Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 17 (24.4.1840)
- Date
- 1840-04-24
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3133765-3133820-3133838--0648-3134810- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
151 ■ j allgemeinen kirchlichen Vorschrift. (Wir halten es für unnütz, dem aufgeklärten Deutschland den ganzen Aufsatz des Herrn Cremieur vorzulegen. Man weiß hinlänglich, wie viel auf Zeitungsberichte, deren Quelle man nicht kennt, zu geben ist.) Berlin, Ende März. — Während in Breslau die Jntriguen gegen die in Aussicht gestellten Verbesserungen mit Nachdruck zurückgewiefen und beschwichtigt sind, dauern die jämmerlichen Versuche des Eigensinnes — denn von wahrem Religionseifer möchte wohl keine Spur dabei zu finden sein — um die unbedeutenden Anordnungen zur Veredlung des Ritus als eine verderbliche Neuerung darzustellen, fort, und noch immer dient ein Gesetz zum Vorwand, um Einschreilungen zu veranlassen, die man wahrhaft betrübend nennen muß. Wenn seit fast 25 Zähren um solche Kleinigkeiten gehadert wird, was soll da erst aus dem wirklichen Religionsunterrichte werden, der ein wahres Chaos von Wlllkühr darbietet? — Ein anderes Schreiben erwähnt ebenfalls vorgefallener Einschreitungen', welche zur Folge hatten, daß der Vorbeter in der neuen Amtstracht vor einem Minister erschien, um die Derläumdungen zu entkräften; daß aber das Barett als zu sehr dem christlichen ähnlich, eine Abänderung habe erleiden müssen.- Zu welchen Absurditäten werden diese Streitigkeiten noch führen? Trier, 12. April (Nekrolog). — In Folge eines Schlagsiuffes entschlief den 9. d. zu seinen Vätern der würdige Oberrabbiner und Chef des israelitischen Consistoriums des hiesigen Regierungsbezirks, in seinem 67. Lebensjahre, nachdem derselbe diesem Amte dreizehn Jahre vorgestanben. Die Gemeinde verliert an ihm nicht nur einen treuen und aufrichtigen Seelenhirten, sondern auch einen sehr wohlthätigen und leutseligen Mann, ein Muster von Gottergedenheit. Der Verlust ist um so herber, als dessen einziger und schon ordinirter Sohn erst vorigen Sommer auch in Folge eines Schlagfiusses des Morgens ganz unerwartet todt in seinem Belte gefunden worden. Ersterer schrieb noch einige Stunden vorher an seinem den 11. in der Synagoge zu haltenden Vortrage. Obgleich derselbe dem Studium der Wissenschaften abhold war, auch eine deutsche Predigt in der Synagoge zu halten für sündhaft erklärte, weßhalb auch nie eine solche hier vorgenommen wurde; so war er dennoch gegen die entgegengesetzte Ansicht tolerant. Möge sein Nachfolger bei ähnlichen guten Eigenschaften die Forderung der Zeit besser zu befriedigen im Stande sein! Bei seiner Bestattung würbe zum ersten Mal von dem neuen Leichenwagen Gebrauch gemacht, und somit wiederum eine Verbesserung eingeführt, wie wir deren schon mehrere dem Eifer des Vorstehers, Hrn. Allmayer verdanken. — Würtemderg. — Folgende Anordnung verdient wegen ihrer Nützlichkeit und weil sie auch in andern Kreisen der Beachtung werth ist, eine Stelle in den Annalen: . „Um die Entlassung der Israelitenkinder aus der Schule mit der gewöhnlichen Schulenllassungszeit mehr in Einklang zu bringen, hat das K. Ministerrum des Innern rc. auf den Antrag der israelitischen Oderkrrchenbehörde genehmigt, daß der §. 8 des 7. Kapitels der Synagogenordnung dahin abgeändert werbe: „Diese religiöse Prüfung (Confirmation) soll in dem Orte des Rabbinatsbezirks je an dem letzten Sabbath vor diesem (Schebuotb) Feste vorgenommen werden, an welchem der Rabbiner dem Gottesdienst in dem betreffenden Orte vorsteht, so daß mit dem Wochenfest die Confirmation in sämmtlichen Kirchengemeinden des Landes beendigt ist und die Kinder aus der Schule entlassen werden können." (Der oben angeführte §. heißt nämlich wörtlich: Diese religiöse Prüfung soll in dem Orte eines Rabdinatssitzes am ersten Tage des Wochenfestes, myQtP und in den übrigen Gemeinden des Rabbinatsbezirks jeden Sabbath nach dem Wochenfeste, an welchem der Rabbiner den Gottesdienst daselbst leitet, vorgcnommen werben.) Der Rabbiner hat demnach um so viel Sabbathe vor dem Wochenfest mit der Confirmation zu beginnen, als Gemeinden in seinem Rabdinatsbezirke sind. — Da