Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 14 (3.4.1840)
- Date
- 1840-04-03
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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122 Grundsätzen des Mosaismus, sich keine Behörde anmaßen, und eine solche Autorität haben auch wirklich die Thalmudisten sich nicht aneignen wollen. Dieß findet auch darin seine Bestätigung, daß die meisten thalmudischen Satzungen, deren gesetzgebende Kraft man in der Folge bis auf die entfernteste Zukunft ausgedehnt hat, in ihrem Entstehen weder von den gesummten Gelehrten damaliger Zeit ausgegangen, noch mit förmlicher Zustimmung Aller ausgesprochen worden sind, sondern als Aeußerungen eines einzigen Individuums isolirt dastehen, und bloß weil nirgends geschrieben steht, daß Jemand sich jenen Aeußerungen widersetzt hätte, man sich zur Behauptung berechtigt hielt, es hätten sämmtliche thalmudische Lehrer (ob sie gleich nicht alle gleichzeitig waren und auch die gleichzeitigen in verschiedenen Orren lebten) jener vereinzelten Ansicht beigepsiichret. Daher wäre die übliche Redensart: Unsere Weisen haben so und so gelehret, durch die andere: Einer unserer Weisen hat so und so gelehrer fast immer zu berichtigen. Daß aber die Mein ung eines cinzigenJndividuums für ein ganzes Volk auf unbestimmte Zeiten nicht bindend sein könne, wird wohl Niemand in Abrede stellen. (Schluß folgt.) Die Emanzipationsfrage in Ungarn. (Petition der Israeliten an die versammelten hohen Rcichsstände.) Wir haben bereits in voriger Nummer berichtet, daß. die EmanzipationSfrage in Ungarn bei den versammelten Ständen sich einer sehr günstigen Aufnahme erfreuet, und daß im Allgemeinen den Israeliten Ungarns von Seiten hoher Reichsstände das Recht des Incolals und überhaupt Gleichheit der Rechte mit Ausnahme der Abelsrechte zugestanben ist. Wir sehen nunmehr zunächst den detaillirten Beschlüssen der Gesetzgebung hierüber mit gespannter Erwartung entgegen. Wie indeß die Sache sich noch wenden möge, so bleibt es doch erfreulich, daß eine so humane Stimmung bei den Vertretern des ungarischen Volkes sich unzweideutig kund gegeben, und eine bessere Zukunft steht jedenfalls bevor. Nicht uninteressant erscheint uns die Mittheilung der etition, welche die Israeliten zu Pesth an die hohen eichsstände eingegeben haben. Sie laulct folgendermaßen: „Wohl ist Alles, was in neuerer Zeit von den hohen, edelmüthigen und hochherzigen Reichsstänben zu Gunsten der israel. Bevölkerung dieses Landes gethan und gesprochen wurde, — vorzüglich die in allen öffentlichen Verhandlungen sich kundgebende Tendenz, die Rechtsverhältnisse sämmtlicher Dolksklassen nach humanen und vernunftmäßigen Grundsätzen' zu ordnen, vollkommen geeignet, in den einheimischen Juden die freudige Ueberzeugung festzustellen, daß es nicht erst der gegenwärtigen Petition bedürfe, um die fürsorgenbe Weisheit einer hohen Reichsversammlung auf den beklagenswerthen bürgerlichen und socialen Zustand ihrer israel. Unterthanen binzulenken, und daß sie getrosten Muthes, auch ohne bittliches Einschreiten, die Hoffnung einer radikalen Verbesserung dieses Zustandes auf die Weisheit, Humanität und Gerechtigkeit der erhabenen Landesstände, des erlauchten Reichsverwesers und des huldvollen Landesvaters gründen können. Allein die in tiefster Ehrfurcht namens ihrer Glaudensbrüder Unterzeichneten, könne demungeachtet dem Drange ihres Herzens nicht widerstehen, und würden eS als Hintansetzung einer heiligen Pflicht betrachten, wenn sie da, wo die Entscheidung ihres Geschickes von dem- Wohlwollen ihrer ihnen von Gott gesetzten Odern abbängt, es ihrerseits an dem flehentlichen Anruf an diese fehlen ließen. Auch der himmlische Vater kennt in