Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 15 (10.4.1840)
- Date
- 1840-04-10
- Page
- Seite 135 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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135 Alle Anwesenden waren erbaut, die Gemeinden freuen sich ihrer Wahl, und das disherige Streben des Hrn. Dr. Adler läßt reichlichen Segen von seinem nunmehr festgestellten Wirkungskreise erwarten. — Literatur. Der religiöse Fortschritt im deutschen Judenthume. Ein friedliches Wort in einer aufgeregten Zeit, von vr. S. Hold heim, Rabbiner in Frankfurt a. d. O. Leipzig. 1840. (Fritzsche.) 88 S. in 8. Diese Schrift ist reich an Gedanken, und von so besserer Wirkung, als sie von einem Manne herrühren, deffen Sinnesart bei einen Amtsgenossen volles Vertrauen genießt. Wieder ein Beweis, daß die Formen an sich nicht den Geist verbannen, sondern nur deren Erstarrung. Herr vr. Holdheim har vom Anbeginn seiner Wirksamkeit, ohne an Formen zu modeln, den inner» Geist angeregt und belebt, und seine Schriften geben erfreuliche Beweise von Klarheit des Denkens und wackerm Streben. In der vorliegenden sucht er die Idee des Fortschreit ens aus bestimmter» Grundlagen zu entwickeln, als es bisher geschehen ist. Wesentlich erscheint ihm die Noth- Wendigkeit einer zeitgemäßen Umwandelung des Religionsunterrichts. Wir setzen seine eigenen Worte hieher: „Die Religion ändert sich nicht in den Zeiten, weil sie eben das unveränderlichste Element ist, das dem Zeitwechsel nicht unterliegt; aber die Art und Weise, wie sie den Menschen gelehrt werden soll, ist wohl von der Zeit bedingt und abhängig. Sie ist verschieden, je nach den verschiedenen allgemeinen Bildungsstufen und Bedürfnissen der Zeit. Die Religion selber kann nicht ein Zeitdedürfniß genannt werden, sondern ein Menschen- und Geistesbedürfniß, aber die Form, in welcher sie dem Menschen dargestellt und beigebracht, das Gefäß, in welchem sie ihnen dargereicht werden soll, kann wohl, je nach den verschiedenen Zeitbedürfniffen, verschiedenartig sich gestalten. Die heilige Schrift, der unversiegliche Born aller religiösen Erkenntnisse, enthält oder ist vielmehr das treibende Samenkorn zu den mannigfaltigsten Gestaltungen und Aeußerungen des religiösen Lebens. Für alle Zeiten und deren höhern Strebungen, für alle Geistesrichtungen und deren religiösen Bedürfnisse ist sie der unveränderliche göttliche Ausdruck bei den Menschen. Der Gebrauch und die Anwendung derselben umfaßt immer nur eine bestimmte Zeit; — der Religionsunterricht in seiner umfassendsten Bedeutung sucht und schöpft aus ihr immer den passendsten Ausdruck für eine bestimmte Periode und Gestaltung des religiösen Lebens. Alles was von Mosis bis auf die späteste Zeit herab in Israel gelehrt worden ist, ist dieselbe unveränderliche Gotteslehre; aber doch wurde sie in den verschiedenen Epochen unseres Geschichtslebens in verschiedenen Weisen und Formen gelehrt und vorgetragen. Anders lehrte sie Mosis, anders die Propheten, anders die Männer der großen Synagoge, anders die Weifen der Mischnah, anders die Gelehrten der Gemara, anders die Geonim, anders die spätem Gotteslehrer und Männer in Israel.- „In früherer Zeit, wo die Gotteslehre in allgemeiner Beliebtheit war unter den Israeliten, da war es weniger schwierig, sie zu lehren. Wo man Alles zu geben und zu nehmen hat, da ist man in der Wahl nicht verlegen. Da lernte jeder Knabe die heilige Schrift, jeder Jüngling, was immer für einen Beruf er zu wählen hatte, lernte Mischna und Gemara, jeder unterrichtete Mann, wenn er auch nickt zu den Gelehrten von Fach gehörte, beschäftigte sich sein Lebelang mit dem Thalmud und andern rabbinischen Urkunden und Schriften der Religionslehre. Da war einem großen Theile Israeliten der Inbegriff und die wesentlichsten Punkte der israelitischen