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Israelitische Annalen · 1840-02-14 · Heft 7 (14.2.1840) · p. Seite 59

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1840
Issue
Heft 7 (14.2.1840)
Date
1840-02-14
Page
Seite 59 (sequence 3)
Language
German
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59 Verzeihen Sie, meine Herren, dergleichen Fragen versehen uns in's 12te Jahrhundert, nur mit dem Unterschiede, daß damals ein Jude sie nicht hätte ungestraft machen dürfen. Aber, sagen Sie, wo kommen denn in einem Processe solche Fragen vor? Sie werden mir beistimmen, es ist ein Anachronismus. Nur weiter! Vor 50 Jahren nahm das Volk unter des Volkes Zuruf die Bastille, und die Revolution brach aus; vor 47 Jahren erhielten die Israeliten den Namen französischer Bürger. Dieser Name überraschte die bis dahin mit Füßen Getretenen. Nach den religiösen Jahrhunderten, welche dieselben als Feinde des Staates behandelten, war das der Jrrreligion gekommen, und — und der erstaunenswertheste Geist dieser Epoche, der universelle Schriftsteller, welcher mit seinen Witzspielen alle Religionen angriff. Voltaire, warf alle mögliche Schmach auf die jüdische Religion und deren Bekenner. Dennoch begriffen die Israeliten die sie erwartende Zukunft. Kaum waren 12 Jahre seit ihrer Emanzipation verstrichen, als das große Sanhedrin jene denkwürdigen Entscheidungen erließ, nach welchem Patriotismus und Gesittung gemeinschaftlich zum edelsten, höchsten Ziele hinstreben. Da erschien Las unheilvolle Dekret von 1808, ein Akt der größten Willkühr, der größten Ungerechtigkeit, und stieß die Juden vom Genüsse der Gleichheit wieder zurück. Es gab wieder in Frankreich, wie vor der Revolution, hier Christen, dort Juden. Ludwig XVHI. weigerte sich, dies ruchlose (impie) Dekret zu erneuen; aber die Restauration führte in ihrem Gefolge, einen unvermeidlichen Nachzug alter Vorurtheile. Die Israeliten können daher kaum rechnen, daß sie 25 Jahre emanzipirt sind. Nun, meine Herren, ich sage es laut, was sie in diesem Vierteljahrhunberl geleistet haben, ist ein wahres Wunder (un miracle . . . .) (Bewegung). Die Reste einer alten, einst mächtigen Nation, lebten in Frankreich unter dem Drucke des Hasses und der Verachtung, eine große Revolution bricht ihre Ketten, ruft: es werbe Licht, und es ward Licht! — Ja, ich fühle einen edeln Stolz, es auszusprechen: wir steben bereits da nach 25jähriger Freiheit, mit Euch in allen Laufbahnen wetteifernd. Es giebt zwei Berufe, deren Zugang ungemein schwer ist, nur lange und ernste Studien öffnen den Weg dazu: ich meine Magistratur und Advokatur. In der Magistratur zu Paris haben die Juden ihren Repräsentanten; in der Advokatur wetteifern viele jüngere Israeliten mit Auszeichnung, in allen Punkten des Landes, zu Paris, Metz, Bordeaux, Nimes, Air, Tarascon. Einige haben, seit dem Beginne ihrer Laufbahn, ihrer Mitbürger Achtung und Liebe erworben, deren Ruhm der Gegenstand ihres Ehrgeizes ist; andere sind bloß dis auf die höchste Stufe gestiegen. So hat zu Montpellier M. Bedarribes in den ersten Tagen dieses Jahres (1839) vermöge der freien Wahl seiner Collegen, die große Ehre, die schönste Belohnung, den Balonnat (die Würde des Stabhalters, Obermeisters) seines Standes erhalten! Ich, der Erstgeborene, welchem die Ehre zu Theil geworden, ihnen allen in dieser Laufbahn voranzugehen, ich sehe sie alle als mir angehörig an! ihre Triumphe sind mir werth und theuer; ich fühle mich glücklich, sie in dieser Versammlung öffentlich zu verkünden! (Beifall). In den Umgebungen der Gerichtshöfe zeigen Advokaten, Notare, Schreiber, auf ehrbare Namen aus den Israeliten; sie finden dieselben eben so häufig in den Handelsgerichten, in den conseils generaux, in dem Munizipalrath, alle durch Wahl berufen. Kaum sind es zwei Jahre, daß an beiden Enden Frankreichs, Herr Schwab, Munizipalrath in Metz, als er ins Grab sank, von dem ersten Magistrat des Departements öffentliche Beweise gerechter Theilnahme empfing, und Herr David Carcassone in Nimes, einer Stadt, die ich mit kindlicher Verehrung nenne, zur allgemeinen Zufriedenheit die schwierigen und zarten Pflichten eines Maire ausübte. Herr Worms de Romillv ward Maire-Adjunkt zu Paris und Mitglied des Conseil general vom Aube; Herr Goudchaur, Mitglied des con§eil general des Seine-Departements. Soll ich von der Bank sprechen? Da wird man mir fteilich sagen, auch vor der Revolution