Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 17 (24.4.1840)
- Date
- 1840-04-24
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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150 Nachrichten und Correspondenzen. Verena, Febr. 184V. — Daß das Streben nach einer religiösen Regeneration bei den Israeliten Italiens, wenn auch hier und da erwacht, doch weder so allgemein verbreitet, noch mit so klarem Bewußtsein verbunden ist, wie in Deutschland, läßt sich nicht leugnen. Man findet da die beiden Extreme, ängstliches Festhalten an abergläubischen kabbalistischen Ansichten und Uebungen auf der einen und schnöde Verwerfung alles dessen, was den Israeliten als solchen angehört auf der andern Seite, viel häufiger neben einander und nicht selten in einander übergehend. Auch ist das Volk unwissend, und sucht man (wenigstens in Oberitalien) bei Männern, die. sich nicht dem Lehrstunde gewidmet, vergebens die theologischen Kenntnisse, die so vielen deutschen Israeliten zur Zierde gereichen. Fast jede Gemeinde bietet eine eigene Erscheinung dar, und man bemerkt bei den lobenswerthen Bestrebungen , die sich in neuerer Zeit kund gegebrn, weder ein gemeinsames Prinzip, noch gleichartige Richtung. Dennoch ist auch hier unverkennbar, wie die Sonne bürgerlicher Freiheit, selbst unter- Beschränkungen, auf die Entwickelung des israelitischen Privat- und Gemeindelebens heilsam einwirkt. Die köstlichste Frucht der günstigen Stellung unserer Glaubensgenossen im Lombardisch-Venetianischen Königreiche ist wohl bas reich dotirte Collegio Rabbinico; andere Blüthen, diesem Boden entsprossen, sind bereits durch diese Annalen zur Kennlniß des Publikums gebracht. Die Gemeinde zu Verona (mit 1152Individuen) kann sich zwar mit den geschtlderten keineswegs messen, steht ihnen auch an Zahl und noch weit mehr an Mitteln nach, darf aber dennoch nicht in Allem jenen den Preis überlassen. Ja, gerade was dort die Schattenseite bildet, die Ordnung des Gottesdienstes, (worüber der Berichterstatter von Mantua Klage führt) ist hier der schönste Lichtpunkt. Eine der zwei hiesigen Synagogen, die mit deutschem Ritus, hat einen vortrefflichen Chor, der 2« Sänger zählt, und von einem ausgezeichneten (christlichen) besoldeten Musiker geleitet wird, welcher verpflichtet ist, jährlich vier neue Stücke zu componiren. Die Sänger werden eigentlich nicht bezahlt, erhalten dlos von der Gemeinde ihre Chorkleider und von Zeit zu Zeit Regale zur Ermunterung; dennoch fehlt es nie an tauglichen Subjekten, die gern zum Preise des Höchsten ihr Talent geltend machen. Bei der Wahl derselben wird nicht bloß auf gute Stimmen, sondern auch auf moralische Aufführung gesehen. Dieser Chor bestehet schon sieben Jahre, und wird mit jedem Jahre besser, so daß der Gottesdienst in der Hauptsynagoge (nachgeahmt dem Israel. Tempel zu Wien) sehr feierlich und erhebend ist. Allerdings vermißt man noch bas erste Erforderniß eines vollkommen geordneten, Geist und Herz gleichmäßig anregenden Cultus, einen guten Prediger, da der Rabbiner, ein alter Mann, aus der alten Schule und aus einem halb-türkischen Lande (von Ragusa) hierher gekommen, nicht im Stande ist, seine Vorträge dem jetzigen Bedürfnisse und Geschmacke anzupassen. Die Gemeinde freuete sich eine Zeitlang der Hoffnung, einen tüchtigen Redner zu bekommen; der Sohn des gegenwärtigen Rabbiners, ein Zögling des Collegio Rabbinico, hatte schon während seiner Studienjahre bei mehrern feierlichen Gelegenheiten glänzende Proben seines Talentes auf der Kanzel abgelegt, und in seinem praktischen Uebungsjakre oft mit großem Beifall gepredigt; doch die schöne Hoffnung ward vereitelt, als sie eben der Erfüllung nahe war; der allgemein geliebte und hochgeschätzte Jüngling warb ihr zu Ende des Jahres 1838, kurz bevor er die Qualification eines Rabbiners erhalten sollte, durch den Tod entrissen, und wird noch schmerzlich betrauert. — Der Vermögensstand der Gemeinde ist nicht der günstigste. Es giebt hier etwa zehn recht reiche Häuser, viele Bemittelte, aber weit mehr Arme, die theils durch Privatwohlthätigkeit, theils von Der Gemeinde unterstützt werden, deren jährliche Ausgaben sich im Durchschnitte auf zehntausend Gulden C. M. belaufen. Die meisten ernähren sich vom Handel im Großen und im Kleinen, doch giebt cs