Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 26 (26.6.1840)
- Date
- 1840-06-26
- Page
- Seite 224 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3133765-3133820-3133847--0730-3134901- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
224 Des Königs der Franzosen Antwort an Hrn. Cremieux.*) (Ebenfalls aus Archives des Israelites de France 5.) Am 1. Mai brachte Herr Cremieux als Vice- Präsident des Central-Consiftoriums dem König der Franzosen, seines Collegiums Glückwünsche dar; deren Schluß folgendermaßen lautete: , Auf Morgen, Sire, bleiben die ernsten Beschäftigungen des Thrones. Morgen werden wir selbst wieder erscheinen, um Ihrer Regierung Beistand für die entfernten Unglücklichen zu erflehen, welche als letzte Zuflucht ihres Jammers sich an Frankreich wenden. Sir! Wir Bürger dieses schönen Landes, welches die geheiligte Freiheit der Kulte an die Spitze seiner Institutionen stellt und die höchste Philosophie auf dem Throne sieht, wir werden Sie anflehen, den Blick nach dem Morgcnlande hinzuwenden, wo der Fanatismus wieder erwacht ist, und von wo aus unsre weinenden Brüder sich an uns wenden. Aber morgen, Sire! heute senden wir unser Gebet zum Himmel für Sie, d. i. für Frankreich; und Gott wird es erhören; denn in Gottes Augen ist die Vaterlandsliebe ein großer und schöner Ausdruck der Religion! Der König erwiderte gerührt: Sie wissen, wie sehr es mir am Herzen lag, Ihren Kultus dem aller andern im Staate anerkannten Kirchen gleich zu stellen; wie gern ich das Gesetz, welches diese volle Gleichstellung anordnete, vorgeschlagen habe, und wie sehr es mich freuete, in dieser Beziehung ein Beispiel zu geben, welches ich überall angenommen zu sehen wünschte. Sie wissen, daß mein Schutz und mein Wohlwollrn Ihrem Gesuche stets geneigt war. Noch kenne ich die Begegebenheiten nicht, von denen Sie sprechen. Aber sollten unglückliche Juden in irgend einem Punkte den Schutz meiner Regierung nachsuchen, und diese etwas dabei zu thun vermögen, so werde ich Ihrem Wunsche entsprechen. — *) Oeffentiiche Blätter baden von der überaus lobenswertben Tätigkeit des Herrn Cremieux Anlaß genommen, die sehr verbreitete Theilnahme, welche der Gegenstand angeregt bat, als eine Nationalität darzustellen, deren Bestand sich nicht mit der Emanzipation vertrage. Dies ist die inbumanste Auslegung, und um so ungerechter, als die christliche Kirche aller Orten durch eine ähnliche Behandlung eines Christen in China oder Japan re. gewiß noch weit nachdrücklicher aufgeregt würbe! — Kritische Studien. Vom Rabbiner Marco Mortara. 1. Die täglichen Gebete. (Fortsetzung.) Der Zusammenhang der 18 Segensprüche ist von den Thalmudisten (Meg. 17. b. Hier. Ber. II.) nach ihrer Weise und nach den damals schon an einzelnen Stücken derselben angebrachten Veränderungen, erläutert worden. Gehen wir weiter zurück in die Zeit des Tempels und der National- Einheit, so glaube ich, daß der Sinn etwa folgender war: i^. O Gott, der du dem Menschen Vernunft verliehen hast, gieb, daß wir den rechten Gebrauch von ihr machen. V. Mache, daß wir unsre Sünden einsehen und bereuen. VI. Verzeihe uns, und nimm uns gnädig auf. vn. Bewahre uns vor Unglück aller Art. VIII. Erhalte uns gesund. IX. Segne unser Erdreich. X. Vereinige wieder ave zerstreuten Brüder aus Aegypten und andern Ländern; XI. Flöße unfern Odern Gerechtigkeit ein. Xii. Die unbestechlichen Richter mögen in Dir Beistand und Unterstützung finden. *) XIII. Erhalte Jerusalem, welches Du wieder erbaut hast, stark und unabhängig. XIV. Erhalte unfern Staat unverletzt und frei. XV. Erhöre unser Gebet. — Von diesen 12 Bitten haben 6 mehr Bezug auf die Bedürfnisse des Menschen und jedes Einzelnen, die andern 6 auf die Nation. Sie bilden das eigentliche Gebet, und darum werden sie an Sabbathen und Festtagen nicht recitirt, weil an diesen kein Leiben erwähnt werden soll. Es ist daher weder nöthig noch Grund vorhanden, sie jünger zu machen als die drei ersten und letzten, deren Anwendung an den Festtagen nur darin ihre Rechtfertigung findet, daß sie keine materiellen Bedürfnisse enthalten. Sie sind bekannt, die ersten unter den Bezeichnungen niDN4/ mTOa und ntSTIpr die letzten unter rni2y/ nxnn und 33 oder rü-Q. Zuerst nämlich werden I. die Verdienste der Patriarchen, mit denen Gott den Bund einging, erwähnt, dann II. wird Gottes Allmacht gepriesen, mit dem Schluß über Auferstehung der Tobten, als dem stärksten Zeichen der Allmacht für die mensch- *) d. h. Es mögen keine Störungen eintreten, wie es oft durch Bürgerkriege, innere Tyrannen und fremde Herrscher, während des 2ten Tempels der Fall war. Diesem Segen warb später vorgesetzt, der gegen die Ketzer, und zwar auf Anordnung desselben Gamliel, welcher die Apostel rettete (Acta V). Getreu seinem Ausspruche: „Wenn es Menschenwerk ist, wird's vergehen; wenn es von Gott ist, wird's niemand zu stören vermögen;" entwaffnet er die Intoleranz, indem er das Urtheil über die Irrgläubigen Gott anheim stellte, welchen man unbestimmt um Vernichtung der Feinde und Erniedrigung der Uebermüthigen anflehen sollte. Uebrigens erweist sich aus dem Thalmud, daß diese Formel nicht zum täglichen Reeitiren eingeschoben ward, und daß deren Verfasser, Samuel Hakaron, selbst sie nicht reeilirte, da er sie ein Jahr später vergessen hatte. Vielleicht sollte sie nur jährlich, oder an Bußtagen, recitirt werden, gerade wie das welches Anfangs nur dem Neujahr angehorte,, wie aus Maimonides, Thanja und Abudraham zu ersehen ist.