seien die Juden in Finanzsachen tüchtig gewesen. Wenn das Haus Rothschild nur großes Vermögen hätte, würde ich es nicht nennen; aber dies Haus ist gleichzeitig auch der Sitz einer ehrenfesten Gesinnung (prodite). Von Nathan Rothschild, dessen Tod jüngst in England selbst große Theilnahme erregte, wo er wegen seinen ausgedreiteten Einsichten in Staatsökonomie bewundert ward, weiß ich nicht« näheres, aber das kann ich sagen, daß die in Frankreich wohnenden Rothschild sich durch jene hohe Fähigkeit auszeichnen, welche durch eine Schnelligkeit des Blickes und Sicherheit eines vorsichtigen und festen Urtheils, Achtung und Verehrung einflößt und gebietet. Der Chef des Pariser Hauses gehört zu den Intelligenzen höheren Ranges und nimmt daher den ersten Platz ein. Man kann wohl von dieser Familie sagen, daß wenn der von ihr ausgeübte Einfluß ihrer Fähigkeit entspricht, auch das Gute, das sie leistet, dem Vermögen, das sie besitzt, entspricht. Mit dem Sohne Furtad os, welcher die Versammlung von 180« durch seinen Glan; hob, durch eine Ehe verbunden, hat das Haus Fould den Ruhm erworben, aus seiner Mitte ein Mitglied der Deputirtenkammer, ein Mitglied eines eonseil general, ein Mitglied als Notar, erwählt zu sehen. Näher zu Ihnen empfiehlt sich bas Haus Ratisbonne, durch die strengste Lopälikät bei der edelsten Großsinniqkeit, Ihrer Achtung. Mit ächt französischer Tapferkeit haben die Juden auf den Schlachtfeldern Grade und Decorationen erlangt, sie sind bis zu den höchsten Stufen emporgestiegen; einer bekleidet neben dem Kriegsminister einen wichtigen Posten, der Zutrauen fordert. Im Civil- und Militär-Geniewesen thun sich viele hervor. Unter den fünf ersten Eleven, welche dieses Jahr in der polytechnischen Schule angenommen worden, ist der Name des Juden Sciama! das ist ein junger Mensch kaum 17 Jahr alt. — In der Literatur nehmen wir eine ehrbare Stelle em. Ich will nur einen Schriftsteller nennen, dessen Name nach der ersten Herausgabe seiner: Lois de Moise, durch eines seiner trefflichen Werke, welche eben so sehr tiefes Wissen als wackere Gesinnung bekunden, einen europäischen Ruf gewonnen hat; Herr Salvador,welcher gerade in der Zeit, als ein deutscher Professor, ein Christ, Jesus Christus für eine mythische Person, ein Symbol, erklärt, seinerseits als Jude sich nicht scheute, das Leben Christi und die Authenticität der Evangelien als unbestreitbare Wahrheit hinzustellen. — Die Arzeneiwissenschast ward nicht vernachlässigt; mitten unter einer großen Zahl ausgezeichneter Männer dieses schweren Standes, weise ich auf Aronssohn hin, der gewissermaßen dieser Stadt angehört,, und welcher kürzlich mit dem Titel des berathenden Leibarztes des Königs beehrt worden ist. — Wollen wir unsere Blicke auf die Juden heften, sofern sie der Kunst sich widmen, sofern sie zu denen gehören, welche das Genie und die edelsten Empfindungen mit ihrem Feuer durchbringen, da ist Meyerdeer, Lessen Ruhm Sie nur einen andern zur Seite setzen können, Halevy, welcher mit Riesenschritten einhergeht. Endlich, meine Herren, will ich nur in Betreff des Gesanges, Madmoiselle Nathan und Madame Garcia nennen. Erlauben Sie mir. Ihnen das junge, treffliche Mädchen in Erinnerung zu bringen, welches über die ftanzösische Bühne einen so lebhaften, so reinen Glanz verbreitet hat. Ihr nennt Rachel, ja Rachel, das schöne Kleinod, die kostbarste Perle in dieser Krone. Aus der tiefsten Armuth erstand sie edel und groß; ehe sie fast noch lesen konnte, begriff sie Racine und Corneille, die unsterblichen Geister, welche wir mit Entzücken in der Stille der Zurückgezogenheit bewunderten, welche wir nicht mehr im verlassenen Theater mit Enthusiasmus begrüßten. Eine Jüdin giebt unsrer fleißigen Jugend die Gefühle wieder, welche ivir in den schönen Zeiten der französischen Tragödie empfanden, wiederum ist es eine Jüdin, welche jeden Abend eine ausgewählte Versammlung entzückt, deren Beifall der bewundernswürdigen Dichtung unsrer klassischen Schriftsteller, und der bewundernswürdigen Auslegerin ihrer Gedanken zugleich gilt. (Anhaltende Bewegung. Nach hergestellter Ruhe fährt der Redner fort:) Und nun glauben Sie, daß die ftanzösischen Israeliten unwürdig sind mit den christlichen Franzosen gleichen Schritt zu halten? Glauben Sie, daß wir nicht zu unfern Freunden sagen können: Wünscht uns Glück! und zu unfern Feinden: 7*

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