Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 20 (15.5.1840)
- Date
- 1840-05-15
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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bezweifeln diesen nicht; er nimmt aber die Miene des Sachkenners an, und die Sachkunde müssen wir ihm leider absprechen. Dies letztere erweist sich schon aus dem einen Umstande, daß er eine Idee für neu hält, welche nun wohl in einer reichen Literatur weit gründlicher und klarer durchgesprochen ist, als es in diesen wenigen Bogen, deren fünfter Theil noch dazu baare Abdrücke unsrer Kritiken (Annalen 1839 Nr. 33. 37.43.46), und verschiedener Zeitungsartikel enthält, geschehen konnte Die vielseitigen Ansichten erfahrener Publiciften von der Frage selbst, und die zahlreichen Werke der Wissenschaft und der praktischen Bestrebungen, welche die bedeutende Umgestaltung der Verhältnisse in der neuern Zeit aufs Klarste darthun, läßt er ganz außer Augen, um sich ganz und gar an die eben so elende Ausgeburt seines Wohnortes zu halten, und immer fort zu rufen hie niger est. Niemand wird es ihm streitig machen, daß das jämmerliche Produkt, welches unter dem Namen eines Lehrbuches in die Schulen eingedrangt werden sollte, und nur deßhalb allein einer Kritik gewürdigt ward, einen antisocialen Geist erzeugen würde, undckaß keine vernünftige Staatsbehörde dessen Einführung in die Schulen gestatten kann; allein mehr Interesse, daran zu knüpfen, granzt an Lächerlichkeit, denn nur Kindern und ganz Unwissenden kann jenes Machwerk, weil ein Rabbiner es unterschreibt — die Approbationen sind bekanntlich theils erlogen, theils erschlichen, theils nur im Vertrauen auf einen bessern Geist gegeben, — als Leitfaden übergeben werden, jeder Verständige weift es von sich, und es ist auch schon fast verschollen. Um desto weniger redlich muß man es finden, daß ein Schriftsteller, welcher angeblich der Humanität das Wort reden will, die Wirkungen der bereits erfolgten Emanzipation und theilweise der gemilderten Gesetzgebung, aller Wahrhaftigkeit zum Trotze, in Abrede stellt. Als Beleg beruft er sich auf eine Aeußerung eines französischen Schriftstellers, welcher im I. X sich beklagt, daß die Gleichstellung noch keine sichtbaren Erfolge hervorgebracht habe, eine offenbare Vorschnelligkeit des Unheils über eine Entwickelung, die mehr als ein Menschenalter erfordert. Und solches Gerede nennt der Vf. eine historisch-kritische Beleuchtung der Emanzipation! Er sagt unter andern, S 9., die Staaten würden die ertheilte Gleichstellung bereuen? Nun, wo zeigt sich denn diese Reue? In Frankreich? In Belgien? in Nordamerika? in Holland? Weiß etwa der Vf. nicht, daß selbst in dem zähen England das Volk, und zwar lange nachdem jene Staaten darin vorangegangen sind, auf Gleichstellung dringt? Ja, daß diese faktisch eigentlich schon eingetreten ist, in so weit nicht Gesetzformen entgegen stehen. Es ist wahrhaft beklagenswerih, wenn Leute, die über legislative Fragen ihre Stimme abgeben wollen, nicht einmal begreifen, daß dazu ein weiterer Gesichtskreis gehört, als die mir Pamphleten besetzten Wände einer Studirftube und die Kleingeifterei deutscher Zeitungsblä'tter gewähren; merkwürdig genug, daß in Deutschland die Wissenschaft immer nur aus den Händen gründlicher Forscher angenommen wird, bei praktischen Fragen aber, die das Wohl und Wehe vieler Tausende betreffen, jeder mit einreden darf, er möge die nöthige Erfahrung besitzen oder nicht. Er sage nur etwas, das dem Wahne 'des Volkes schmeichelt, so hat er sein Publikum, und mancher Staatsmann nimmt was einmal gedruckt ist, für baare Münze. Unser Verf. giebt sich den Anschein der Gelehrsamkeit; allein seine Citate sind nur aus Flugschriften, die aus eben so böswilligen, wie geistlosen Federn geflossen. Er macht ein Paar Vorschläge zur schnellern Herbeiführung wünschenswerther Reformen; die meisten sind schon ausgeführt und haben auf ihn nicht gewartet. Die Einsetzung geistlicher Consiftorien, die Anstellung eines Lehrers für jüdische Theologie, und die gründliche Prüfung der anzusetzenden Rabbinen und Lehrer gehört zu den allgemeinen Wünschen; es schadet nicht, sie noch öfter auszusprechen. Bedurfte es dazu der Anhäufung so vieler ungehöriger und die Humanität verletzender Specialiräten? Oder ist es nicht schmählich, daß der Vf., um zu zeigen, welche Vorurtheile in der jüdischen Religion herrschen, den elenden Zeitungsartikel aus Alexandrien über den Vorfall zu Damask, in sein Buch aufnimmt? Hat er nickt einmal so viel Sachkenntnis, um den Unsinn dieses niederträchtig ersonnenen Volkswahnes *) zu durchschauen? Wie kann nun ein solches hingepfuscktes Machwerk auch nur auf einige Beachtung Anspruch haben? Wir hegen die Zuversicht, daß nickt bloß die Staatsmänner, welche auf der Höhe der Wissenschaft stehen, sondern auch die Minder-Eingeweiheten so weit über die Verhältnisse urtheilen können, um die Motive der legislativen Maßregeln richtig zu unterscheiden. *) Es mag nicht unangemessen sein, zur Beschämung der heutigen Tagesblätter eine Bekanntmachung der K. Ungarischen Statthalterei vom 26. Juni 1191 hier deizufügen. Sie lautet wörtlich also: „die in diesem Königreiche wohnenden Juden haben sämmtlich bei der königl. Ungarischen Statthalterei die bittere Klage geführt, daß sie wegen des bei den meisten Christen wieder aufledenden Vorurtheils, als wenn die Juden zur Feier ihres Osterfestes Christenblut nöthig hätten, schwere Verfolgungen, besonders von dem Pöbel, erdulden müßten. Zum Beweise haben sic mehrere Beispiele angefiihrt. Um nun für die Sicherheit dieser Nation, welche durch dieses irrige Dorurtheil beunruhigt wird, zu sorgen, hat die königliche Statthalterei allen Komitaten aufgetragen, sich vorzüglich angelegen sein zu lassen, dieses alte Vor» urtheil, als wenn bei dem Gottesdienste der Juden Menschenblut geopfert würde, auf die schicklichste und den Umständen angemessenste Art, allenfalls auch durch 20*