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Israelitische Annalen · 1840-05-22 · Heft 21 (22.5.1840) · p. Seite 183

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1840
Issue
Heft 21 (22.5.1840)
Date
1840-05-22
Page
Seite 183 (sequence 7)
Language
German
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183 AuSsage des Bedienten. Der französische Consul begab sich mit seinem Gefolge an den angezeigten Ort, die beiden Zeugen waren hinter einander vorauf. Beide mußten auf Wagen gefahren werden; so sehr hatten sie gelitten, daß sie nicht stehen noch gehen konnten. An dem von ihnen angezeigten Orte öffnete man den Canal, man fand ein Stück Knochen, die Reste eines Barets oder einer Kutte. Aerzte erklärten dies für Menschen» knochen. Man brachte diese in den Serail, legte sie den 7 Angeklagten vor. Diese aber wiesen jede Schuld standhaft von sich. Hierauf wurden sie verschiedenen Arten von Torturen unterworfen, den Ruthen übergeben, und zuletzt gestanden sie nach einander, sie seien dessen, was der Barbier und der Diener ausgesagt hätten, schuldig. Nach diesen Geständnissen wollte man das verwahrte Blut auffinden. Jeder der 7 sagte aus, er habe es einem andern seiner Mitschuldigen übergeben. Der letzte. Muss« Abulafia, welcher nicht wußte, wie er ausliefern sollte, was er nicht hatte, und das er unter den grauenhaftesten Torturen wiederzugeben angehalten ward *), erklärte, er wolle Muselmann werden. Da dies nicht genügte, so sagte er, er habe das Blut dem Rabbinen Zakob An tibi übergeben. Dieser ward sofort gegeißelt und gefoltert, aber er leugnete standhaft. Vier Tage nach dem Geständniß der Kaufleute wollte man sie zwingen, die Uhr und die Schlüssel, welche der Bruder Thomas getragen hatte, auszuliefern. Da die Unglücklichen sahen, daß man nur darauf ausging in schrecklichen Qualen ihr trauriges Leben zu verlängern, leugneten sie Alles, und erklärten, daß ihre früheren Geständnisse ihnen nur durch die entsetzlichen Martern entrissen waren. Da waren die Inquisitoren in arger Verlegenheit. Die Bastonnade ward wieder angewendet, eben so alle andern Martern, um das Geständniß wieder zu erzwingen, aber Alles war vergebens. Jetzt gab man das Blutsuchen auf, und begann nach den Spuren des Bedienten zu forschen, an den man bisher nicht ernstlich gedacht hatte. Wiederum nahm man den Diener des David Arari vor, welcher gern bereit war, die Wege zu zeigen. Er sagte Folgendes aus: Am Abend des 5. Februar, nachdem Th. im Hause seines Herrn ermordet worden war, hatte dieser ihm befohlen, sich ins Haus des Marad Farhi, eines reichen Israeliten, zu begeben, ihm von dem Vorfälle Nachricht zu geben, und ihn aufzufordern, auch dessen Bedienten dasselbe Schicksal zu bereiten. Er habe diesen Auftrag ausgerichtet, und dort den Jsaac de Piccioto, einen österreichischen Unterthan, gesunden, welcher die Reden mit angehört haben mußte. Tags darauf sei Piccioto noch ins Haus des Arari gekommen, und zwar mit Marad Farhi, Meir und Assan Farhi und Aron Stamboli, lauter sehr angesehene Männer, *) Man brannte unter andern die Genitalia mit glühendem Eisen; man stieß glühendes Eisen durch's Fleisch und zog dann so lange an dem andern Ende, bis der Unglückliche und das Fleisch zugleich zur Erde stürzten. und diese alle haben erzählt, daß sie den Bedienten des Vaters Th. ins Haus des Meir Farhi geführt und dort getödtet hätten. Ich muß hier bemerken, daß die schauderhafte Procedur gegen die 7 Kaufleute allen bekannt war; mau wußte, daß 2 bereits im Kerker gestorben waren, und daß man entschlossen war, den Angeschuldigten mittelst der Torturen die Geständnisse abzunothigen. Täglich entwickelte sich eine grausamere und fanatischere Verfolgung gegen die Juden dieser Stadt, täglich neue Verhaftungen und schauderhafte Behandlung. Die angesehensten Israeliten versteckten sich oder flohen. Don den 5 letzten, durch Murad el Fallat angezeigten Individuen, fand man nur Piccioto, welcher als österreichischer Unterthan jeder ungerechten Plackerei mit Recht zu entgehen hoffte. Er wußte von der Sache nichts und auch gegen ihn heftete der französische Consul seinen Verdacht. Am 6. Mach suchte er in meinem Consulate um Erlaudniß nach, den Piccioto verhaften zu dürfen. Sogleich mit Herrn Ayrut zu S. E. dem Scherif Pascha geschickt, ward er verhaftet. Nicht bloß leugnete er dem Diener gegenüber, sondern er wollte auch durch Zeugen sein Alibi in der vom Ankläger angegebenen Zeit beweisen; nämlich daß er Mittwoch in der Dämmerung mit dem österreichischen Consul und dessen Kanzler außerhalb der Stadt war, nach Sonnenuntergang aber im Hause der Maalem Raphael Farhi, wo er verweilte, dann zu Hause, wo er Abendbrod aß, und dann mit seiner Frau bei Herrn Georg Macsom, einem Engländer, bei welchem er etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang angekommen war und dis nach Mitternacht plauderte. Hr. Macsom, auf Antrag des französischen Consuls, ward desselbigen Tages vor den englischen Consul geladen, und seine Aussage bestätigte vollkommen die des Piccioto. Am 7. begibt sich der franz. Consul ins Haus Farhi, wo der Bediente ermordet worden sein sollte. Er findet keine Spur des Verbrechens. Er läßt eine nicht weit davon entfernte Wasserleitung öffnen; man entdeckt da Knochen, eine ungestalte Haut, die man für eine Leder hält, und eine Schärpe. 32 Tage waren seit dem Morde verstrichen, man erkennt diese Schärpe für dem Bedienten zugehörig. Der Consul schließt daraus, es seien Judicien der Aussage des Murad el Fallat über den im Hause des Meir Farhi begangenen Mord vorhanden; es könne also seine Anklage gegen Piccioto wahr sein. Alle die Reste werden aufs französische Consulat gebracht, und in einen Kasten gelhan, um als Beweise des Verbrechens zu dienen. Der Werth dieser Beweise verliert aber viel von seiner Kraft, als züin Erstaunen der Untersucher, die gefundenen Knochen, welche der Doctor Massari, Leibarzt des Scherif Pascha, und Doctor Rinaldo, Arzt, auf Gewissen für Menschengebeine erklärt hatten, bei näherer Untersuchung durch den Doctor »Dograsse, einen gelehrten Arzt, für Thierknochen und nicht Menschenknochen erklärt wurden. — Dennoch hielt man Piccioto auf dem franz. Consulate in Haft. Aber alle Beschuldigungen gegen ihn schienen zu verschwinden, als

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