die Knaben in der Regel mit dem Anfang des Sommerhalbjahres in die Lehre gegeben werden sollen, zu welcher Zeit, ungefähr im Mai, auch die Entlassungsprüfttng von Seiten der Schulinspectorate statt findet, so war diese Anordnung nvthig und förderlich, damit dieselben nicht dis tief in den Sommer hinein von ihrem Beruf abgehalten werden, was bei Manchem, wenn die Vornahme der Religivnsprüfung geraume Zeit nach der Entlassungsprüfung statt findet, Gewöhnung an Müssiggang und Abneigung gegen die stetige Lebensart des Handwerkers erzeugen könnte, und vielleicht schon erzeugt hat. _ R. Literatur. Das rationale Judenthum von vr. I. A. Francolm, Subscripttonsausgabe in fünf Heften. Breslau, gedruckt bei M. Fnedländcr. 1840. Die wichtigste Aufgabe, welche dre Juden in unsern Tagen zu lösen haben, ist die Reorganisarion ihrer religiösen Einrichtungen, mit gleicher Berücksichtigung des ewig Heiligen und Unantastbaren und der durch fortgeschrittene Cultur errungenen bessern Einsichten vom wahren Geist des mosaischen Gesetzes und vom wahren Zweck aller rituellen Handlungen. Was die Lösung dieser Aufgabe natürlich am meisten erschwert, ist die sich immer schroffer kerausstellende Divergenz der Vorstellungen über die Verbindlichkeit der hergebrachten Formen und über die Berechtigung der einzelnen Gemeinden, dieselben den Bedürfnissen der Zeit gemäß zu umstalten. An die Errichtung gottesdienstlicher Anstalten, die alle Parteien vollkommen befriedigen, ist nicht wohl mehr zu denken; auch läßt es sich nicht dosten, daß eine Partei sich in die Forderungen der'andern fügen und zur Wiederherstellung der Einheit ihre Ueberzeugüngen opfern werde. Am bedenklichsten ist bei diesen Umständen die Lage derjenigen, welche dem Bestehenden nicht mehr huldigen, indem alles Positive in der Religion ihnen allmählich entschlüpfen muß, wenn ihnen nicht bald ein geläutertes Rttualwesen, das ihre religiösen Bedürfnisse befriedigt, ohne sie zu einer schismatischen Sekte zu constituircn, zur Nackachtung dargebolen wirb. Dieses äußerst schwierige Geschäft hat Herr vr. Fr. in dem vorliegenden Werke übernommen. Es ist unmöglich in einer Arbeit dieser Art mehr Freisinnigkeit in den Ideen mit einer zarten Schonung des durch öie Zeit und die Convictivn seiner Bekenner Geheiligten zu verbinden. Es wäre überflüssig hier einzelne Punkte herauszuheben, über welche Herr vr. Fr. etwas problematische Ansichten aufstellt, wohin besonders die Behauptung gehören dürfte, daß der össentliche Gottesdienst der Juden eine mehr symbolische als asiatische Bestimmung habe. Eine geringe Anzahl von Bestimmungen in seinem mit Besonnenheit und Umsicht entworfenen Reformakionsplan abgerechnet, würde die Ausführung desielben von Seiten der rationalen Juden die wohlthätigften Wirkungen haben. Sie würbe ihnen einen wohlgeordneten Cultus geben, ohne sie den Rabbinisten als eine scharf getrennte Sekte gegenüber zu stellen. Eine Ausnahme hievon scheint bas Kapitel über die Ehescheidung zu bilden, bas wir auch aufrichtig aus dem Bucke wegwünschten. Die Auflösung der Ehen durch eine dies gerichtliche Trennung ohne die rituelle Ehescheidung würbe die Rabbinisten im höchsten Grade beunruhigen und wahrscheinlich eine völlige Spaltung herbeiführen. Was indessen der Erfolg der von Herrn vr. Fr. gemachten Vorschläge sein möge, so verdient er den innigsten Dank aller Freunde des Iudenlhums, und sein mit edelm Elfer und rühmlichem Talent ausgeardeiketcs Buch zahlreiche Leser. M. Creizenack. Der Unterzeichnete beabsichtigte, dies Werk, welches abgesehen von der Ausführung schön durch seine Grundideen, eine Aussöhnung herbeiführen zu wollen, bereits die allgemeine Aufmerksamkeit aller derer, die nicht geradezu jede Vereinbarung für unmöglich erklären, ansprechen muß. nach seiner Vollendung näher zu beleuchten und so weil sein Gesichtskreis reicht, zu würdigen. Jetzt, da dasselbe vorliegt, zeigen sich die Schwierigkeiten einer Beurtheilung in solchem Maaße. daß diese erst die Reife der Zeit abzuwarten hat, wenn sie nicht gar zu einseitig erscheinen soll. Der Stoff ist so überaus reichhaltig, die Durchführung der Grundsätze dringt so sehr in's Einzelne ein, verbreitet sich so sehr über