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Israelitische Annalen · 1840-06-12 · Heft 24 (12.6.1840) · p. Seite 208

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1840
Issue
Heft 24 (12.6.1840)
Date
1840-06-12
Page
Seite 208 (sequence 4)
Language
German
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208 mein Frag, welche ich hier gründlich erörtere, sich dahin erstrecket: Ob die Juden das zuweilen vergossene Christen- Blut auf die verdammliche Art, wie oben gesagt, einstenS gewiß braucht: oder, ob selbes ihnen von Seithen ihres Gesätzes, und Rabbinifcher Lehrer jemahlen zum Mißbrauch habe können »erstattet werden? Welches, wann ich (wie ich hoffe) bewerckstellige, so wirb erfüllet werden, was in erst angeführten heiliger Lehre Hieronym© *) zu finden: Una enim veritate surgente^ mirita mendacia destruenturj daß, wann ich die Wahrheit, daß die Juden kein Christen- Blut brauchen, werde dargethan haben, man auch denen von ihnen oben angeführten andern Gedichten fernerhin keinen Glauben beymeffen wird. Erkarung und Antrag eines Ikadbinen über denselben Gegenwand.**) Unterzeichneter hält es für seine amtliche Pflicht, gegen die Verdächtigung, weiche selbst in Deutschland Glauben findet, als hätten die Juden Christenblut ober irgend ein anderes Blut zu ihren Osterkuchen nöthig, feierlich zu protestiren. Der Unsinn ist freilich zu groß, der Gedanke zu abscheulich, als daß er einer Widerlegung bedürfte; an tausend Belegen aus der Bibel, dem Thalmud und den später» Schriften der Juden würbe es nicht fehlen §1. Aber nur das Ungereimte, Unsinnige und Thörigte der Beschuldigung will ich hier darthun. Ich frage, wenn die Beschuldigung wahr wäre, wie könnte auch nur Ein rechtschaffener Jude mit gesunden Sinnen und gesundem Verstände in einer Religion verharren, die zur Uedung ihrer Gebote solche Gräuel forderte oder duldete? Man wird mir doch einräumen, daß die Judenheit zu allen Zeiten wissenschaftlich gebildete und zugleich auch tugendhafte Männer in ihrer Mitte hatte, und solche in der Jetztzeit in großer Anzahl in sich faßt; wie konnte oder wie kann von diesen Männern auch nur Einer Jsraelite verbleiben, wenn jene grausenhafte Verdächtigung auch nur einen Schatten von Wahrheit hätte? Ich frage weiter, Tausende von jüdischen Convertiten befanden sich immer und befinden sich noch jetzt in Mitte der Christenwelt; wie könnten solche Männer, die dem Judenthume nicht mehr angehören, einen Umstand verschweigen, der so gefährlich mrd verderblich ist? Ja, man frage diese Männer, man beschwöre sie, was würden sie sagen? Sie werden sagen, daß diese Beschuldigung die infamste Lüge sei, die die Bosheit je erfand. — Ich frage ferner: Wenn die Beschuldigung. Gott bewahre, gegründet wäre, wo nähme man das BUtt her, das Man jährlich nöthig hätte? Würde wohl das Blut von Hunderten hmreichen, die Bedürfnisse nur der Juden eines größeren Staates, geschweige den» der von Deutschland, und andern Ländern zu beftiedigen? Woher also jährlich diese Hunderte? Man schlage bei den Pfarrämtern die Register der Gebornen und Gestorbenen nach, wird wohl in Jahrzehnten auch nuv Eine Person Vorkommen, über deren Dasein man nicht Rechenschaft geben könnte? Noch mehr: Wo nahmen die Juden Christenbiut her, bevor noch das Christenthum bestand? Man wird antworten, daß auch Heidenblut genügt haben mochte. Hat man aber m der Heidenwelt je von einer solchen Beschuldigung gehört? Und würde der Stifter der christlichen Religion, der so viele Uebelstände der dama- *) Cömment. LiB. I. in Arnos. **) Wir gedenken nunmehr dem Bedürfniß genügt zu haben, und werden , wen» nichts Neues sich darbieket, die Sache auf sich beruhen lasten. D. H. §) Diese werden vielleicht spater m einer besonderen Broschüre folgen. ligen Zeit rügte, nicht vorzüglich gegen einen solchen Gebrauch geeifert haben, wenn ein solcher bestanden hätte? Und — frage ich weiter — warum hörte man in dem großen türkischen Reiche vom Beginn des