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Israelitische Annalen · 1840-05-15 · Heft 20 (15.5.1840) · p. Seite 172

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1840
Issue
Heft 20 (15.5.1840)
Date
1840-05-15
Page
Seite 172 (sequence 4)
Language
German
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172 Wir unsrerseits sind der Meinung, daß nur eine völlige Emanzipation alle Zwecke auf's Sicherste erreichen werde. Aber wir geben gern zu, daß auch eine andere Ansicht, die eine stufenweise Emanzipation für zweckmäßiger hält, sich verteidigen lasse. Niemals aber kann man diese durch solche Motive, wie sie dem Ahasveros in den Mund gelegt werden, unterstützen. Engherzige und krankhafte Beweggründe können niemals gesunde und kräftige Gesetze erzeugen; der Zaghafte wird immer hintenan bleiben. Wer der Gesetzgebung vorleuchten will, muß es verstehen, die Fackel zu tragen! — Nachrichten und Correspondenzen. Constantinopel, den 10. April. — Wir empfangen so eben den Auszug eines Schreibens aus Constantinopel vom 10. April, worin der über Bairuth dorthin gelangte Bericht von dem Vorfälle zu Damask folgendermaßen (in treuer Uebersetzung aus dem Französischen) lautet: Auszug aus dem Schreiben von Bairuth, 6. März 1840. „Nicht ohne Schaudern berichte ich Ihnen das entsetzliche Unglück, welches die israelitische Gemeinde zu Damask betroffen hat, welche fälschlich angeklagt ist, wie aus Nachstehendem zu ersehen: Am 5. Febr. verschwand ein katholischer Priester, welcher seit 40 Zähren in Damask wohnte, und Arzneiwissenschast trieb; und mit ihm sein Bedienter. Am Tage darauf behaupteten mehrere Christen ihn zuletzt bei einem jüdischen Barbier gesehen zu haben. Sie brachten diesen sofort vor den Pascha, welcher ihn alsbald 500 Stockschläge geben und auf die furchtbarste Weise martern ließ, um ihn dahin zu bringen, daß er einen seiner Religionsgenossen mit angeben solle, wofür ihm alsdann das Leben zugesagt warb. Der Barbier, um den Qualen zu entgehen, gab sieben angesehene JSraeliten als Mitschuldige an, und fügte hinzu, daß sie ihm 300 Piaster angeboren hätten, um den Priester zu tobten, indem man zu nächstem Osterfeste Christenblut für die ungesäuerten Kuchen haben müsse; er aber habe niemals solchem Verlangen sich fügen wollen. Sogleich ließ der Pascha diese sieben Israeliten einziehen und foltern. Die Betheuerüngen der Angeschuldigten, daß Bibel und Thalmud jede Art von Blut, nicht nur der Menschen, sondern sogar der Thiere den Israeliten verbiete, war fruchtlos. Man belastete sie mit Ketten, schraubte sie, und ersann täglich neue Martern. Später verhaftete man noch andere Israeliten und drei ihrer vorzüglichsten Rabbinen, man knebelte Zuziehung der Seelsorger, aus den Gemüthern zu vertilgen und bas Volk zu belehren, daß dieses verabscheuungswürbige Laster dem mosaischen Gesetze, den Schriften der Propheten und überhaupt dem ganzen alten Testamente, worauf die jüdische Religion sich vorzüglich gründet, eben so sehr als den Vorschriften der übrigen Religionen zuwider sei. Cs kann folglich im Falle einer Mordthat, die von einem oder dem andern Juden verübt würde, wenn es sich auch zeigte, daß sie aus abergläubischen Absichten geschehen sei, dieselbe mit eben so wenigem Rechte der ganzen jüdischen Nation zur Last gelegt werben, als man wegen solcher Fälle, wenn sich dergleichen unter den Christen ereigneten, die ganze Christenheit beschuldigen könnte. Uebrigens haben die Obrigkeiten ernstlich darüber zu wachen, daß die Zuden gegen die Vorschriften des neuesten Gesetzes, besonders des 33sten Artikels, auf keinerlei Weise beunruhigt werden; welches dem Volke in allen Distrikten bekannt zu machen ist. bei unausbleiblicher Strafe für alle jene, die sich einer Verfolgung oder Beleidigung gegen Zuden schuldig machen." Vor einem halben Jahrhundert wußte man also verständiger zu urtheilen, als in den aufgeklärtern Zeiten. sie, man schlug sie mit dem Stocke so barbarisch, daß das Fleisch in Fetzen herunterhing. Auf die Frage, ob