Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 21 (22.5.1840)
- Date
- 1840-05-22
- Page
- Seite 181 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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181 man jetzt als schauderhaste Wirklichkeit hinzustellen. Setzt diesem Strome ein Ziel." Dennoch haben wir bis jetzt es vermieden, die authentischen und officiellen Aktenstücke, welche wir in Händen haben, und welche über diese betrübende Sache Licht verbreiten, der Oeffentlichkeit zu übergeben! Alle diese Aktenstücke und Privatschriften sind in den Händen des Herrn Conseil-Präsidenten. Wir rufen die mächtigste Verwendung der französischen Regierung in diesem entsetzlichen Drama an. Oesterreich, Sachsen, England haben die Wichtigkeit des Einschreitens der europäischen Regierungen begriffen; es ist hier das Auftauchen der Religionsverfolgungen, die Erneuung der mittelalterlichen Anklagen und Folterungen. Erst greift man die schwächere Minorität an, wo aber wird der Aberglaube mit seiner Rache stehen bleiben? Frankreich kann hinter den andern civilisirten Nationen nicht Zurückbleiben. Als Beschützerin aller religiösen Anstalten der Christenheit im Orient, wird es, wenn ein Oberhaupt solcher Anstalt durch ein Verbrechen verschwindet, die Ehre und das Leben derer, welche angeklagt werden, bewachen. Welchem Volke diese auch angehören mögen, Frankreich muß ihre Schutzwache sein, bis dahin, daß eine gesetzliche Ueberführung derselben eingetreten ist. Aber in welchem wohlgeordnetem Staate erkennt man die durch die Folter erzwungenen Geständnisse als ächte Beweise an? Die zahlreichen Aktenstücke, welche wir besitzen, lassen über zwei Wahrheiten keinen Zweifel, 1) daß die des schrecklichen Mordes zu Damask Angeklagten, die Verbrecher nicht sind; 2) daß die durch die Folter anfangs erzwungenen, dann aber wieder mit Bewußtsein zurückgenommenen Geständnisse, die Anklage nicht rechtfertigen können. Aus der Menge dieser Schriften wählen wir einige, welche einen officiellen Charakter haben, und über allen Verdacht erhaben sind. Der Name darunter ist der des österreichischen Consuls zu Damask, eines Mannes, den der General-Consul in seinen Briefen sehr'hoch stellt: er ist Katholik, und die Reinheit seines Glaubens zeigt sich in dem rührenden Ausdruck seines Berichtes: „Man hat an den Zuden den Tod des göttlichen Meisters rächen wollen, welcher ihnen ja doch vergeben halte." Diese Berichte enthalten die vollständigste Widerlegung des vom Bruder Francis de Sardtiigne geschriebenen Briefes. Dieser Brief schweigt von den Qualen, welche die unglücklichen Angeklagten ausgestanden haben; die Berichte aber geben eine schaudererregende Schilderung. Der Brief ist vom 5. März datirt, die Berichte aber sind vom 23., 24. und 26. Der Brief streicht den französischen Consul stark heraus, die Berichte aber zeigen, baß der Agent der französischen Regierung der Beförderer der gewaltsamsten, schändlichsten Maßregeln war. Wir waren gewohnt in unfern Agenten Beschützer zu finden, welche zwischen Anklage und Tortur einfchritten, nicht aber Inquisitoren, welche die Menschheit entehrende Qualen und elende Angebereien begünstigen. Trauriges Blatt der Geschichte! Furchtbarer Ueberzug der im Westen erloschenen Vorurtheile nach dem Osten hin! Wann wird der Tag kommen, an welchem, sobald der Fanatismus irgendwo sein Haupt erhebt, alle Völker auf den Ruf der Unterdrückten aufstehen, und als Kinder einer Familie und Geschöpfe desselben Gottes, sich der ihnen obliegenden Pflicht erinnern, und einsehen, daß die Religionsverfolgungen die abscheulichste Verleugnung der offenbarten Religionen enthalten? — Ad. Cremieur, Advokat und Vice-Präsident des israek. Central- Consistoriums zu Paris. 2) Bericht des Herrn Mer lato, öfterr. Consuls zu Damask, gesandt am 23. Marz 1840 an Herrn Laurin, öfterr. General-Consul in Alexandrien. (Aus dem Italienischen.) Folgendes ist das Ergebniß meiner gewissenhaftesten Nachforschungen. Am 5. Febr. 1840 verschwand plötzlich der Capuziner, Bruder Thomas aus Sardinien, und mit ihm sein Bedienter, ein kräftiger junger Mann. Der vermißte Mönch wohnte seit 1806 — 7 in Damask; er hatte früher Arzneikunde ausgeüdt, und seit langer Zeit sich nur mit Pocken-Impfung an Kindern aller Classen und aller Kulte befaßt. Er war im ganzen Lande bekannt. Er hatte ein weit ansehnlicheres Vermögen erworben, als die Regel des Ordens, dem er angehörte, verträgt. Er gab nicht gern. Er sprach viel und mit Jedermann ohne Ausnahme; er war mitunter unmäßig; er war etwas leichtfertig (d'im caractere facile); er besaß wenig Kenntnisse. Am Tage nach seinem Verschwinden, begann der französische Consul, Graf von Ratti-Menton, welchem die Untersuchung der Sache unmittelbar anheimficl, die Spuren der beiden Verunglückten zu verfolgen. Er begab sich zuerst in deren Wohnzimmer. Geld und Sachen, sowohl des Bruders, als des Dieners und des Hospizes, Alles war unberührt geblieben. Gleichzeitig erklärten mehrere Israeliten, man habe am letzten Abend den Bruder Thomas im Quartier der Juden gesehen; Niemand wollte ihn wieder herausgehen oder anderswo wieder gesehen haben. Daraus schloß man, daß er nach seinem Eintritte in dies Viertel, von den Juden umgebracht worden sei. Sobald diese Ansicht einmal gefaßt war, unterließ man jede anderweitige Nachforschung in den übrigen Stadttheilen, während es doch gewiß sich gebührt hätte, auch in den andern Stadtvierteln nachzuforschen, zumal Thomas und sein Bedienter kurz vorher auf dem sehr besuchten Platz Hassan-Pascha einen heftigen Streit gehabt hatte, bei welchem es sogar zu Schlägerei kam, und zwar mit Musulmanen von der niedrigsten Klasse, dem gemeinsten Gesindel, die den Lastträgern und Fuhrknechten Italiens gleich stehen *). — *) Musulmaui della piu bassa e piu impertinente canaglia, come sarebbe a dire: Muccheri o Yetturini.