Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 8 (21.2.1840)
- Date
- 1840-02-21
- Page
- Seite 71 (sequence 3)
- Language
- German
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71 Reformen ihrer althergebrachten Weisen erfuhren. Wenn ich an einem andern Orte die galizische Ju-enschaft als Seele des dasigen Geschäftslebens bezeichne, so ist es weder Hyperbel noch partheiische Lobeserhebung meiner Glaubensbrüder, sondern die treueste Bezeichnung eines notorischen Faktums, das Jedermann, der in das gedachte Land nur einen Fuß setzt, sogleich auffallen, und je länger er dorr verweilt, sich immer mehr bewahrheiten muß. Ich finde es um so nöthiger, diese Erscheinung kritisch zu beleuchten, als sie in der That gerade die Kehrseite dessen bietet, was man nach einer äussern theoretischen Beurtheilung der betreffenden Verhältnisse von Der Lage der Juden in Galizien erwarten möchte.—Betrachtet man freilich die unerhebliche Industrie und Erwerbsquellen dieses Landes überhaupt, auf welche die Juden als solche ausschließlich angewiesen sind, ferner ihre mannichfachen gesetzlichen Beschränkungen , die niedere Culturftufe, auf der sie im Allgemeinen noch stehen und als Folge davon eine schärfere sogar äußerlich durch die Tracht bezeichmre Absonderung von der christlichen Population, dann Seitens der Letzter» bei einer gleichen Orthodoxie, einer gleich hervortretenden Intoleranz nach den herkömmlichen aber sicherlich von keinem Freund des Vaterlands gebilligten ^Judenvolkshaß, welcher mit dem sonstwo nur vorkommenden Juden-Religionshaß dort Hand in Hand geht: so dürfte man nach solchen Prämissen sich zum Schlüsse berechtigt fühlen, nirgends sei die Lage der Juden kümmerlicher, isolirter und bedeutungsloser als in Galizien. Dem ist aber nicht so. Kümmerlich mag ihre Lage unter den gegenwärtigen Umständen im Allgemeinen wohl freilich sein, aber nichts weniger ist sie denn praktisch isolirt, nichts weniger als bedeutungslos; im Gegentheil, nirgends ist der Einfluß der Juden sichtlicher und weitverzweigter, nirgends steht er trotz allem Meinungszwiespalt dem übrigen Einwohner doch so nahe und begleitet gleichsam alle Bewegungen seines Lebens, als eben in Galizien. Und doch geht alles sehr natürlich zu. Die erste Verwunderung zunächst, welche sich auf den Bildungszustand der besprochenen Juden gründet, muß alsbald schwinden, wenn man die gleich niedere oder vielmehr noch ungleich tiefere Culturftufe der sonstigen galizischen Bevölkerung in Betrachtug zieht. Es besitzt dieses Land einen Bauernstand von Millionen Individuen, die vom ganzen Schriftenthum und allen damit verwandten Kenntnissen gerade so viel wissen, als die Smojeden und Patagonier; der überhaupt noch sehr unbeträchtliche Bürgerftand, zumal auf dem platten Lande, befindet sich mit geringen Ausnahmen fast in demselben Fall. Dieß bezeugt schon die in allen resp. Urkunden wimmelnde Menge von Kreuzchen, eine Chiffer, deren sich oft'ganze Gemeinden und ihre Löblichen Vorstände obendrein aus Unkunde der Namensfertigung statt dieser zu gebrauchen bemüssiget sind. Eine gleiche Bewandtniß hat es auch mit der Cultur der zahlreichen Kaste der sogenannten Schljachta (unterste Adelsklasse), die außer einem empörenden Hochmuth, priviligirtem Müßiggang und ungezügelten Begierden es dem gemeinen Äckerbauer in keinem Stücke zuvorthun. Dagegen aber dürfte man in ganz Galizien unter den fast 500,000 Israeliten, die da leben, mit Ausnahme etwa von Natur Verkrüppelter , auch nicht einen finden, welcher nicht wenigstens jüdisch lesen, desgleichen schreiben und in der Regel gut, nicht selten sogar vortrefflich rechnen kann. Gewiß, wäre eine abstrakte Statistik der Intelligenz nur irgend möglich, so müßte sie in der gedachten Provinz das Resultat liefern, daß die Summe der Geistesbildung, welche sich allein bei den Israeliten befindet, jener der gesummten übrigen Bevölkerung mindestens die Wage hält. Versteht sich, daß ich hier blos vom eigentlichen Volk rede und die Staatsbehörden wie den zum Theil sehr gebildeten begüterten Adel von einer solchen Vergleichung ausnehme, es möchte sich aber alsdann immer noch das Verhältniß der Juden zu den übrigen Landeseinwohncrn wie etwa 1 zu 8 Herausstellen und mithin auf Seiten der Erstem eine eben so vielfache geistige Präpotenz ergeben. Diese Ausführung zeigt.also deutlich, daß der allgemeine Culturftand Galiziens, weit entfernt, den gesellschaftlichen Einfluß des dortigen Juden zu hemmen, denselben vielmehr bedeutend verstärkt. (Schluß folgt.) Nachrichten und Correspondenzen. Rheinpreußen. Ueber die jüdischen Consistorien in Rheinpreußen, mit besonderer Rücksicht auf die Bonner Rabbinenwahl. Mancher Zweifel wurde schon von Einem und dem Andern über das Vorhandensein der jüdischen Consistorien in Rheinpreußen erhoben, und ungeachtet daß jetzt die Verhältnisse und Zustande der Juden bis in ihre kleinsten Details vielfach besprochen werden, blieb dieser wichtige Gegenstand bis jetzt doch noch unerörtert. Daraus erklärt sich auch das auf keine feste Basis sich gründende Besprechen (sowohl in öffentlichen Blättern als auch in der gewöhnlichen Conversation) über die bekannte Bonner Rabbinen-Wahl, die nur, nachdem man sich vorerst über das Bestehen und Wesen der jüdischen Consistorien in Rheinpreußen verständigt hat, richtig beurtheilt werden kann. — Schreiber dieses unternahm es daher im Interesse, sowohl der Wissenschaft der jüdischen Geschichte, als auch dieses — zwar speciellen, doch für eine große Menge hochwichtigen — Gegenstandes, diese Sache genauer zu beleuchten. Erster Artikel. Folgende vier Fragen kommen hier in Betracht: 1) Waren zu irgend einer Zeit jüdische Consistorien in dem jetzigen Rheinpreußen? . 2) Bestehen solche in gegenwärtiger Zeit? 8*