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Israelitische Annalen · 1840-03-20 · Heft 12 (20.3.1840) · p. Seite 107

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1840
Issue
Heft 12 (20.3.1840)
Date
1840-03-20
Page
Seite 107 (sequence 3)
Language
German
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107 höchst merkwürdige, und in die Schicksale der Juden rief eingreifende Erscheinung ist der Thalmud. Sei es, daß man seinen materiellen Umfang in Erwägung ziehe, der bei der äußerst gedrängten Kürze der Sätze dennoch ungefähr dreitausend Folioblätter einnimmt; oder auf die Mannichfalrigkeit der Gegenstände Rücksicht nehme, die darin behandelt werden; oder die nicht unbedeutende Anzahl Erklärungen, Auszüge, Erweiterungen und Repertorien betrachte, die darüber verfaßt worden sind; sei es ferner, daß man auf den Kampf Hinblicke, den seine Anhänger und Widersacher zur Aufrechthaltung oder zur Umstürzung desselben mit abwechselndem Glücke seit seiner Entstehung bis auf die gegenwärtige Zeit führen zu müssen glaubten; oder endlich (was doch der wichtigste Punkt ist) den Einfluß überlege, den er auf die Lebensart, Sitten, Religion, Entwickelung und bürgerliche Stellung von fünf Millionen Menschen zwölf Jahrhunderte hindurch ausgeübt hat und noch ausübet: so wird man einräumen müssen, daß er den großen Denkmälern angereihet zu werden verdient, die uns das Alterthum von der Wirksamkeit und zuweilen auch von den Verirrungen des menschlichen Geistes hinrerlassen hat. So sehr aber dieses Werk geeignet ist, den philosophischen Blick eines ruhigen vorurtheilsfreien Beobachters in Anspruch zu nehmen, eben so sehr ist es zu bedauern, daß eine gründliche, streng kritische Untersuchung über sein Wesen und Charakter, über seine Entftehungsart und Haupttendenz, über seine gesetzgebende Kraft und Autorität, über sein Hermeneutisches und traditionelles Moment noch zu den Wünschen gehöre, die bis auf den heutigen Tag unerfüllt geblieben sind. Alles, was man bisher über diesen Gegenstand geleistet hat, ist mehr eine Vorbereitung und Einleitung zum Liefern Eindringen in das Innere der Untersuchung, als eine vollendete, erschöpfende, zu einem entscheidenden Resultate führende Arbeit zu nennen. Fern von der Anmaßung, einem so allgemein gefühlten Bedürfnisse mit einem Male Genüge leisten zu wollen, mögen hier bloß wenige Worte einen Platz finden, die nichts weiteres bezwecken sollen, als durch Berührung der wesentlichsten Punkte, die zu dieser Untersuchung gehören, die Nothwendigkeit der Lösung einer so wichtigen Aufgabe immer mehr darzuthun, und zur einstigen Verwirklichung derselben möglichst den Weg zu bahnen. Stellt man im Allgemeinen die Frage auf, was der Thalmud sei? so erfolgt fast einstimmig die Antwort, es sei ein Gesetzbuch, welches alle Vorschriften enthält, wornach wir unser religiöses Leben einzurichten haben. Allein diese Ansicht, die schon im geonäischen Zeitalter gleichsam im Keime lag, sodann vom Maimuni entwickelt und feierlich ausgesprochen, endlich von seinen Nachfolgern mit blindem Gehorsam angenommen wurde, steht so sehr mit der Natur und dem Inhalte des Thalmuds selbst im Widerspruche, daß man sich nur wundern muß, wie man so lange auf einem so verkehrten Wege fortwandeln konnte. Schon der Umstand, daß der Thalmud unleugbar ein Commentar der Mischna ist, hätte leicht auf den Gedanken führen müssen, daß ja dieser vermeintliche gesetzgebende Charakter erst der Mischna selber zuerkannt werden sollte, bevor er dem Thalmud zukommen könnte. Nun aber gelangt man bei sorgfältiger Prüfung der Mischna zu einem ganz verschiedenartigen Resultate. Die Männer, deren Meinungen darin Vorkommen, haben jenes Buch nicht niedergeschrieben*); ja nicht einmal den Witten geäußert, oder gar vermuthet und vorausgesehen, daß ihre mündlichen Vorträge je ihren Nachkommen schriftlich in die Hände gegeben werden sollten. Im Gegentheile haben sie den größten Unwillen gegen jene an den Tag gelegt, die sich unterstünden, irgend einen mündlich vernommenen Satz zu Papier zu bringen; ja sogar ein solches Verfahren als sehr strafbar erklärt. Dieß streitet offenbar mit der Hypothese eines vorher im Sinne geführten Planes, ein Gesetzbuch verfassen zu wollen. Dazu kommt noch zu erwägen, daß der Inhalt jenes Werkes selbst Merkmahle kund giebt, die einer solchen Annahme zuwiderlaufen. Es werden nämlich darin, wie schon anderswo bemerkt worden, meiftentheils streitende Meinungen angeführt, ohne eine Entscheidung fol- *) Zur Bekräftigung dieser Behauptung, so wie aller weiter unten vorkommenden, wird der Leser, und zwar mit Recht, auf Anführung von mischnischen und thalmudischen Stellen dringen, die das Gesagte erhärten sollen. Allein man hat hier ave Citate, die in der Thal mehr einer ausführlichen Arbeit, als dieser Skizze geziemen, um so füglicher auslaffen können, als diese wenigen Winke nur auf die im Thalmud bewanderten Gelehrten gerich. sind, denen die betreffenden Stellen nicht unbekannt fein können. D. Df. 12*

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