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Israelitische Annalen · 1840-04-03 · Heft 14 (3.4.1840) · p. Seite 124

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1840
Issue
Heft 14 (3.4.1840)
Date
1840-04-03
Page
Seite 124 (sequence 4)
Language
German
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124 Im Elsasse lasten die Feindschaften des fünfzehnten Jahrhunderts noch auf den Juden! — Aber was fiir Verfolgungen haben sie denn auszustehen? wie offenbaren sich diese Feindschaften? bei «aS für Gelegenheiten sind sie die Opfer derselben geworden? Sind nicht ihr Leben und ihre Güter bei uns in Sicherheit, wie die aller übrigen französischen Bürger? Wohnen sie nicht ruhig und ungestört in den ansehnlichsten Städten, wie in den kleinsten Dörfern des Elsasses? Dürfen sie nickt frei herumgehen? Wo werden sie von der Volkswuth verfolgt, sobald sie sich zeigen, wie im fünfzehnten Jahrhundert? Im Elsaß drängt man die Juden zurück! — Aber werden sie nicht in die Gesellschaft der Christen zugelassen, ohne daß man an die Religion denkt, zu der sie sich bekennen? werden sie nicht geschätzt und geachtet wie die Christen, wenn sie Achtung verdienen? Zu Straßburg, zum Beispiel, bei den Volkswahlen, bei denen für den Munizipalrath oder für die Nationalgarde, ist jemals der jüdischen Religion wegen ein Mann zurückgestoßen worben? Wurde nicht Herr Goudechaur, der jetzt Banquier zu Paris ist, zum Capitän der Nationalgarde gewählt, als er zu Straßburg wohnte? Ist nicht Herr Ratisbonne zweimal schon zum Mitgliede des Straßburger Munizipalraths ernannt worden durch die Stimmen der Bürger ohne Unterschied der Religion? Hat er nicht mehrere Jahre lang das Amt eines Adjunkten des Maires! »ersehn? Gehörte er nicht zum Handelsgerichte und zur Han- > delskammer unserer Stadt? Wo ist denn ein Israelit, welcher sagen könnte, daß man ihn zurückgedrängt, und seine Religion zur Ursache genommen habe, um ihn zu verstoßen? Der israelitische Cultus wird im Elsasse kaum geduldet! — Aber wo ist denn in unfern beiden Departementen ein Dorf, in welchem er nicht eben so frei > ausgeübt wird, wie die verschiedenen christlichen Religionen? j Wo hat man denn aufgehört, ihn zu achten? wo ist er ge- , stört worden? Sind nicht mehr als einmal schon die Christen! den Israeliten zuvorgekommen? Sah man nicht vor einigen Jahren zu Straßburg die christliche Bevölkerung, einem Gefühle von Bruderliebe gehorchend, durch ihre Gegenwart die Feierlichkeit derJnstallirung des jüdischen Rabbiners erhöhen? Sah man nicht vor einigen Monaten erst in einer nahen Gemeinde die Christen auf alle Arten den Juden bei'm Bau ihrer Synagogen behülstich sein? Empfängt nicht der Rabbiner jedes Jahr vom Stadtbudget ein gleiche Wohnungsentschäbigung, wie die christlichen Pfarrer und Pastoren? Endlich, zählt nicht die israelitische Gesellschaft für die Aufmunterung zur Arbeit fast eben so viele christliche Subscribenten, als israelitische? Und da sagt man noch, baß der israelitische Cultus im Elsasse kaum geduldet werde! Man achtet auf keine der Bemühungen der Juden! Wann haben sie denn je einen Fortschrittsversuch gethan, der nicht in der öffentlichen Meinung und in der Presse des Elsasses Beistand und Aufmunterung fand? Wo sind ihre Bemühungen, denen wir nicht unseren Beifall gerben haben? Wenn wir die Sachen näher untersuchen wollten, so könnten wir im Gegentheil den Juden vorwerfen, daß sie nicht eifrig genug an der geistigen Wiedergeburt arbeiten, der viele von ihnen noch bedürfen; daß sie für den Unterricht und die Erziehung ihrer Kinder nicht alle nöthige Sorge zeigen; daß sie durch eine Menge Vorurtheile, veralteter Gewohnheiten, herkömmlicher Gebräuche von den Christen abgesondert bleiben; daß sie die Wohlthaten der französischen Gesetzgebung, die sie mtt den Christen auf gleichen Fuß gestellt hat, nicht genug schätzen; daß sie noch zu sehr das herumziehende Leben und das Schacherwesen der Handarbeit, einer sitzenden Lebensart und dem Treiben von Künsten und Handwerken vorziehen. Es ist aber nicht unsere Absicht, auf die so unbestimmten und so ungegründeten Anklagen des Herrn Cremieur mit Gegenbefchuldigungen zu antworten; es wären da über die