Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 21 (22.5.1840)
- Date
- 1840-05-22
- Page
- Seite 182 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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182 Ein junger Hebräer, welcher sich unterstand auszusagen, er habe ihn anderswo gesehen, wurde so sehr mit Ruthen gepeitscht, daß er 24 Stunden darauf im Kerker starb *). Verhaftungen erfolgten, die Bastonnaden nahmen zu; ein 6vjähriger Greis blieb unter den Schlägen. Sein Verbrechen war, daß er an dem Iudenviertel als Pförtner diente. Man grub zwei israelitische Leichen, welche jüngst beerdigt waren, aus, um zu sehen, ob es nicht die der beiden verschwundenen Personen seien, oder ob etwa diese Juden, an dem Verbrechen theilnehmend, tödtliche Wunden im Kampfe mit Thomas und seinem Bedienten erhalten hätten. Mehrere Häuser wurden durchsucht, darunter auch die von verschieden österreichischen ober toskanischen Unterthanen mit Bewilligung meines Consulates. Viele Tage jedoch blieb alles Nachsuchen durchaus erfolglos. Endlich verlangte der Herr französische Consul, man solle einen Türken von gemeiner Abkunft, Namens Mohamed-el-Telli, welcher Staats-Schulden halber verhaftet war, auf freien Fuß stellen, und bediente sich desselben in dieser Sache, nicht bloß um auf die Spur der Verbrecher zu führen, sondern auch um die Verdächtigen und Gefangenen anzuhalten, durch Geständnisse zur Entdeckung des Verbrechens und dessen Urhebers einigen Aufschluß zu geben. Sogleich bei den ersten Verhaftungen hatte man einen jüdischen Barbier ergriffen. Er war auf dem französischen Cvnsulate verhört worden, und in seinen Antworten hatte man Verwirrung, Widersprüche wahrgenommen. Er schien stärker inculpirt als alle andere Verhafteten. Mehrere Tage blieb er auf dem Cvnsulate in Haft; man ermahnte ihn Alles zu erklären, und versprach ihm Freiheit von Strafe, i eine Belohnung, ein sicheres Geleite ins Ausland. Allein alle diese Mittel schlugen nicht an, er blieb beim Leugnen! und nichts machte ihn wanken. Er ward Sr. Erc. dem I Sehriff Pascha überwiesen. Neue Versprechungen, ohne Erfolg. Hierauf ward er zweimal auf grausame Weise mit *) Ueber den Tod dieses Jünglings sagt ein hebräischer Brief Folgendes: Ein israelitischer Jüngling weihete sich der Heiligung Gottes (d. i. dem Märtyrertode). Er begab sich zum Pascha? Was ist das für Gerechtigkeit, sprach er. Alle diese Anklagen sind lügenhaft. Dies Blut soll zu unfern Osterkuchen dienen; wer von allen Häuptern der Nationen weis nicht, daß das eine schändliche Lüge ist? Du sagst: der jüdische Barbier bat es angezeigt; ich antworte: die grausamen Ruthenstreiche, die furchtbaren Todesqualen haben dies Geständniß erzwungen. Er hat sein Leben retten wollen. Vielleicht haben Türken oder Christen diesen unglücklichen Priester getödtet, und du willst (was Gott verhüte) Rache an den Kindern Israels nehmen! — Kaum hat er dies gesprochen, als der Pascha und Baudin, der Dragoman des franz. Consuls, ihm antworten: Du schiedst das Verbrechen auf Türken oder Christen; du weißt also etwas! — Alsbald wird er mit Ruthen gepeitscht, und wieder gepeitscht; er wird durch die Folter zerrüttet, und man ruft ihm stets zu: Rede! sage die Wahrheit! — Er aber unerschütterlich unter den entsetzlichen Qualen ruft aus: Höre Israel, der Ewige unser Gott ist ein einiger Gott! — und giebt den Geist auf! — Ruthen gepeitscht; er ward am Kopfe gemartert. In der Zwischenzeit besuchte ihn brüderlich obiger Mohamed-el-Telli, und ist so glücklich, daß jener endlich Folgendes aussagt: „Am 5. Febr. gegen Abend ist er in's Haus des David Arari gerufen worden, dort waren noch Joseph, Aron und Isaak Arari, Muss« Abulafia, Moses Salonati und Joseph Laniado, lauter angesehene israelitische Kaufleute. Sie beredeten ihn, den bereits im Winkel einer Stube geknebelt liegenden Vater Thomas zu tödten. Er aber hat sich zu diesem schauderhaften Verbrechen nicht hergegeben. Darauf schickte man ihn, indem man ihm eine Summe Geldes überwies, um ihn zum Schweigen zu verpflichten, wieder fort; und so sei er weggegangen, ohne von dem Schicksale des armen Vaters etwas näheres zu wissen. Sofort wurden die 7 Kaufleute verhaftet, verhört. Alle leugneten. Man hatte schon angefangen, die Bastonnade anzuwenden. Da man aber bedachte, daß die meisten schon hochbejahrt waren und leicht bei den ersten Stockschlägen erliegen dürften, so hoffte man durch andere Qualen ein Geständniß zu erzwingen. Man ließ sie36 Stunden aufrecht stehen, ohne ihnen Schlaf zu gönnen. Sie hielten dies aus, und blieben bei'm Leugnen. Nach diesem Versuche ließ man einige peitschen, doch hielt man inne, denn beim 20sten Hiebe sanken sie ohnmächtig nieder. Da sie beharrlich leugneten, so glaubte der französische Consul, man habe die vorgeschriebene Geißelung nicht gehörig ausgeübt, und verlangte eine Wiederholung. Man schritt wieder dazu. Allein sie erklärten fernerhin, sie seien unschuldig. Unterdeß ergriff man einen Bedienten des David Arari. Er mußte lange die Ruthenstreiche aushalten. In der Zwischenzeit wusch man seinen zerfetzten Körper mit kaltem Wasser. Endlich sagte er aus, er habe auf Befehl seines Herrn, D. Arari, den Barbier des Abends nach dessen Hause hingerufen. Sechsmal ward Davlb Arari's Haus durchsucht, um das eorpus delicti zu finden, alles umsonst. Endlich am 27. Febr. Abends, warb Murad el Fallat, jener Bediente, wieder geholt. Nach förmlicher Zusage voller Straflosigkeit von Seiten des französischen Consuls; nach mehreren freundlichen Besuchen (viste pietose) des Telli, erklärte er, er selbst habe den Vater Thomas im Hause des David Arari getödtet, und zwar in Gegenwart und auf Verlangen der 7 verhafteten Kaufleute. Der Barbier, derZsich geweigert hatte, an dem Verbrechen Theil zu nehmen, habe den Bruder Th. gebunden und ihn während der Ermordung festgehalten. Die 7 Kaufleute haben bas Blut des armen Bruders in einem christallenen Gefäße aufgefangen, um solches zu einem ihm unbekannten religiösen Gebrauche zu benutzen. Dann habe er und der Barbier den Leichnam zerstückelt, Knochen und Schädel zerschlagen, und alles dies in die Wasserleiturg einer der Judenstraßen, weit von Arari's Hause, hineingeworfen. Jetzt nahm man wieder den Barbier vor; man verhörte ihn sanft, liebreich, man ermuthigte ihn durch das Versprechen der Straflosigkeit. Cr bestätigte endlich die