die Israeliten zum Osterkuchen Christenbkut brauchten, antwor. teten sie mit Festigkeit, daß wenn daran etwas wahres wäre, es in den heiligen Gesetzen stehen müßte. — Alle Kinder der jüdischen Schule wurden eingesperrt und mit Ketten belastet. Man gab ihnen 10 Drachmen (Loth) Brod und etwas Wasser täglich; den Müttern ward verboten, sie zu besuchen. So hoffte man das Geständniß eines nicht eristirenden Gebrauches herauszubringen. Ein etwas dreister Israelit begab sich zum Oberhaupt der Stadt lind bewies ihm, daß dieselbe Beschuldigung schon von mehreren Regierungen für abgeschmackt und unzulässig erklärt worden,sei, daß vielmehr die Aussage des Barbiers augenscheinlich nur geschehen sei, um den Qualen einer fortgesetzten Folterung zu . entgehen. Diese Erklärung zog aber denr Urheber nur Strafe zu. — Man riß die Häuser der Angeklagten nieder, um die Leichname der beiden Christen zu finden; aber auch dieß war vergebens. Man schritt wieder zu unerhörten Martern, da bestätigten endlich die Angeklagten die Aussage des Barbiers, um zum Tod verurtheilt zu werden und so ihre Leiben zu endigen. Auf die Frage, wo sie bas Blut hingethan hätten, nannten sie einen ihrer Gefährten, und als dieser leugnete, ward er auf die entsetzlichste Weise gefoltert, bis er erklärte, das Blut in seinem Hause zu haben. Man brachte den Unglücklichen halb tobt nach seiner Wohnung; er zeigte auf einen Schrank; aber in diesem fand man nichts weiter als eine Summe Gelbes, mittelst welcher er sicb retten zu können hoffte. Zetzt hatte er, in seiner Erwartung getäuscht, neue Qualen auszuhalten, und ging endlich zum Islam über. — Auch der Barbier hat sich den weitern Qualen durch den Uebertritt zum Islam entzogen. Ein Astrolog hat erklärt, der Priester sei von Juden ermordet! Weh! wenn die Justiz durch die Astrologie geführt wird! — " Do weit der Bericht. — Hier (in Constantinopel) hat der Cbacham-Baschi (Oberhaupt der Juden) wegen dieses Vorfalles Fasten angeordnet. Wahrlich, es ist Grund genug da, um zu trauern, daß in unserm Jahrhundert — und unter den Augen des französischen Consuls zu Damask solche Gräuel geschehen! — Ganz Constantinopel ist voll von dem Gerüchte, und leider glauben viele an die Wahrheit der Beschuldigung! — (Die Unschuld der Hingerichteten ist bereits erwiesen!) Nachtrag: Man erzählt sich hier, daß deutsche Blätter berichten, „der Chacham-Baschi habe, weil man dies Jahr den Messias erwarte, lOtägiges Fasten angeordnet und wolle, wenn dann der Messias nicht erscheine, diese ganze Hoffnung aufgeben." An allen dem ist auch nicht ein wahres Wort. — ' ■ München, 30. April. — In dem hier erscheinenden ,. Landboten" Nr. 107 hat Herr Rabbiner H. Aud eine Erklärung gegen die jüngst erneueten Verleumdungen unsrer Religion einrücken lassen, worin es unter andern heißt: „Ob der Priester (Thomas) gestorben oder ermordet worden sei, — das wissen wir nicht, — aber das wissen wir, daß wir Juden keine geheime Religions-Vorschriften haben. Unsre Religion liegt offen da, vor der ganzen Welt, im Oriente, wie im Occidente, und deren Grundlehre ist; Liebe und Erbarmen, nicht Mord und Todtschlag! — Du sollst den Menschen lieben, ohne Unterschieb, ob Einheimischer oder Fremdling, ob Freund oder Feind; du sollst heilig sein in Gesinnung und That, wie Gott heilig ist, gebietet die mosaische Religion zuerst, und von dieser unserer Religion sind diese menschlichen Grundsätze und Liebenspflichten in die Christliche übergegangen. Daher sagte der Stifter der christlichen Religion, er sei nicht gekommen bas Gesetz Mosis aufzuheben. — Wir erklären daher im Namen unsrer göttlichen Religion alle jene Umstände und Details, welche von der Ermordung des Thomas erzählt werde, für boshafte Lügen und Verleumdung. Was von Aussagen, die auf der Folter abgezwungen werben, zu halten sei, weiß jeder Vernünftige!" Darauf weißt der Verf. auf die Ungereimtheit der Idee selbst hin. In der hiesigen politischen Zeitung v. 28. April

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