auch viele Gutsbesitzer, die sich auf Oekonomie legen, « Aerzte, 8 Advokaten, aber nur sehr wenig Handwerker. Letzteres hat seinen Grund in den noch sehr unerfreulichen socialen Verhältnissen. Kenntnißreiche und gebildete Israeliten, die man so gern alS Ausnahmen betrachtet. sind zwar auch hier, wie überall, wohlgelitken, und stehen in Achtung und Ansehen bei ihren Mitbürgern, so wie es auch an aufgeklärten und wohlwollenden Christen nicht fehlt, die über engherzige Religionsoorurtheile hinaus sind; aber im Allgemeinen ist noch die Kluft zwischen den beiden Glaubenspartheien ziemlich groß, und noch wenig Annäherung bemerkbar. Nicht jeder christliche Meister könnte sich entschließen, einen jüdischen Knaben in die Lehre zu nehmen, und wenige israelitische Eltern würden ohne Besorgniß ihr Kind einem christlichen Lehrherrn anvertrauen; und das war bisher die Hauptursache, warum es mit der Erlernung der Handwerke keinen rechten Fortgang nehmen wollte. Jndeß hat die Gemeinde in der neuesten Zeit angefangen, diesem Gegenstand ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden, und es läßt sich erwarten, daß die ärmere Klasse in der Folge auch ihre Hände gebrauchen lernen wird. — Es befindet sich hier eine öffentliche israelitische Schule, wo ein geprüfter Lehrer angestellt ist. In den höhern Religionsgegenständen unterrichtet der Rabbiner. Allein nur die Unbemittelten schicken ihre Kinder in die öffentliche Schule, die Wohlhabendern lassen den ihrigen meistens Privatunterricht geben. Die israelitische Gemeinde fühlt wohl das Bedürfniß einer bessern Bilbungsanstalt, wünscht auch sehnlichst ihm abzuhelfen, nur gebricht es ihr an den dazu nothigen Fonds. Vlelleickt bedürfte es aber auch nur eines tüchtigen Impulses und würden das Wort und der Rath eines begeisterten Lehrers den Willen anspornend, zugleich die Kraft der Gemeinde erhöhen, und in Kurzem manche erwünschte Verbesserung herbeiführen. Auf Padua, auf das dort blühende rabbinische Seminar sind die Hoffnungen aller Gutgesinnten gerichtet, den Meistern, die dort unsere einstigen Religionslehrer bilden, ist das künftige Heil unserer Gemeinden und unserer Jugend anvertraut, von dort muß neues geistiges Leben über die italienischen Gemeinden ausströmen. Es scheint aber, als hätte ihnen die Vorsehung eine noch größere Mission aufbewahrt, und als hätte das mit der Levante vielfältig verbundene Italien, bas bis auf die neuere Zeit häufig von dorther seine Lehrer bezogen (überhaupt in einem ähnlichen Verhältnisse zu derselben gestanden, wie Deutschland zu Polen) die hohe Bestimmung, die Pforte zu werden, durch die das Licht wieder rückwärts gehen und sich den Weg nach dem Aufgang bahnen soll. Gewiß ist dies mit ein Grund, warum die Professoren des Collegiums bisher in allem, was das praktische Leben betrifft, eine so ängstliche Umsicht an den Tag gelegt. Dennoch dürften sie auf ihren nächsten Wirkungskreis, auf die Gegenwart mehr Rücksicht nehmen, und wäre es ihr glänzenster Erfolg, wenn durch ihre Vermittelung der Prozeß der Regeneration beschleunigt würde und in die Einrichtungen und Bestrebungen der Gemeinde mehr Einheit und Gleichförmigkeit käme. Eine populäre religiöse Zeitschrift für Italien, mit praktischem Takte rebigirt, die zugleich die bereits entlassenen Zöglinge der Anstalt mit derselben und untereinander in Verbindung erhalten würbe, wäre meines Erachtens sehr geeignet, den hin und wieder stockenden Lebenspulsen nachzuhelfen und allmälig in den zerstreuten Gliedern Israels eine gleichmäßige, gesunde Wärme herzustellen. Paris, 14. April. — Das Journal des Debats vom 8. d. bringt eine Antwort des Herrn Cremieur auf die von den Zeitungen wiederholentlich hervorgesuchten lächerlichen und zugleich boshaften Verläumdungen unseres Cultus. Die vielfachen Gerüchte, welche die christliche Kirche ganze Jahrhunderte hindurch zu bekämpfen hatte, sollten in der That als Beweis dienen, wie thöricht es sei, ein (angeblich im Orient vorgefallenes) Verbrechen, den religiösen Grundsätzen zuzuschreiden. Uebrigens weiß man bei der franz. Regierung bis jetzt von dem ganzen Vorfälle noch nichts, und es scheint die Sache eine müßige Erdichtung zu sein. Auf keinen Fall aber wird Jemand aus solchem Factum den Schluß ziehen, es sei dasselbe die Vollziehung einer