Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 5 (31.1.1840)
- Date
- 1840-01-31
- Page
- Seite 44 (sequence 4)
- Language
- German
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44 Judäa's war zu keiner Zeit sehr groß; seine Freiheit lebte nur in der heiligen Gesänge Erinnerung; seine Sprache —corrumpirt seit der Zeit des ersten Exils — wurde von den Bekennern der Religionen, welche auf dem gleichen oder benachbarten Boden entsprungen, doch immerhin noch werth gehalten. Was das verlorne Vaterland betraf, so war es stets ein mehr geistiges Besitzthum gewesen, und jeder Jude glaubte ein Stück des Nationalbandes in seinem kirchlichen Zeremoniale festzuhalten. Was auch Alles dem Juden und dem Judenthume genommen worden war, wie tief sie auch in der finstern Zeit des Mittelalters in politischer Beziehung sanken, so lag es doch im innersten Wesen jener Geschichtsperiode, jede Eigenthümlichkeit bestehen zu lassen, den Staat (so ferne man damals dieses Abstraktum kannte) in den verschiedenen Spezialitäten zu finden, nicht aber diese zu Einer Gesammtheit zu einigen, bei welcher Jedem aus der großen Truhe der Einlagen sein Stück vom gemeinsamen Glücke oder von der gemeinschaftlichen Fatalität zugemeffen werden soll. Die Juden wurden verfolgt, verachtet, unterdrückt, zuweilen gemordet und hingeschlachtet, aber die jüdischen Gemeinden ließ man mir aller Autonomie bestehen, die in jenem Zeitalter geschlossenen Korporationen zukam. Hatten sie keinen Anhaltspunkt nach Außen, so suchten sie ihn nur um so mehr nach Innen, und symbolisirten die verschwundenen Einheits-Zeichen in verjüngtem Maßstabe: statt des einzigen Tempels die Synagogen der Gemeinden, statt der Opfer dif regelmäßigen Gebete, statt der Propheten die Schriftgelehrten, und statt der Bundeslade mit dem kurzen, zum Weltgesetz bestimmten Decalog, die heilige Lade der Synagoge mit den Thorah-Rollen, nach dem über alle kritische Forschung erhabenen Texte der Masoreten. — Wo die Dinge fehlen zur Erlabung des Geistes, thun die Worte noch viel, besonders im Unglück. Die drückendsten und bangsten Zeiten, wo Leben uud Eigenthum, besonders aber die Ehre und der Menschenwerth der Juden als ein werthloses Ding galten, hatten den Israeliten in seiner Meinung doch nicht ganz verwaist. Hielt er sich doch im Innern für den bevorzugten Sohn, dem das Majorat der Erstgeburt schon wieder zufallen müsse; dachte er doch, vor den himmlischen Heeren seien die verachtet, welche ihn mit Verachtung überschütteten; fühlte er sich doch als Mitglied einer—wenn auch noch so kleinen, doch mit Autonomie begabten, in ihrem engen Kreise Ehre und Bcvorziehung errheilenden—Kommunität, welche in geistigem Rapport mit allen übrigen Gemeinden Israels stand, über welchen dann als wahrhaftiges und unvergängliches Zeichen der Einigung für und für, der einzige und alleinige Gott Israels schwebte, der Ewige, gelobt sei Er! Der schöne menschliche Trieb, in freier Vereinigung das auszuführen, wozu die Einzelkraft nicht hinreicht, und was die bürgerlichen Institutionen nicht unmittelbar bezwecken, schlief selbst in jenen -ungünstigen Verhältnissen nicht. Die Vereine oder Brüderschaften unter den Juden entsprachen sowohl deren äußeren Lage als inner» Richtung. Das praktische Leben, wo dle Individualität in die Gesammtheit sich einfugr, und die verschiedenen Klassen durch geordnete gesellschaftliche Reibung elektrische Funken in die Staarsgesellschaft bringen, welche belebend Alles durchströmen, was irgend einen Konduktor nur mit den Spitzen der Finger berührt, — dieses praktische Leben bestand damals für den Juden nicht. So suchte man, wie das zusammengedrängre Judenthum überhaupt, auch in jenen Vereinen nur ein Mittel, um das geistige Himmelreich durch Aufftaffelung des materiellen Zeremonial- Gesetzes zu ersteigen, oder durch scholastische Spekulationen der Schriftgelehrsamkeit und durch Ausübung guter Werke das nagende Herzeleid der Unterdrückung und der Verfolgung zu überräuben. (Fortsetzung folgt.) Mairnonides und seine Zeitgenossen. Fünfter Abschnitt. Flucht nach Palästina. ,.Der Rath, den ich mir ertheile, und der Entschluß, welchen ich für mich und meine Freunde und jeden, der bei mir Ratb sucht, für den besten halte — ist, alle diese Oerter zu verlassen und nach einem Orte zu gehen, wo es möglich ist, seiner eigenen Religion anzugehören, und sein Gesetz auszuüben, ohne Zwang und Angst; und lieber bei Tag oder Nacht alles im Stiche zu lassen; denn das Gesetz, welches uns der Erhabene als Erdtheil ubergeben hat, und die Verpflichtung zu demselben, stehen höher als alle Zufällig, keilen, welche der Kluge kommen sieht; denn diese bestehen nicht, Gottesfurcht aber besteht ewig." Diese Worte stehen ebenfalls in der besagten Abhandlung, nach der allseiligen Beantwortung jener Behauptungen des befragten Mannes. Und nach seinen Grundsätzen handelte er auch, im I. 1165, als er 30 Jahr alt war. Er wanderte mit seinem Vater und seiner Familie nebst einem seiner größten Schüler, den er ungemein liebte, aus. Hier ist