Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 12 (20.3.1840)
- Date
- 1840-03-20
- Page
- Seite 110 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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110 31) Die Data: SSKontos 23. Ab (cod. Vatic. 207), Mittwoch 4. Ab (cod. Rossi 969) sind wider den jüdischen Aalender, nach welchem der Monat Ab nie mit Sonntag anfängt. 32) Eine alte Ausgabe des Machsors, von Gerschom dem Soncinaten gedruckt, hat folgende Nachschrift: „Und das Ende des Druckes war in Rimini, welches unter der Herrschaft des Papstes Leo X. steht, am ersten Mai, d. i. am 13. Nisan" (s. de Rossi Aunnl. sec. XVI. p. 46 N. 15). Die Monatsbestimmung ist offenbar unrichtig, weil alsdann Pesach auf den 3. März fiele, welches viel zu früh und niemals der Fall ist. Das Jahr muß indessen zwischen 1513—1521, in die Zeit Leo's fallen. Sehen wir uns nun nach Gerschom's typographischer Thätigkeit um, so finden wir ihn A. 1484 bis 1490 in Soncino, 1491 dis 1496 in Brescia. 1505 und 1506 in Fano. in den Jahren 1507, 1508, 1509, 1511, 1514, 1515 in Pesaro, 1516 in Fano. 1517, 1519 u. 1520 in Pesaro. 1522. 1524, 1525, 1526 in Rimini (s. Annal. sec. XVI p. 24. Nr. 131. p. 29. Nr. 168. 169. p. 30. Nr. 173. p. 49. Nr. 44. 45.), 1527 zum dritten Mal in Pesaro, 1530 bis 1534 in Cvnstantinopel. Die größte Wahrscheinlichkeit hat demnach das Jahr 1521 für sich, so daß in selbigem seine Beschäftigung zu Rimini den Anfang genommen. Der gedachte 13. Nisan war am 21. März, so daß statt -k zu lesen sein würde. (Schluß folgt.) Nachrichten und Correfpondenzen. BerichteausMähren. (Forts.) — Wir sehen R. N. T in der Folge als Feind mehrer gebildeten Rabbinats-Eandidaten austreten und er erscheint, besser gesagt scheint, ein Urfeind aller wissenschaftlichen Bildung. Neuba in Loschitz, später Fasse! m Proßnitz, werden von ihm auf's Nachdrücklichste verfolgt. Für Ref., der tiefere Einblicke in die Einzelnheiten aller dieser Verhältnisse zu thun Gelegenheit hatte, lag hier kein eigentlicher Haß der zeitgemäßen Bildung, sondern etwas ganz Anderes, indeß nicht viel Rühmlicheres zum Grunde. R. N. T. entzweiete sich nämlich vor seinem Abgänge aus Proßnitz mit R. Löw Schwab, dessen dortigem Nachfolger, einem höchst gebildeten Manne; und spater auch mit der Proßnitzer Gemeinde selber, einer' Gemeinde, die vorzugsweise der Aufklärung und dem Zeitgeiste huldigt. So richtete sich der Haß des R. N. T., durch die bekannte Rivalität der Gemeinde Nicolsburg und Proßnitz noch vielfach genährt, nicht nur gegen Schwab und semeGemeinde, sondern auch gegen deren Schützlinge und Günstlinge; und da diese, wie es sich erwarten läßt, ebenfalls der modernen Zeitrichtung angehörten, so mußte diese als Sündcnbock herhalten. Bedenken wir nun. baß Neuda ein persönlicher Freund Schm ad's und längere Zeit bei ober ,n Proßnitz lebte; bedenken wir ferner, daß Fasset auf Schwad's Vorschlag nach Proßnitz kommen sollte und rechnen wir noch einige, der Oeffentlichkeit nicht angehörende, aber Ref. wohlbekannte Privat-Rücksichten hinzu, so wird das Betragen des R. N. T. sehr erklärlich, ohne ihn nothwendig zum rücksichtslosen Verfolger aller Wissenschaft zu machen, was er nicht ist und was weder mit seiner Denkweise noch mit seiner gewöhnlichen Umgangsart zusammenpaßt. Sein letztes Benehmen gegen, die Gemeinde zu Rausnitz ist sehr unschuldig als wiffensfeindlich verschrien worden; da der von R. N. T. verfolgte Candibat auf ziemlich gleichem Bildungsgrade mit dem Begünstigten steht, nur daß Letzterem hiezu noch der Verwandtschaftsgrad mit R. N. T. (als dessen Schwiegersohn) zu statten kam. (Man sehe übrigens bas Referat über diese Gemeinde.) Im Ganzen ist R. N. T. ein sehr guter Mann, ein Rabbiner von fast ungeheuerer Belesenheit im Thalmub und in der ganzen rabdiniscken Literatur dis auf die neueste Zeit, ein sehr würdiger Hausvater; aber nichts weniger als ein -ppn oder Gegner aller Bildung. Dagegen mögen wir eingestehen, daß er als Mensch mit den meisten seiner staubgeschaffenen Brüder, die Eigenschaft theile. im Hasse gegen seine Femde und in der Liebe zu seinen Angehörigen das richtige Maaß zu überschreiten. Bei aller wahrhaften Achtung für seine umfassende rabbinische Gelehrsamkeit und für manche andere schöne Geistes - und Herzenseigenschafl, muß ihm Ref. auch noch schließlich den wohlgemeinten Vorwurf machen, daß er zu viele Rathgeber habe. Schon mancher von ihm mit richtigem Takte gefaßte Entschluß ward leider, zu seinem eigenen Nachtheil nicht weniger als zu dem der betreffenden Parthei, durch böswillige oder doch unkluge Einflüsterer vereitelt. 