Religion, die israelitischen Ideen, wie sie in der heiligen Schrift und den mündlich überlieferten Urkunden niedergelegt und ausgebildet sich finden, entweder bekannt, oder die Quellen derselben leicht zugänglich. Da bedurfte eS neben dem Bibel- und Thalmudstudium mit der Fülle von Interpretationen keines besonder« systematischen Religionsunterrichts, weil die Reichhaltigkeit des Materials schon an sich theils die Form entbehrlich, theils sie unmöglich machte, wenigstens sehr erschwerte; wiewohl alledeffen ungeachtet, Werke wie das Sepher Hachinuch u. dgk. für das auch in jener Zeit geahnte Bedürfniß einer methodischen Behandlung des Gesammtstoffes der Religionskehredie freilich nur das numerische Verhältniß zum logischen Eintheilungsgrund wählte, hinlänglich nachweist. „Anders hat es sich aber in unserer Zeit gestaltet. —Jetzt handelt es sich darum, wie man das erwachsene Geschlecht mit der israelitischen Gotteslehre in einer deffen Bildungsform entsprechenden und selbst dem äußern Schönheitssinn zusagenden Weise vertraut macken; wie man der Jugend, die vom ftühen Jünglingsalter ad der Erlernung eines weltlichen Berufes zugewendet, und selbst im zarten Knabenalter, schon größtentheils der Erlernung allgemeiner Kenntnisse, die ihr einst als Mensch und Bürger unentbehrlich sein wird, gewidmet ist, ja selbst der weiblichen Jugend, deren Erziehung und Bildung für die Heiligkeit des häuslichen Berufes mit den ersten Strahlen der aufdämmernden Intelligenz beginnen muß, dennoch die wichtigsten Hauptbegriffe und die averwesentlichsten Punkte und Bestandtheile der israelitischen Religion, die Kenntniß alles dessen, was sie im Leben als Israeliten zu wissen und zu erfüllen nöthig haben wird, auf eine ihrem Geiste und Alter, und nebstdem auch ihren anderweitigen Kenntnissen und selbst deren Lehrform gemäße Weise beibringen soll."- Möge dieß genügen, um die Aufmerksamkeit auf den Geist dieses Sckriftchens hinzulenken, das leider für die Wichtigkeit der Sache zu kurz gerathen ist, zumal da ein Theil seines Inhalts — wir glauben, sehr unnöthiger Weise — auf Widerlegung einer sicherlich schon halb. vergessenen Broschüre „Rabbinerwahl" (s. Annalen 1839. S. 286) verwendet wird.- Die Aufnahme Israels in den Bürgerverband. Gottesd. Vortrag zur Erinnerung an das Konigl. Edikt vom 11. März 1812, gehalten am Sabbathe Pekude 2. Adar Schcni 5600 (7. März 1840), von Dr. Abraham Geiger, zweitem Rabbiner in Breslau. 1840. 18 S. Eine vortreffliche Rede; ein begeisterter Hergenserguß über die Wohlthaten der Preußischen Institutionen, welcher gewiß in der Brust jedes ächten, von vaterländischen Gesinnungen beseelten Preußen den lebhaftesten Anklang findet; zugleich eine gemüthlich ergreifende Würdigung der Verhältnisse, und eine wohldurchdachte Hinweisung auf das, was noch zu wünschen bleibt. Reicher Stoff zum Denken, kräftiger Aufruf an die ungetrübte Humanität. Der freimüthige Ausdruck dieses auch in Betreff innerer Zustände merkwürdigen Vortrags ist der sprechendste Beweis von dem unberechenbaren Fortschritt der Gesittung durch jenes Edikt, so wie von der Geistesfreibeit in Preußen, wo einer offenen Darlegung und besonnenen Besprechung legislativer Ansichten keinerlei Hinderniß bereitet wird. Was die ruhig fortschreitende Gesetzgebung begonnen hat, das wird sie. bei Wahrnehmung der edeln Früchte jener noch jungen Aussaat, Zeit und Umstände wohl erwägend, sicherlich auch vollenden! Das ist jedes getreuen Preußen Zuversicht! Literarisch - Kritische Briefe. Gallizien. (Fortsetzung.) Er sagt S. 72. „In den russischen Skavenländern ist noch jetzt der musivische Styl (d. h. die Art. ganzeBibelstellen in Dichtungen einzuweben, S. 164—172) der Poesie, begünstigt durch die tiefer» nationalen Studien herrschend." Wahrlich, ich weiß nicht, was ich von dem Urtheile halten