba alphabetifch geordnet werden, bisweilen ohne alle Rücksicht auf die logische Folge der Begriffe. In demSündenbekenntniß am Vorsöhnungstage gab es nicht die EN by> welche jetzt im Gebrauche (doma36.37 b.) Auch sie sind nur so nebenher entstanden, nicht aus alter Zeit. In einem Gebetduche aus Sicilien stehen deren 24, von denen 7 nicht alphabetisch. Ich bin weit entfernt zu glauben, daß ich ave Beweise meiner These erschöpft hätte; ich schmeichle mir nur, einen neuen Gesichtspunkt ermittelt zu haben, von welchem aus die Entstehung der Gebet-Formeln betrachtet werden müssen, und eine Probe thalmudischer Kritik geliefert zu haben, die auf andere Fragen angewendet sehr nützlich werden könnte. Das Prinzip der Verfasser der Gebete war kein anderes als die Art und Form der Gebete darzustellen, ohne irgend einen Zwang in Betreff der Ideen und Worte, ja sogar dem beabsichtigten Zwang widerstrebend. Diese Einrichtung war sehr weise; denn sie halte zum Ziel, daß man um die gerade zeitgemäßen Bedürfnisse der Individuen und Gemeinden beten solle, und wollte verhindern, baß das Gebet eine bloße mechanische Formel werde, eine abzuwerfende Last, ohne alle Andacht. Unsre Lehrer erkannten überall und übten es aus, das Prinzip, sich nach den Umständen zu richten, und mittelst desselben konnten sie ihre Anordnungen modificiren, daher sie sie auch nicht ausgeschrieben wissen wollten, damit sie nicht unabänderlich würden (f.K. Cli.m. 61—76)*). Aeußeres Unglück und Unwissenheit haben unser Ritual auf dem Standpunkte stehend erhalten, auf welchem es zur Zeit des Aufschreibens war. Nur durch Rückkehr zu den Quellen ist nach einem fast 12vvjährigen Stillstand ein Fortschritt möglich. Die nachthalmubischen Rilualisten hielten den Thalmub für eine nicht zu überschreitende Schranke und glaubten die in demselben festgestellten ober hinzugefügten Riten (bestritten oder nicht) seien je strenger desto heiliger; und so wurden mit jedem Jahrhundert noch strengere und beschränkendere Vorschriften gemacht. Das mag heilsam gewesen sein für ihre Zeiten. Es wäre aber schädlich, diesen Weg so weiter zu verfolgen, und hat schon zu sehr geschadet. Nur tüchtiges Studium des Geistes des Thalmud kann dem Einsturz, welcher die wichtigsten und heiligsten Riten bedroht, Vorbeugen. Aus ihm lernen wir das für heilig halten, was zur wahren Gottesfurcht und zum Heile des Menschen führt, dagegen das für irreligiös zu erklären, was nur Verachtung der Religion und schädliche Neuerung zu Wege bringt. Nachrichten und Correspondenzen. Von der polnischen Grenze im Mai 1840. — (Notizen über israelitische Zustände im Großherzogthum Posen.) Ganz im Sinne dieser Blätter, nur dergleichen Berichte und Nachrichten aufzunehmen, die einst dem Geschichtschreiber ein klares, deutliches und wahres Bild von den Fort- und Rückschritten, von der Bestrebsamkeit und Erstorbenheit einzelner israelitischer Gemeinden und Provinzbewohner, darstellen sollen, theile ich hiemit diese Notizen über eine Provinz mit, die zweifelsohne die von Juden bevölkertste in Preußen ist. *) Ich war im Zweifel, ob ich den Urheber dieser Theorie erwähnen sollte, den unvergleichlichen Lehrer, dessen Schüler und Freund zu sein ich mich rühme. Es zu thun drängt mich die Dankbarkeit, während mich die Besorgniß zurückhält, daß man glauben könnte, meine Anhänglichkeit für meinen Lehrer sei ein jurare in verba magistri, obwohl im Gegentheil gerade das ihn am meisten charakterisirt, baß er seinen Schülern den freien und selbstständigen Forschergeist einflößt. Diese Besorgniß konnte selbst nicht von der Erfahrung zurückgedrängt werden, daß ein achtbarer Freund und College von mir, dessen Bescheidenheit selbst vor des Freundes Lob erröthen würde, der Anmaßung beschuldigt ward, weil er in einem Privatschreiben, worin er seines Lehrers Ansichten rechtfertigt, und zwar aus gleicher Besorgniß, ihn nicht als solchen bezeichnet hat. (Letztere Anspielung ist uns nicht näher bekannt.)