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Israelitische Annalen · 1840-02-21 · Heft 8 (21.2.1840) · p. Seite 70

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1840
Issue
Heft 8 (21.2.1840)
Date
1840-02-21
Page
Seite 70 (sequence 2)
Language
German
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70 gends in einem gleichen Grade anzutreffenden—Unternehmungsgeist, mit welchem sie nicht selten ohne alle Mittel und gewisse Aussicht, ja sogar ohne Sprachkenntniß, bloß der sich bewußten innern Kraft vertrauend, sich weithin in fremde Länder wagen, durch vielseitige Thätigkeit oft Reichthümer erwerben und überall, wo sie hinkommen, in der commerciellen Welt einen würdigen Rang cinnehmen. Welche überraschende Bestätigung dieser geistigen Superiorität aber man vollends bei dem gebildeten polnischen Juden findet, ist weltbekannt und dürfte gewiß keinem Beobachter entgangen sein, der Galizien - aus persönlicher Anschauung kennt. Es besitzt diese Provinz gegenwärtig eine sehr beträchtliche Zahl gebildeter Israeliten, die in verschiedenen Sprachen und Wissenschaften bewandert find, und darunter selbst mehrere Gelehrte von ausgezeichnetem Range und universellem Wissen, die bei minderer Bescheidenheit oder durch Verhältnisse gebotene Zurückgezogenheit den ausgedehntesten literarischen Ruhm anzusprechen berechtigt waren. Einige von ihnen genießen auch gleichwohl einen solchen Ruhm, z. B. der hochgelehrte Rabbiner S. Rapaport inTarnopol, ein Heros der wissenschaftlichen Kritik; der tiefsinnige Mathematiker und Philosoph N. Krochmal, desgleichen der geniale kenntnißreiche Rabbiner Hirsch CHajes, beide in Zolkiew, der durch seine geographischen Werke verdiente S. Bloch in Kulikow, der klassisch gebildete Rabbiner M. Krisniazo ler in Brody, dann im Gebiete derSprachkunde und Belletristik B. Blumenfeld und M. Ausspitz*) ebenfalls in Brody. Wo haben diese Männer sich gebildet und was in ihrer Jugend studirt? den Thalmud haben sie studirt und ein ödes armseliges Chedcr—also heißen die verderblichen Institute, wo die hoffnungsvolle Jugend Polens leider umer Geiftesdruck und Zelotismus verkümmert — dies war dje Wiege ihrer Bildung! In der That, es ließe sich von diesen Männern insgemein sagen, was der Dichter Adalbert v. Chamisso mit Bezug auf einen schon altern Gelehrten aus derselben Categorie ausspricht: „Zu Glosk in unfern Schulen genoß ich Unterricht; Der Thalmud und der Thalmud, sie wußten anders nicht." Denn nicht allein daß es in Galizien bisher an *) Auch Israel Bodek aus Brody, durch eine geistreiche Schrift vortheilhaft bekannt, dürfte hier genannt werden. D. H. wohleingerichteten Erziehungsanstalten für Israeliten (mit Ausnahme des vom verstorbenen Perl begründeten Instituts zu Tarnopol) gänzlich fehlt, sondern zu diesem bedauerlichen Mangel kommen häufig noch die religiösen Vorurtheile der jüdischen Eltern hinzu, um ihre Kinder auch im Privatunterricht von Allem, was nicht Thalmud, nicht Bibel oder sonst ascetischen Inhalts ist, mit sorgsamster Strenge, und wo es nothwendig erscheint, sogar mit Gewalt zurückzuhalten. Jene vielen hochgebildeten Israeliten, deren ich oben, mit Uebergehung einer allerdings nicht unbeträchtlichen Anzahl akademisch gebildeter Gelehrten, gedachte, sind daher lauter Autodidaften, die sich ihre mannichfachen, mitunter sehr bedeutenden Kenntnisse, erst in svätern Jahren der Unabhängigkeit aus freiem innern Antriebe und allein durch eigenen Fleiß erworben haben. Bedenkt man zumal, daß in solchen Jahren der Unabhängigkeit jeder polnische Israelit bereits mir Weib und Kind und Nahrungssorgen behaftet ist, daß er in dem gemeinhin noch wenig cultivirten Galizien sowohl der nöthigen Bücher als jedes belehrenden Umgangs entbehrt, und daß ihm überdieß die fanatische Opposition orthodoxer Verwandten jeden Schritt auf der Bahn der Aufklärung erschweren, so muß manidem hohen Muthe und glücklichen Talente, wie der unermüdlichen Ausdauer, mit welchen derselbe alle diese Hindernisse zur Erreichung eines edeln geistigen Endzweckes siegreich überwindet, nur Bewunderung zollen.— Gleichwohl betrachtet man es in jener Provinz als gar kein außerordentliches Phänomen, sehr gelehrte Israeliten in einem Alter von 40 Jahren anzutreffen, die in ihrem 30ften noch das ABC nicht kannten, wie ich denn persönlich einen solchen Mann dort kenne, dem Kant's Kritik der reinen Vernunft zufälligerweise als Fibel, schon nach kurzer Zeit aber als vollkommene und tiefbegriffene Lektüre diente. Solch ein unvergleichlich bildsamer Geist wohnt in diesem Volke, und dazu mit anerkannter Pietät lund bürgerlicher Tugend gepaart, wie trefflich könnte er nach Würden beachtet im Interesse des Gemeinwesens benutzt werden? Nicht minder eigenthümlich und bedeutsam ist auch die sociale Stellung des polnischen Juden, und abermals ganz besonders in Galizien, welches gewissermaßen seine frühere Geschichte fortlebt, während die anderweitigen polnischen Provinzen dagegen zeither manche energische

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