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Israelitische Annalen · 1840-02-14 · Heft 7 (14.2.1840) · p. Seite 58

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1840
Issue
Heft 7 (14.2.1840)
Date
1840-02-14
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
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- 58 - diese Ceremonie ist für sie keine Verbindlichkeit heilig; sie achten nickt des gewöhnlichen Eides, sie verletzen ihn ohne Gewissensunruhe. Diese beklagenswerthe Meinung ist im ganzen Elsaß -verbreitet, sie Kerrsckt in allen Geistern, sie ist in der Lust des Landes. Die Juden selbst scheinen nichts mehr darin zu finden, im Gegentheil, sie befestigen dieselbe dadurch, daß sie alltäglich von den Stadtgerichten in ihren Privatprocessen auf den Eid more judaico antragen. Wenn die Gerichte ihn vvrsckreiben, befolgen sie nur das seit drei Jahrhunderten hicrlands übliche Herkommen und heiligen die von den Juden selbst angenommene Rechtsform. Ich will sogleich von vorn herein es aussprecken, mit der Freimüthigkeit des Anwaltes aussprechen, der Eid mors judaico ist von Seiten der Christen, die ihn verordnen, ein abgeschmacktes Vorurtheik, von Seiten der Juden, die ihn leisten, eine wahre Entweihung des Heiligthums (Sacrilege). Die mosaische Religion verwirft ihn ebenso wie das ftanzösische Gesetz. Wenn er noch im alten Elsaß besteht, nachdem er in ganz Frankreich adgeschafft worden, so hat es seinen Grund darin, daß hier mehr als sonstwo die Juden noch unter dem Druck des Hasses des löten Jahrhunderts leben; daß während, seltsam genug, in allen Theilen Frankreichs ihre Emanzipation gern-hervorgerufen, mit Freude ausgenommen worden, hier man sie zurückstößt; während in allen Theilen dieses weiten Reiches, die Verschmelzung der Juden und Christen auf's Vollständigste ohne Hinderniß vor sich geht, ist in diesen beiden Departements, wo der Patriotismus glüht, der Liberalismus voller Eifer ist, wo die beiden christlichen Confessionen brüderlich in denselben Kirchen ihren Gottesdienst feiern, der israelitische Kultus allein nur tolerirt. In Ihren Köpfen, meine Herren, leben noch jene traurigen Vorurtheile, deren selbst Napoleons Heller Geist sich nicht entschlagen konnte; die Juden von 1839 sind Ihnen noch die von 1539. Alle unsre Anstrengungen werden uns nicht zu Gute gerechnet. Wahrlich wir möchten fast bezweifeln, daß diese Länder Theile von Frankreich bilden, belehrte uns nickt die Geschichte mit lauter Stimme, das nirgend stärker als im alten Elsaß die reinsten und edelsten Gesinnungen, die hohen und großartigen Begriffe, welche aus den fruchtbarsten Quellen der Freiheit und Gleichheit, den beiden Revolutionen von 1789 und 1830, hervorgingen, allgemein gelten. Ihre so eingewurzelten Vorurtheile also will ich jetzt bekämpfen; Ihre so festgestellte Meinung will ich zerstören. Ich habe eigens dazu einen Gerichtshof erster Instanz gewählt, welcher ohne Weiteres entscheidet; ich will einen Akt des Liberalism verlangen, welcher keiner fremden Einmischung unterworfen ist, damit die Entscheidung ganz frei geschehe; ich verlange es in einer Oertlickkeit, wo gerade durch den engern Kreis, der um die Bevölkerung gezogen ist, diese sich um so weniger gern von den Ideen lossagt, mit denen sie aufgewachsen ist. Die Revolution von 1789 ging von einer kleinen Gemeinde in kssrs aus, die Bewegung zu Gunsten der Elsaßer Juden, immerhin auch eine Revolution zu nennen, mag auch von einer einfachen Commune dieses Departements ausgehen. Ihr Gericht, meine Herren, wird sich zuerst darüber aussprechen; ich hoffe es. Meine Hoffnung werben Sie bald gegründet finden. Sie alle, die Sie mir zuhören; denn Moral. Religion, Gesetz, leihen mir die Worte; ich wende mich mit derselben an Ihr Bewußtsein, als Männer, Christen, Richter. In diesem Ihnen ungewohnten Kampfe, bebe ich vor keiner Einwendung zurück, ich werde solche sogar aufsuchen. Sie begreifen wohl, daß es mir nicht um einen armseligen Sieg für meine Person zu thun ist, ich strebe nach dem Sieg eines Prinzips. Und was diesen Punkt betrifft, erlauben Sie mir. Ihnen zu sagen, meine Herren, daß Ihr herkömmliches Rechtsverfahrenhinsichtlich des den Juden aufzulegenden Eides, mir kein wahres Hinderniß darbietet. Im Jahre 1827, als ich zum ersten Male vor dem königl. Gerichtshof zu Nim es den heute zu besprechenden Gegenstand anregte, war das