2) Proßnitz. Es ist, unseres Wissens, über diese Gemeinde noch in keinem Zeitblatte etwas Genügendes berichtet worden. Man sagt: Frauen und Staaten sind am glücklichsten, wenn von ihnen wenig gesprochen wird. Ein gleiches ließe sich vielleicht auf diese Gemeinde anwenden. Während man in Berichten aus andern Lanbesgemeinben, nach lobdurchbüsteten und die Erwartung spannenden Introduktionen , die nicht selten ganze Seiten ausfüllen, endlich unter rauschendem Beifallsrufe das unsterbliche Werk der Zeit, das große, erstaunliche Ereigniß verkünden hört: Man habe das Mizwoth - Versteigern abgeschaffl! hat statt dergleichen Unbedeutenheiten an dem besprochenen Orte ein klarer, gesunder und schönfühlender Sinn schon längst viel Nützliches und Zeitgemäßes zu Tage gefördert. Die Synagoge hörte schon von dem Munde des Herrn Löw Schwab (dermalen Obberrabbiner zu Pesth) die religiösen Vorträge in einem gediegenen Deutsch; Vorlräge, die sich zwar zumeist mit biblischer und radbinischer Exegese befaßten, aber doch von einem innern logischen Faden zusammengehalten und mit einem das geistige Auge erquickenden Eolorit des glänzendsten Scharfsinnes überzogen waren. Sein Nachfolger, der würdige und für seine Gemeinde noch viel thätigere Herr Hirsch Fasse!, ging einen Schritt weiter und verwandelte die bisherigen deutschen Deraschoth in wohlgeordnete Predigten, deren Form und Inhalt sich des allgemeinen Beifalles erfreuen.*) Mizwoth-Ausrufen, Gesangs- *) Ref. bemerkt bei dieser Gelegenheit, daß von jungen Rabbinen (besonders in Böhmen) hierin oft des Guten zu viel gethan werde; wenn sie nämlich in ihrem Eifer, den Anforderungen der Gegenwart zu genügen, den saftrcichen Kern der frühern Vorträge (besserer Art) gänzlich verwerfen und dafür die glanzende Schale eines schönen aber kernlosen Phrasenwesens liebgewinnen. Was ist nicht selten die Folge? Der Jude, den früher der lebhafte, witzreiche Geist der gottesdienstlichen Reden in eine stete Thätigkeit des Verstandes und der Einbildungskraft versetzte, horcht nun unthätig auf das Rauschen gleichtönender Redensarten. diese mögen sonst recht gut und trefflich gesetzt sein, bis ihn endlich der Teil, das einförmige, oft wiederkehrende Refrain des langen Liedes in einen sehr sanften Schlummer lullt. Man vergleiche hier nicht die wirksamen und tief ergreifenden Predigten eines Mannheimer und weniger Männer seines Gleichen; denn erstens ist das Publikum in den Hauptstädten ein ganz anderes als in den Radbinatssitzen auf dem Lande; ferner wird jeder, der unfern verehrten Mannheimer zu hören die Freude hat, recht deutlich erkennen, wie Herr M. den anregenden Ton und den glänzenden Witz der schönen Eregese des Alterthums zu treffen suche und wisse. Endlich find Männer dieser Art, mit dem belebenden Elemente, bas jedes ihrer Worte, ihrer Gebährden durchwehet, höchst selten; dagegen sind die meisten Prediger mit dem Talente, langweilig zu sein, begabt. Ref. erinnert sich hier folgender Anekdote. Er stand einst neben einem alten Mann in einer Synagoge, wo ein sonst recht wackerer Kanzelredner den langen hebr. TeN (Ps. 84. 4) über die Maßen wiederholte. Da warb der arme Alte ungeduldig und sagte für sich: „Was König David einmal und sehr wirksam sagte, wird hier vie lmal und erfolglos aufgetischt." Und die Sinnesart dieses Greises theilen noch die meisten jungen Leute auf dem Lande, die, in Folge des zeitlich und anhaltend betriebenen Thalmud-Studiums, trotz einer später erlangten wissen-