Wiedergeburt und die Zukunft der Israeliten unermeßliche Fragen in Anregung zu bringen, welche die Gränzen einer Zeitung uns nicht erlauben abzuhandeln. Es genügt uns, durch Thatsachen bewiesen zu haben, daß Hr. Cremieur die Verhältnisse gar nicht kennt, die im Elsasse zwischen den Israeliten und den Christen herrschen, und daß in der Rede, die er vor dem Zaberner Gerichte gehalten, die Beredtsamkeit allzu oft die Wahrheit ersetzt hat. 2. Gegen diese Bemerkungen liest man im „Elsaß" unterm 7. März eine mit G. Z. Blum Unterzeichnete Replik: „An den Hrn. Vf. des Niederrh. Couriers. ., Mein Herr, „In Ihrer Nummer vom 1. Februar letzthin suchen Sie zu beweisen, daß die Vertheidigungsrede des Hrn. Cremieux vor dem Gericht von Zabern fremdartige, unbestimmte und ungegrüudcte Aussagen über die Vorurtheile enthalte, welche im Elsaß gegen die Juden bestehen. Es wäre zu wünschen, daß die Thatsachen geeignet wären, die edle Empfindlichkeit zu rechtfertigen, die Sie ergriffen hak. Unglücklicherweise ist dem nicht also. Man wirb sich durch folgendes davon überzeugen können. Eine kleine Stadt im Elsaße (L....) gab diesen Winter einen Ball auf Sudscription, zu Gunsten der Armen. Werden Sie glauben, mein Herr, daß die Subscriptionsliste keinem einzigen Israeliten vorgelcgt wurde, obgleich diese Stadt deren sehr cmpfehlenswerthe, sowohl durch ihr Vermögen und ihre Moralität, in sich schließt. Anderes Beispiel: Es eristirt in M.... ein gewisser Zirkel oder Casino. Ein einziger Jude wurde darin ausgenommen, und der ist noch dazu beeidigter Handelscourtier. Vergebens hielten andere Israeliten, ehrbare Kaufleute und Fabrikanten, um ihre Aufnahme an; ihre Bitte ist Ihnen verweigert worben, eine Verweigerung, die sich nur durch den Glauben erklären läßt, den sie bekennen, nach dem Beispiel der vortrefflichen freien Stadt Frankfurt, welche nicht einmal einem Rothschild *) die Thüren ihres Casino's öffnete. Was den hohen Grab von Sicherheit betrifft, welche die Israeliten im Elsaße genießen, braucht man nur an die erneuerten Auftritte aus dem Mittelalter zurückzudenken, welche in der Gemeinde von Berckheim, einige Jahre sogar nach der glorreichen Revolution von 1830 sich zutrugen. Wurden nicht die Israeliten dieser Ortschaft die Opfer eines schändlichen Angriffs? Wurden nicht ihre Papiere, ihre kostbarsten Gegenstände geplündert? ihre Wohnungen zerstört? ihr Wein in die Keller ausgegvssen? Sind dieß nickt, wie Hr. Cremieur sich ausdrückt, Tätlichkeiten von 1539? Ganz gewiß ist es nicht der Schutz des Gesetzes, der den Israeliten im Elsaße fehlt, seine heilsame Einwirkung beschirmt sie, wie die die übrigen Bürger; was aber der berühmte Advokat brandmarken wollte, dieß sind die stets lebendigen Anfeindungen und Vorurtheile, die noch gegen sie in diesem Theile Frankreichs bestehen, der an bas intolerante Deutschland gränzr. **) Wahr ist es, daß die Chyisten von Schiltigheim sich sehr wohlwollend gegen die Juden von Bischheim bewiesen haben, bei Gelegenheit der Erbauung ihrer Synagoge, doch ist auch bekannt, daß die Christen von Bischheim sich bei dieser Gelegenheit ganz entfernt gehalten haben. Es muß erinnert werben, baß bei einer Verlehnung von Gemeindegütern die Juden aus Bischheim gewaktsamerweise aus dem Saale verjagt und außer Stand gesetzt wurden, zu steigern. Es wäre mir ein leichtes, die Liste dieser Beispiele zu vermehren, wenn ich nickt befürchtete, die Spalten Ihres Journals zu mißbrauchen. Ganz gewiß bildet Straßburg, so wie mehrere andere Gemeinden des Elsaßes, eine ehrenvolle Ausnahme. Die wohlwollenden *) Seit einigen Jahren trifft das Casino in Ff. a. M. dieser Vorwurf nicht mehr. Ob aber die Zulassung einer einzigen Familie aus allgemein einleuchtenden Rücksichten, andrerseits die wettere Ausschließung der Israeliten von sonst in Kunst und Wissenschaft und in bürgerlichen Beziehungen noch so sehr anerkannten Verdiensten rechtfertigen könne, möge das 19le Jahrhundert entscheiden. D. H. **) Dies ist wieder Uebertreibung; denn gerade in den benachbarten deutschen Ländern: Baden, Würtemberg, Hessen ist wohl von Intoleranz kaum noch eine Spur zu finden. D. H.

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