Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 24 (12.6.1840)
- Date
- 1840-06-12
- Page
- Seite 209 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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209 Tagen kam zwar das Söhnlein, das sich in einem Walde venrrt hatte, frisch und gesund nach Hause, der Jude aber war erschossen. Dafür aber hatte er den reichlichen Ersatz, daß ihn der Conrector Ioh. Iac. Schudt bedauerte. Er sagt in seinem Buche über Juden: „man habe dem armen Schelme doch zu viel gethan!" Aus dem ersteren Beispiele geht zugleich hervor, wie wenig auf Bekenntnisse, durch Tortur erzwungen, zu halten. Würbe man gegen den unmenschlichen Pascha die Tortur anwenden, die er gegen die unglücklichen Opfer des Hasses in Damaskus ausführen ließ, er wurde sicher, wenn es verlangt wird, seinen Allah, seinen Mvhamed, seinen Koran und sein Paradies mit allen seinen schönen Jungfrauen abschwören. Wer aber ungezwungen eine solche höllische Lüge als wahr aussprechen kann, der gehört zu den verworfensten Verbrechern, er sei Jude, Christ oder Mohamedaner. Die Sacke der Verdächtigung wurde schon vielfältig mit allem Ernste untersucht, und es erschienen deßhald eine Menge Erkenntuiffe von Kaisern*), Pädsten**), Fürsten, Fakultäten und Gerichtshöfen, die alle den Ungrund des gedachten Wahnes auf das Ueberzeugendste darthun. Aber Dolkswahn ist härter zu besiegen, als die stärksten feindlichen Heere. Glaubt man ihn vernichtet, so erhebt er bei der geringsten Veranlassung sein Haupt wieder aufs Reue, und wülhet — besonders wenn er von böswilligen, von Religionshaß ungefüllten Richtern, wie es in Damaskus der Fall ist, unterstützt wird — in seiner gewohnten Manier fort. Schließlich bekräftige ich die Betheuerung, daß nie und nirgend ein solches Mysterium, oder irgend ein derartiger Wahn, der zu solcher Beschuldigung führen könnte, existirt habe, mit dem stärksten und bündigsten Eide. Ich bin überzeugt, baß alle Rabbinen nicht nur in Deutschland und ganz Europa, sondern in allen Welttheilen bereit seien, den gleichen Eid abzulegen, und wünschte, daß die Staatsregierungen diese MgßreLkl durchführen möchten, alle Rabbinen eidlich zu vernehmen, damit dem verderblichen Wahne endlich einmal ein Ziel gesetzt, und derselbe überall und durch die Verordnung, daß solchen Anklagen niemals Folge zu geben sei, für immer verbannt würde. Dies zu bewirken, ist Pflicht der Rabbiner. Bamberg, den 24. Mai 1840. S. W. Rosenfeldt, Stadt- und Distrikts-Rabbiner. Kritische Studien. Vom Rabbiner Marco Mortara. (Forts.) 1. Die täglichen Gebete. Schon der gelehrte Dr. Zunz bemerkt (Gettesd. Vortr. S. 367), daß die 18 Segensformeln des Gebetes, wie sie setzt lauten, nicht können zur Zeit des Tempels so gelautet haben, als noch die Rationaleinheit Israels bestand; denn es finden sich darin Gebete um Wiedervereinigung der Ration, Wlkdererbauung Jerusalems und Wiedererrichtung des Tempels. Auch wissen wir aus dem Tbalmud (Beracli. 28.29.), daß Samuel Hakalon, welcher (s. Juch.) vor Zerstörung des Tempels starb, eine Formel zu den 18 üblichen hknzugefügt hat. Und dieser Gebrauch der 18 Formeln muß sehr alt gewesen sein, da (bas. f. 33.) R. Jochsanan, Schüler Juta's des Heiligen, die 18 Sprüche bereits den 120 Männern der Großen Synagoge vindieirt, eine Ansicht, die offenbar erst entstehen konnte, nachdem die Formeln bereits Jahrhunderte lang in Uebung waren, so daß Seren Ursprung sich in eine dünkte Vorzeit verlor. Ich bin nun der Meinung, baß die ältesten Lehrer, die nämlich vor Gamliel dem altern lebten, die Formeln nicht festgestellt hatten; ja, daß sie dieselben nicht feststellen wollten, damit ihnen täglich und bei jedem Gebete andere Ausdrucke geliehen werben können. Rur hatte sich, wie mir scheint, durch ein bloßes Herkommen, die'Gewohnheit gebil¬ Friedrich m., Karl V., Leopold. **) Pius V., Gregor ix.,.Innozenz IV. det, immer eine gewisse Anzahl Gegenstände, welche sowohl das öffentliche Leben der Israeliten als das Privatleben