Islams bis jetzt, also in einem Zeitraum von zwölf Jahrhunderten, nichts derartiges, dis es endlich einem französischen Consul, Gott weiß, aus welchen Beweggründen, einfiel, sich an der türkischen Tortur reicher Israeliten zu laben? — Zu welchen Gräueln führt nicht der Haß, zumal, wenn er gegen Schwächere gerichtet ist, die keine Macht zur Gegenwehr haben! O des unsinnigen heillosen Wahnes f — Wir gehen in unfern Fragen gegen diese ruchlose, erbärmliche Verdächtigung weiter: Bedürfte man des Blutes, wäre es darum nöthig, Menschenmord zu begehen, und sich dadurch in Gefahr zu begeben; könnte man sich dessen nicht auf sehr leichte unschuldige Weise verschaffen durch das von den so häufig vorkommenben Aderlässen? — Es ist in der That traurig, sehr traurig, zur Begegnung solchen Unsinnes auch nur ein Wort schreiben zu müssen. Ich behaupte, und das gewiß mit allem Fug, daß unter keiner Glaubenspartei der Mord so sehr verabscheut und daher auch so selten ange. troffen wird, als bei den Juden. Man darf mit Sicherheit annehmen, daß unter taufend Mordthaten, die begangen werben, kaum Eine von Juden verübt wirb, da wo auch das Zahlverhältniß der Juden zu den Christen, wie z. B. in Baiern, nur wie 1 zu 100 sich herausstellt. Die Worte der heiligen Schrift: „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll durch Mensche» wieder vergossen werben; denn im Edenbilde Gottes erschuf er den Menschen.^ (Genesis ich 6.) sind tief emgegraden in jedes Jsrae-- liten Brust, und schon der entferntere Gedanke eines Mordes erregt in ihm Schauder und Entsetzen. Diese Worte Gottes wurden gesprochen nach der Sündfluth, also zu emer Zeit, in welcher es weder Juden noch Christen, noch Mohamebaner gab, sondern Menschen; ihr Inhalt erstreckt sich also natürlich auf alle Menschen, ohne Unterschied des Glaubens, und so wird er auch von den orlhodoren Lehrern verstanden. (Siehe Tosfoth Jomtob zu Aboth, Abschnitt 3, Mifchna 14.) O unglückliches Israel! nicht genug, daß man dir noch fo häufig mit Druck, Spott und Hohn begegnet, will man dir auM das Kostbarste, das du besitzest, deine Tugend, deine Scheu vor Gräueltaten, streitig machen, und dich zum Mörder stempeln, zum Marder unschuldiger Menschen, unschuldiger Kinder, zum Mörder im Namen deiner Religion, die nicht so sehr verabscheut, als den Mord. Welche bittere Erfahrungen! Welche harke Prüfungen! — Die Falschheit und Ungereimtheit der Verdächtigung, gehet auch aus dem gewiß nicht unerheblichen Umstand hervor, daß die Osterkuchen fast allenthalben in christlichen Häusern, bei christlichen Bäckern, und häufig von christlichen. Arbeitern bei offenen Thüren und vor Jedermanns Angesicht bereitet werben. Welcher Unsinn wäre es, hierbei noch auf eine Beimischung von Menschenblut zu denken! Hunderltausende von Juden haben schon als Märtyrer dieses schrecklichen Wahnes geblutet. Von den vielen Beispielen hier nur einiger „Unter der Regierung Kaiser Friedrichs ir. ertranken 3 junge Leute in der Gegend von Wien, indem das schwache Eis eines Teiches unter ihnen brach. Bald verbreitete sich das Gerücht, sie seien von den Juden erwürgt worden. Die Ellern der Ertrunkenen klagten hierauf. Mehrere Juden wurden verhaftet, und bekannten auf der Folter das ihnen angeschuldigte Verbrechen. In Folge dieses Geständnisses wurden dreihundert von ihnen lebendig verbrannt. Nachdem der Teich aufgethaut war, fand man die Körper der Ertrunkenen, und erkannte zu spät, mit welch rasender Grausamkeit man so viele Unschuldige hingerichtet hakte." „In Metz war einst ein Chriftensöhnlem verloren gegangen. Es war kaum eine Stunde vermißt, als christliche Zeugen schaarweise austraten und aussagten: sie hätten das' Söhnlein in rin Judenbaus gehen sehen, wo es nicht wieder herausgekommen wäre. Diese Zeugen müssen so glaubwürdig befunden worden sein, daß man dem Juden schnurj, stracks seinen Prozeß machte und chu erschoß. Nach einigem

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