Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 23 (5.6.1840)
- Date
- 1840-06-05
- Page
- Seite 199 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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199 Verhältnisse der Israeliten in Rußland. (Aus einem Schreiben von der Russischen Gränze.) (Schluß von Nr. 21.) Ein allgemeines Gebrechen, wodurch es bisher unmöglich war, den Zuständen eine bessere Wendung zu geben, liegt wohl darin, daß die höhern Behörden weder von dem Leben und dem innerlichen Streben und den religiösen Ansichten der Israeliten eine genauere Kunde haben, noch überhaupt diesem Punkte besondere Aufmerksamkeit widmen; daß vielmehr die Aussagen derjenigen, welche zum Christenthum übertreten, gar zu leicht Gehör finden, und daß einzelne aus altern Schriften ausgezogene Fragmente, die im Zusammenhänge häufig einen andern Sinn haben, Urtheile zu begründen dienen, welche sehr oft ohne Weitersdie ganze Masse herabwürdigen und sie gleichsam moralisch rödten, was in der Thal eine Ursache mehr ist, um den Geist, der sich in gemeinnütziger Thätigkeit entfalten könnte, völlig zu entmuthigen. Bekanntlich ist allen Rabbinen aufgegeben, aus dem Thalmud und den verschiedenen Werken über Gesetz-Entscheidungen alle diejenigen Stellen zu streichen, in denen nicht-jüdische Religionen berührt werden. Die sonach abgeänderten Exemplare müssen zur Prüfung den Behörden vorgelegt werden. Da diese Verordnung bei starker Strafe eingeschärft ist, so gehen viele unverständige Rabbinen hierin noch viel weiter als beabsichtigt wird, und streichen die unschuldigsten Stellen, so wie sie sich auch Aenderungcn gestatten, wo und wie es ihnen gerade recht scheint. Sehr viele einsichtsvolle Männer erkennen den praktischen Nutzen dieser Anordnung; in so fern dadurch der Jugend manche Härte und unduldsame Aeußerung unzugänglich bleibt. Schreiber dieses glaubt freilich, daß man dem Thalmud einen zu großen Einfluß auf die sociale Sinnesart zuschreibe; denn jeder, der diese Quellen ftudirt, weiß recht wohl, daß sie zu ihrer Zeit nur das grobe Heidenthum als Gegensatz zur jüdischen Religion vor Augen halten, und folglich für die Gegenwart nur historisches Interesse haben. Dagegen dürfte größerer Nachtheil für die Wissenschaft zu befürchten sein, wenn die Werke, deren Inhalt so starkes Licht über die frühere Geschichte verbreitet, ganz und gar verändert und entstellt erscheinen, so daß die größte Begriffsverwirrung daraus entstehen muß. Schon haben die altern Ausgaben durch willkührliche Emendationen den Inhalt an vielen Stellen unkenntlich gemacht; wie viel muß erst jetzt die Wissenschaft einbüßen, da eine durchgängige Umgestaltung erfolgen soll? Besser wäre es, alle diese Quellen nur der reifer« Jugend zu eröffnen, und für tüchtige vorbereitende Schulbildung zu sorgen. Doch wir lassen dieses dahin gestellt sein. Die weise Absicht der Verordnung liegt klar vor; man will der studirenden Jugend des Gedankens entwöhnen, daß die jetzt ganz antiquirten Gesetz-Entscheidungen, die ohnehin den mildern Sitten unsrer Zeit keinesweges Zusagen, als religiöse Vorschrift anzusehen seien, und zugleich die Juden von dem Vorwurfe. befreien, daß sie selbst den Religionshaß durch Beibehaltung ihrer socialen Satzungen nähren. Das aber ist gewiß bemerkenswerth, daß der jedenfalls humane Zweck nur dann gehörig erreicht würde, wenn auch andrerseits den beständigen feindlichen Angriffen in öffentlichen Blattern und Flugschriften, welche in die Hände der Masse kommen, ein Ziel gesetzt werden könnte. Denn wie kann der gegenseitige Haß endlich aufhören, wenn es jedem gestattet ist, sich mit der leidenschaftlichsten Bitterkeit über diese zahlreiche Volksklaffe auszusprechen, und immer von neuem die blinde Menge gegen sie zu reizen? Es ist unglaublich, welche ausgesuchte Lügen über die Denkart der Juden im Volke verbreitet sind, und allgemein Glauben finden. Wir werden gelegentlich mehrere Fabeln als charakteristisch anführen, um darzuthun, was für Lächerlichkeiten man uns beimißt. Und die Juden sind stumpfsinnig genug, um nicht an eine klare Darlegung ihrer Grundsätze zu denken. Wirklich fehlt es diesen an der moralischen Energie. Nach außen wenig Aufmunterung findend, leben sie desto mehr in sich zusammengedrängt, und werden gegängelt von der Habsucht derjenigen, welche listig genug sind, den frommen Sinn der Einfalt zu mißbrauchen und durch allerlei abergläubische Gaukeleien und Wunderthatereien zu umstricken. Ueberall finden sich solche Chasidim-Oberhäupter, welchen die Menge von allen Seiten zuftrömt, um Orakelsprüche zu vernehmen und Segen zu empfangen, was jedesmal mit guter Bezahlung ausgewogen wird. Der Eigennutz dieser verderblichen Volksführer bestimmt sie auch, gegen 23*