Verfahren der königlichen Gerichtshöfe ganz dem Ihrigen gleich. Wie konnte es anders sein? Man forderte den Eid more judaico; der israelitische Bürger, den man dazu auftief, widersetzre sich nicht; der Eid more judaico blieb also durch die Zustimmung der ftanzosichen Juden selbst stehen. Aber am Tage der Berathung änderte sich alles. Vor den beiden Prinzipien, den Grundlagen unserer neuen socialen Ordnung, der Gleichheit vor dem Gesetze und der Freiheit der Culte, verschwanden wie Schattenbilder die auf alten Vorurtheüen und Religionsunterschieden beruhenden Argumente. Auch in diesem Raume wird es der Fall sein. Wie? Sollten Sie bis heute keinen Elb mors judaico dekretirt haben? Die Juden selbst forderten ihn ja unter sich von Ihnen! Aber ein junger Rabbiner schließt Ihren Abgeordneten die Thüren der Synagoge und versagt der Entweihung derselben seine Mitwirkung; die Discussion nimmt ihren Anfang; sie wirb mitten in der Finsterniß durchdringen. Ich habe mir's zur Aufgabe gemacht, den abgeschmackten Gebrauch der Eidesleistung mors judaico aufs äußerste zu verfolgen, und ersuche nunmehr die Herren Richter um jene wohlwollende Aufmerksamkeit, welche unsere Bemühungen und unfern Eifer aufmuntert und belohnt. Am Ziel der Laufbahn, die ich durchmachen will, sehen Sie ihn schon glänzen den herrlichen Preis, der eines großmuthigen Ringens werth ist? Emanzipation der Israeliten im Elsaß, das sind Worte, welche in dem Urtheil stehen sollen, auf welches ich antrage. Sie sehen wohl ein, meine Herren, daß Hin so herrlicher Gewinn mir Kraft und Muth einsiößen kann!" Nach dieser, mit beifälligem Gemurmel aufgenommenen Einleitung, setzte der Anwalt den Gegenstand der Klage und die sich daran knüpfenden Rechtsfragen auseinander. Er erklärt ferner, welche Heiligkeit der Eid für die Israeliten habe, und daß der Eid more judaico für die Bekenner der mosaischen Religion eine Entweihung des Heiligthums ist. Dann fährt er also fort: „Ich erwarte eine Einwendung, die unfern Gegnern sehr wichtig scheinen mag, obwohl sie nicht einmal scheinbaren Werth hat. Eine Entweihung, heißt es; aber seit mehr denn drei Jahrhunderten begehen solche die Juden! Noch heute verlangen sie unter sich vom Gerichtshöfe diesen ihnen vom Gesetz verbotenen Eid! — Was will das sagen? Erstlich, was waren die Juden unter Euch in den drei Jahrhunderten bis zur Revolution von 89? Sie hatten 10 Jahrhunderte der schrecklichen Verfolgung ausgehalten. Alle christlichen Völker, von blindem Haß gegen sie erfüllt, behandelten sie mit der bittersten Verachtung, mit der herzlosesten Gewaltthätigkeit. Ein König läßt einen Juden in seinen Palast rufen: „Abscheulicher Ungläubiger, redet er ihn an, wo sind deine Schätze? — Ach! Sire, erwidert der Unglückliche, ich habe keine Schätze! — du belügst mich, Jude, ich muß deinen Reichthum haben. He! Wache, bindet den Elenden, packt ihn, reißt ihm die Zähne aus, bis er gehorcht!" — Der Leidende duldet die entsetzliche Pein, endlich siegt der Schmerz; sein Vermögen kommt in die'Ha,w des Ungeheuers, das über dessen Qualen höhnisch lacht? Das»war nur bas Verbrechen eines Einzelnen. » Ein anderer König beschuldigt sie alle, die Brunnen seines Reiches vergiftet zu haben, um die Christen zu tobten. Die Juden haben wahrscheinlich kein Wasser getrunken. (Lachen). Eine schauderhafte Verfolgung wird regelmäßig durchgeführt. Man hetzt sie wie Gewild, man ziehl^hr Besitzthum ein. — Seht ihr nicht, daß sie alle den Tod verdient haben? „sie haben Gott getöbtet! sie haben Gott gelobtet!" Als ob der bloße Verstand nicht jedem sagte, daß man den nicht töbtet, der nicht stirbt. Wenn es Gott gefallen hat, um die Menschen zu erlösen, ein unserm schwachen Verstände unbegreifliches Mysterium zu schaffen, wie können diejenigen, welche die gezwungenen, dem göttlichen Willen nothwendige Werkzeuge sind, strafbar sein? Christus konnte nur Erlöser sein, mdem er am Kreuze starb, und dem Gesetze, welches diese Hinrichtung befiehlt, von dieser Seite Genüge leistete; von der andern Seite dem göttlichen Willen, welcher sich in diesem großen Akt seiner Allmacht offenbaren wollte; konnten hier die Juden strafbar scheinen? Der Tod Cdristi. des Sohnes Gottes, ober Gottes selbst, war am dritten Tage zu Ende; Euer ewiges Heil ist dessen Folge. Was haben Euch die Juden denn zu Leide gethan?

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