Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 22 (29.5.1840)
- Date
- 1840-05-29
- Page
- Seite 191 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3133765-3133820-3133843--0693-3134860- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
191 Die armen Israeliten unseres Departements sind eben so zahlreich als unglücklich; die Ursache -er Anzahl liegt eben sowohl in der Begünstigung -es Bettelns als in der natürlich fortschreitenden Vermehrung einer Menschenklasse, deren Ausdehnuug noch keine mildthätige Anstalt einzuschränken versucht hat. Wer von uns hat andrerseits noch nicht Las Zurückkommen vormals reicher Familien bemerkt? giebt es nicht weit mehr Arme, die aus reichen Familien herstammen, als Reiche, die arme Eltern hatten? Diese Lage ist die natürliche Folge des Wechsels, der in unserer Lebensweise und unfern gesellschaftlichen Zustand eingetreten ist. Hier ist nicht der Ort, eine vollständige Schilderung alles unsers Elendes zu machen; es genügt, dessen Bestehen darzuthun, um Sie von der Nothwendigkeit einer schnellen Abhülfe zu überzeugen. Wir eilen demnach Ihnen unsere Verbesserungsmittel vorzuschlagen, deren doppelter Zweck die Abstellung des Bettelns und die Gründung einer Arbeitsschule für die dürftigen Israeliten des Oberrheins sein soll. In verschiedenen Departementen Frankreichs, wo sich die Bevölkerung der Israeliten angehäuft hat, bestehen schon seit geraumer-Zeit Kunst- und Gewerbschulen, wo junge unbemittelte Israeliten unentgeldlich ausgenommen werden, indem die bemittelte Klasse die Unkosten trägt; die Resultate, welche man in diesen Anstalten erlangt hat, sind unschätzbar; überall trifft man Subjekte an, welche daselbst ihre Bildung erhalten haben und jetzt ein ehrbares Gewerbe treiben, wodurch sie sich die Achtung ihrer Mitbürger von allen Religionen erwerben; warum sollten wir nicht solche Beispiele nachahmen, wir, denen es nicht an Mitteln zur Gründung, noch an Subjekten zur Leitung ähnlicher Stiftungen fehlt! Wenn unser Departement nicht schon lange eine solche Schule hat, so schreibe man dieses nicht dem Mangel an Eifer von Seiten des Consiftoriums zu, welches man so ungegründeter Weise mit diesem Vorwurfe beladen; die Ursache davon ist anderswo zu suchen; und da zeigt sich zuerst unsere Sorglosigkeit für die Armen, denn die berühmte alte patriarchalische Gastfreundschaft ist verschwunden; wir meinen genug gethan zu haben, wenn wir, um unser Gewissen zu beschwichtigen, dem Bettler ein geringes Almosen gereicht haben, welches ihm in moralischer Hinsicht mehr schädlich als in materieller Hinsicht nützlich ist; alsdann das tiefeingewurzette Vorurtheil, daß ein Israelit sich nicht von einem Handwerke nähren könne; als wenn wir nicht von Beispielen umgeben wären, welche diesem verderblichen Vorurtheile geradezu widersprechen. Nach diesen Bemerkungen aber, welche ohngeachtet ihrer Wichtigkeit, nur untergeordnet sind, zeigt sich eine wirkliche sehr erhebliche Schwierigkeit, an welcher die lobenswürdigften und reinsten Absichten scheitern, nemlich die Geldmittel, welche zur Gründung und zum Unterhalte dieser Anstalten! erforderlich! sind, und welche für immer das Betteln, die Unfähigkeit und die persönliche Geringschätzung verschwinden machen sollen. Wer weiß es nicht, daß die herrschende Liebe zum Gelde, dem Götzen unsers Zeitalters, alle Gefühle der Großmuth erstickt und gar viele Herzen dem Mitleiden unzugänglich macht, das uns die Leiden unserer Armen einflößen sollten! Geschätzte Brüder, wir ermahnen Euch im Namen unserer heiligen Religion, im Namen der leidenden Menschheit, Euch zu dem so edlen Gefühle der Großherzigkeit zu erheben, der Tugend der jünger» Mitwelt, in deren Mitte wir so friedlich leben. Wie könnten wir dieser Gesinnung uneingedenk sein, der wir die Gerechtigkeit verdanken, welche das französische Volk uns endlich wiederfahren lassen, indem dasselbe uns die Gleichheit der bürgerlichen und politischen Rechte zugeftanden? Ist es nicht dieselbe Gesinnung, welche in unserer heiligen Religion so kräftig anempfohlen wird; nämlich denen insbesondere Gutes zu thun, von denen wir keine Vergeltung erwarten? Und dies ist die Lage, in welcher sich so viele unglückliche Israeliten befinden, deren Schmach und Elend wir durch die Errichtung einer Arbeits- und Wohlthätigkeitsanftalt mindern können.—Wir rechnen demnach auf Euren Eifer, uns durch Unterschriften und Beiträge zur Gründung einer Arbeitsschule und Wohlthätigkeitsanftalt behülflich zu sein, welche in Kurzem Euch von dem für jedes gefühlvolle Herz so schmerzlichen Anblicke befreien wird, von dem Anblick des in Lumpen gehüllten Elendes, das vom Lande in die Stadt und umgekehrt unter den scheußlichsten Gestalten herumirrt; ihr werdet die wandernden Spitäler nicht mehr sehen, welche arme Kranke von einer Gemeinde zur andern schaffen. Die Arbeitsschule wird zugleich die Jugend dem verächtlichen Betriebe der Unterhändler, ohne welche kein Wuchergeschäft gemacht werden kann, entziehen. 22*