Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 27 (3.7.1840)
- Date
- 1840-07-03
- Page
- Seite 232 (sequence 4)
- Language
- German
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232 bückt oder auf allen Viere« kriechend, vorübergehen. Auf Pferden durfte keiner reiten, in der Stadt auch rricht auf Eseln. Jeder, der etwas besaß, schwebte beständig in Lebensgefahr; der Dey suchte dann einen Vorwand, und der Jude ward hingerichtet. Die Verbrechen, wofür ein Sklave die Baftonnade erhielt, zogen dem Juden den Feuertod oder den Strick zu, und selbst nach dem Tode^mißhandelte man die Leiche noch auf alle Weise zum Entsetzen der Angehörigen. — Alles dies ertrug die entartete Menschheit, entschädigt durch Beftiedigung der Habgier. Dabei sind sie keineswegs für Unterricht und Geschäftskenntniß unempfänglich, vielmehr zeigen sie Verstand und Umsicht und sehr tüchtige Talente. So sprechen z. B. Viele schon vortrefflich französisch. — Sie sind utt höchsten Grade fanatisch. Die Vorsteher konnten früherhin strenge Strafen über diejenigen verfügen, welche die Gesetze der Religion verletzten. Was manche aus Algier sich in Frankreich erlauben, würden sie noch jetzt zu Hause nicht wagen dürfen. Auch die Jugend ist nicht ganz ohne alle Bildung und doch wachsen alle in gleicher Gesinnung heran. Die Knaben lernen hebräisch in Schulen, die noch übler gehalten sind, als unsere vormaligen Schulzimmer. Alle Kinder sitzen im Kreise auf dem Boden, mit kreuzweise gelegten Beinen. Der Lehrer, ebenfalls auf dem Boden auf einer Matte sitzend, liest ein Stück aus der Bibel vor und erklärt es, und wenn er fertig ist, wiederholen es alle zugleich laut, indem sie sich schaukeln. — Untereinander sprechen sie arabisch, aber anders als gewöhnlich ausgesprochen;/re schreiben arabisch mir hebräischen, von den unsrigen abweichenden Lettern. — Die zahlreichen Synagogen sind unsauberer als in Frankreich die Ställe. Es sind dumpfe Räume, mit schwarzen und schmutzigen Wänden, an welchen Bänke von Weidenruthen; darauf sitzen sie meist ohne Strümpfe, zusammengekauert; die Pantoffeln neben sich hinlegend. Während des Dienstes schwatzen und streiten sie. Mnes Sabbaths fehlte der Vorleser der Thora. Man schickte überall Herum, fand ihn aber nirgend. Da war nicht einer unter der gedrängten Menge, welcher die Function hätte übernehmen können; nach langem Warten mußten sie alle sich in eine andere Synagoge begeben. Die religiösen Gebräuche werden mir großer Strenge, ausgeübt; manches , ist dort Sitte, wopon man in Europa gar nichts weiß. Bei Leichenbegängnissen sind noch, wie vordem im Morgenlande, Klagefrauen im Gefolge. Diese schreien und toben für die Bezahlung und nach Maßgabe der Belohnung. Alle Sonntag gehen die Frauen auf den Friedhof und weinen und schreien um ihre Familiengräber dermaßen, daß man es weit davon hört. Der Berichterstatter hat vergebens nach der Ursache dieser Sitte sich erkundigt. — Die Juden sind überhaupt sehr schweigsam und ihre Gesellschaft hat daher wenig Anziehendes. So weit dieser Bericht, zu welchem wir noch anderweitige Ergänzungen zu erwarten haben. Mit Recht bemerkt Herr Cahen dazu, daß die Depravation der so lange unmenschlich behandelten Volksklasse, anstatt zu ungerechten Anklagen zu führen, den Europäern den Beweis geben müsse, wie sehr die Staaten dabei gewinnen, wenn sie die Menschen human behandeln, und sie nicht zu solcher Ausartung bringen. Selbst die den Algierschen Israeliten öfters beigemessene Unehrlichkeir scheint jedoch nicht so arg zu sein, wie ein neueres Journal behaupten wollte, denn die Uebcrsicht der Criminalfalle in Algier vom Jahr 1839 ergiebt 119 Angeklagte, von denen 33 freigesprochen wurden; dieselben vertheilten sich also: .50 Christen, 32 Musulmanen, 4 Israeliten, 18 Franzosen, 32 andere Europäer. Vor der Zuchtpolizei ist kein einziger Israelit gewesen. — Es ist auch kein Wunder, daß die brotlosen Arbeiter, (deren es viele giebt) und Handelsleute ihre jetzigen Umstände beklagen. Die größer» Kaufleute haben minder eingebüßt, wie die Jahreseinnahme der Duane beweist, zu welcher die Israeliten 33'/z p. C. eingebracht haben. — Uebrigens beginnt schon die Theilnahme für bessern Jugendunterricht zu wurzeln, und es dürste nur ein Consiftorium dort eingesetzt werden, so würde man bald große Fortschritte wahrnehmen. Wie es jetzt steht, ist ohnehin die schlechte Verwaltung der Armengeldcr eine Ursache mit des herrschenden Elendes. Der Vorsteher der Gesammtheit ist ein Kaufmann und zugleich Maire-Adjunct mir2O00Fr. Gehalt. Er übr die polizeiliche Macht aus. Die unter seiner Aufsicht stehenden Armengelder fallen den drei besoldeten Rabbinen und andern zu, die es minder brauchen, und die Armen gehen betteln. Jüngst sind drei Bettler Hungers gestorben; bei Greisen, die nicht herumgehen können, ist das häufig vorgekommen. Dort ist also viel zu thun, um eine Regeneration hervorzubringen, wozu beizutragen alle Israeliten in Frankreich ernstlich aufgefordert werden.