seiner Allwissenheit die Bedürfnisse seiner Menschenkinder und will in seiner Allliede ihnen abhelfen; dennoch ist Beten eine der heiligsten Religionspflichten. Der Umstand vollends, daß das vertrauensvolle Harren und Schweigen bei solchem Anlasse, im Auslande schon von so manchem Gegner der jüdischen Emanzipationsangelegenheiten gemißdeutet und zum Beweise gebraucht wurde, „daß der größte Theil der Juden, theils aus Superstition, theils aus Indolenz, theflS aus Arbeitsscheu und Liebe zum Handel und Schacher jeder Reform ihrer bürgerlichen Verhältnisse abhold ist, und aus der gegenwärtigen Lage gar nicht heraus zu kommest wünscht," dieser Umstand ist es besonders, wodurch die israel. Unterthanen dieses Königreichs sich gedrungen fühlen, ihrem bisherigen Brauche treu zu bleiben, und sich auch der gegenwärtigen hohen Reichsversammlung mit unterthänigster Supplik zu nahen. Daß die bürgerliche und politische Lage der hierländischen Israeliten, noch immer höchst traurig ist, und dem in allen übrigen Verhältnissen vorherrschenden bessern Geiste schroff entgegen stebt, bedarf keines weitläufigen Beweises, — zwar ist in dieser Beziehung — wie von uns dankbar anerkannt werben muß — hie und da schon manches Gute geschehen: sucht die duldsamere PrapiS und der weltbekannte Ebelmuth der ungarischen Nation manches Herbe und Unerträgliche zu mildern; noch aber tritt das Gesetz — dieses Lebenselement alles politischen Daseins — dem Juden bei jedem Schritte hemmend und niederbrückend entgegen, überhäuft es ihn in seinen vielfachen Ausschließungen und Beschränkungen mit Schmach und Schimpf, und entwürdigt ihn in den eigenen, wie seiner Mitmenschen Augen. Noch bestehen in dieser Hinsicht alle gesetzliche Bestimmungen früherer finsterer Jahrhunderte, ja ist sogar historisch nachzuweisen, baß sich die Juden hier im Mittelalter eines größeren Rechtgebietes und einer ehrenvolleren Stellung zu erfreuen hatten, als jetzt im Jahrhundert des Rechts und des Lichts. Noch immer ist den Juden der Erwerb von Grundeigenthum, der Häuserbesitz in Freistädten, das Pachten der Guter und Mauthen, der Aufenthalt in manchen Distrikten und Ortschaften des Landes untersagt, ist ihm der Weg zu öffentlichen Anstellungen, zur Advokatur, ja sogar der Eintritt in allen christlichen Zünften und Innungen versperrt. — Doch wozu das traurige Bild in allen seinen düstern Zügen auszumalen. — Es ist mit dem Einen, Alles in sich fassenden, genug. Noch immer wirb der Jude, den das Vaterland schon vor acht Jahrhunderten in seinen Schooß ausgenommen hat, der mit allen Fasern seines innern und äußern Lebens in dem heiligen Lande dieses Vaterlandes wurzelt, und bereit ist, es mit Gut und Blut zu vertheidigen, als Fremdlinge im Lande betrachtet, während jeder wirkliche Fremdling doch allenthalben nur eine kurze Zeitschrift zur Naturalisirung bedarf. — Welche nachtheilige Wirkung eine solche antisociale Stelle inmitten der bürgerlichen Gesellschaft nach allen Seiten und Beziehungen hin hervorbringt, wie sehr sie auf alle Lebensverhältnisse der Niedergedrückten, besser aber auf die moralische und intellektuelle Bildung derselben den verderblichsten Einfluß ausüben muß, bedarf noch weniger einer weilläustigen Auseinandersetzung. — Und wahrltch. mit herzerhebendem Scibstbewußtsein dürfen wir uns sagen, daß wir weit besser und würdiger sind, als wir wohlin natürlicher Folge des langwierigen Druckes sein sollten. Bewußt sind wir's uns. dav wir an Treue und Ergebenheit gegen das erhabene Herrscherhaus, an Liebe und Hingebung gegen das theure Vaterland, den übrigen Unterthanen nicht nachstehen, daß wir selbst, ohne gleiche Theilnahme an den gemeinschaftlichcn Rechten aller Staatsbürger, dennoch an den