Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 13 (27.3.1840)
- Date
- 1840-03-27
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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115 sich weder selbst -en Thalmud niedergeschneben, noch gewünscht oder für möglich gehalten, daß er einst schriftlich als bleibendes Denkmal ihrer Thärigkeit fortbestehen sollte. Sie disputirten für sich nnd für ihre Zeitgenossen; hatten meistens bloß die Bedürfnisse und Zustände ihres Zeitalters vor Augen; erlaubten sich oft theils manche früher bestandene Gebräuche zu modifiziren oder anders zu deuten, theils neue, in der Vorzeit nicht begründete Vorkehrungen zu treffen, je nachdem es die damaligen Umstände erheischten; gaben aber nie ihren Institutionen den Stempel der Fortdauer und der Unvcranderlichkcit, sondern eiferten vielmehr gegen jede schriftliche Aufzeichnung ihrer Worte, die von zeitlichen Verhältnissen hervorgerufen, mit diesen ein gleiches Schicksal haben sollten. Sind nichts deftoweniger die nachfolgenden Geschlechter zu dem Besitze einer schriftlichen Urkunde jener Satzungen gelangt, so ist es sicherlich ohne Zumukhung und um so mehr ohne Zustimmung der Thalmudisten geschehen. Jedoch geht selbst aus dem Verfahren derjenigen, die diese Sammlung veranstaltet haben, einleuchtend hervor, daß sie dadurch mehr eine bloße Mittheilung alles in früheren Zeiten Gesagten und Verhandelten, als eine Aufstellung nie zu übertretender Vorschriften beabsichtiget haben. In der That trifft man daselbst, neben einigen Erklärungen der Mischna, auch eine verhältnißmäßig weit größere Anzahl Disputationen, Erzählungen, allegorischer und hagadischer Auslegungen der Bibeltexte, naturhiftorischer, medicinischer, astronomischer, astrologischer, da'monologischer, theosophischer und mystagogischer Ansichten, die wohl am wenigsten geeignet sind in einem Gesetzbuche eingerückt zu werden. Dringt man aber in das Wesen der Streitigkeiten, die doch den wichtigsten Theil des Thalmuds ausmachen, selbst ein, so gewinnt man wiederum andere höchst zu berücksichtigende Momente, die nur immer mehr das Gesagte bestätigen. Die Mischna gebraucht wirklich in ihrem Vortrage eine so Einfache, klare, ungekünstelte Schreibart, daß sie zu Mißverständnissen und Zweideutigkeiten nicht den mindesten Anlaß giebt, und ist sie auch sehr oft bei divergirenden Meinungen die Entscheidung schuldig geblieben, so konnte doch diese letztere entweder durch Vergleichung mit andern Stellen und mit den dazu bezüglichen Texten der heiligen Schrift, oder durch Beobachtung des schon gangbaren Volksgebrauches, oder auch zuweilen durch Anführung einer früheren Autorität auf eine sehr leichte Art ausgemittelt werden. Hätten demnach die Thalmudiften nichts weiteres im Sinne gehabt, als die Mischna zu commeniiren, so würden sie sich sicherlich mit sehr wenigen Worten und auf einem sehr ebenen und kurzen Wege dieses Geschäftes erlediget haben. Man bedenke nur, wie sehr sie jeder Weitläufigkeit in Worten abhold waren, und wie gar ihr Lakonismus oft so unverständlich geworden, daß man zu den Glossen seine Zuflucht nehmen mußte, und man wird ganz natürlich schließen, daß jene mit ungewöhnlicher Ausdehnung so wie mit beispiellosem Scharfsinne einem jeden Gegenstände angeknüpften Disputationen unmöglich eine bloße Commentirung der Mischna bezwecken konnten. Dieß erhellet noch überdieß aus dem Umstande, daß viele dieser Streitigkeiten, theils ihrem Wesen nach, theils aus Mangel einer Entscheidung, gar keinen Einfluß auf das praktische Leben haben; wieder einige sich auf keine Mischna beziehen; andere sich bloß mit abstrakten Gegenständen beschäftigen; endlich andere nur einem erst im thalmudischen Zeitalter zur Wirklichkeit gelangten Umstande ihr Dasein zu verdanken haben. (Forts, f.) Maimonides nud seine Zeitgenossen. Von vr. Carmoly. (Fortsetzung.) Siebenter Abschnitt. Mehrere Jahre vor diesem unglücklichen Ereigniß, im Jahr 1478 Contr. (1168), vollendete er seinen Commentar zur Mischna und nannte ihn 2Nrü- Dieß ist der berühmte Commentar, weicher unter dem hebräischen Titel ~nN!2n '□ bekannt ist. Eine ausführliche Einleitung zum Thalmub unter dem Namen niWOn ö? niTOE geht voran. und in dieser betritt er eine ganz neue Bahn und entwickelt eine eigenthümliche Methode, sowohl in Betreff des Studiums der Gesetze, als der daraus zu ziehenden Sittenlchre, welchen Gegenstand er noch in den acht Abschnitten als Einleitung zu den „Sprüchen der Vater" und zu Sanhedrin XI ausführlicher behandelt; überall die Ansichten und Lehren der griechischen und arabischen Philosophen, die er oft höher stellt, als die israelitischen Weisen,.(f. des. Ende Berachoth) benutzend. In dieser Stelle heißt est „Die heil. Schrift sagt uns längst, daß unsere Vernunft nicht im Stande ist, Gottes Weisheit und Gerechtigkeit zu durchschauen, indem es heißt: So hoch die Himmel sind über der Erbe, so weit erhaben sind meine Wege über den Euren, meine Gedanken über euren Gedanken. Darum halte diesen Grundsatz fest, und suche in diese Fragen nicht einzudringen; denn wer von unseren Gelehrten dieß zu erforschen strebte, hat nichts erreicht, und man kann von ihm nur sagen: „Er tauchte in ein tiefes Meer und brachte einen Scherben her- 13*