betreffen, zum Inhalte der Gebete zu nehmen. Die Worte mögen wohl verschieden gewesen sein, aber der Inhalt derselbe. und gleichmäßig auf Segensprüche vertheilt;'der Segenspruch selber war stehende Formel, indem sie immer den Ausdruck enthält: Gepriesen seiest du Herr u. s. w. (nach einigen gehörte dazu noch die Anerkennung der göttlichen Herrschaft, bas. 40 d.) und dabei ward für längern Inhalt der Segen doppelt ausgesprochen, für kürzern nur einfach (1. Be?. II.). R. Gamliel der ältere, welcher durch die politischen Verhältnisse genöthigt war, die Akademie nach Jabne (Janmia) zu verlegen, ließ von einem seiner Schüler eine Gebetsormel verfassen, die er feststellen wollte, wo nicht wörtlich, so doch mindestens als Grunbformel oder Muster für den allgemeinen Gebrauch. Da dieses Muster eigentlich nichts anders war, als eine bestimmte Fassung dessen, was schon durch alten Brauch in Uebung war, so war dasselbe schon vielfach angenommen, als sein Enkel, R. Gamliel von Jabne, dem Gebrauch Gesetzeskraft geben wollte, indem er indirekt schon fast zum Geietz geworden war. Allein der Vorschlag des Letztern hatte gerade die entgegengesetzte Wirkung von der beabsichtigten; diese wäre von selbst erfolgt, wenn er nicht mit seinem Eifer, sie vor der Zeit zu erzielen, gerade sie weiter hinausgeschoden hätte. Sein Urtheil weckte nur den Widerspruch seiner Gefährten. R. Josua sprach die entgegengesetzte Lehre aus, und die altherkömmliche Weise behielt die Oberhand selbst gegen den Rast, welcher eine Neuerung feststellen wollte. R. Akiba, welcher den Streck der beiden erwähnten Gekehrten durch einen Mittlern Vorschlag beilegen wollte, wollte das Gesetz so gefaßt wissen, daß Jeder, der es verstünde, die Gebete seist adzufassen, wer also der Sprache, der Gedanken nnd angemessenen Ausdrücke gehörig Meister sei, sich die 18 Formeln nach dem üblichen Inhalte des Gebetes, nacd Belieben bilden möge, sich streng an die gegebene Formel des R. Gam- Uel haltend; die Uedngen aber sich so gut sie können, ohne gerade jenes Muster zu befolgen, den allgemeinen Inhalt zusammen nehmen mögen. R. Eliser stimmte für unbeschränkte Freiheit, indem er den Lehrsatz der R. Simon B. Nathaneel wiederholte (Adoth H. 3). Das Gebet müsse ein reiner Erguß des Herzens sein, und die Recitirung einer bestimmten Formel sei kein Gebet (»er. 28. d). Ungeachtet des Widerspruchs dieser Gelehrten, welche eine solche Neuerung sogleich im Entstehen erdrücken wollten, hat sich das von R. Gamliel gutgeheißene Muster doch erhalten. Die rmmer allgemeiner werdende Unkunde der hebr. Sprache verschaffte ihm den Sieg. Die Formel blieb stehen, und in Jahrhunderten ward kaum eine Kkeinigkelt daran geändert. Mit der Zeit wagten selbst die Gelehrten nicht die mindeste Aenderung daran. Die immer spätem Gelehrten (stets den herkommüche» Gebrauch befolgend, jede nvlhwenbige Neuerung unter antikem Colorit zu geben, indem sie den unhaltbar gewordenen Gesetzen eine angemessene Deutung lieben, wodurch deren Ausdruck auf die veränderten Verhältnisse anzuwenden war) bezogen nunmehr den Lehrsatz, weicher die Feststellung des Gebetes mißbilligt, auf die Zeit des Gebetes (das. 29. b.). Inzwischen hatte selbst R. Gamtiel feine Fassung der Formel nicht schriftlich herausgegeben, und muvte sie noch die Modifikationen erfahren, welche durch die damals eingetretenen Katastrophen hinzukämen, nämlich die Eroberung Jerusalems, die Verbrennung des Tempels und die Zerstreuung der Nation; und wahrscheinlich haben die new belekten und wieder erstorbenen Hoffnungen in Bet har, einigen Einfluß geübt. Die Amoraim nahmen nachher das Wort pjjc, welches R. Josua gebraucht hatte, »m den Inhalt, den Sinn, den Gehalt »uszudrücken, in der Bedeutung: Kurzgefaßter Inhalt; und Ras macht daraus einen kurzen Abriß der langen Formel jedes einzelnen Stückes, für jedes einen Segenspruch beibehaltend, Samuel aber stellt im eine Formel auf, in welcher er alle 18. iu einen einzigen Segenspruch zusammevfaßl. (Fortsetzung folgt.)