Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 4 (24.1.1840)
- Date
- 1840-01-24
- Page
- Seite 39 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3133765-3133820-3133825--0525-3134674- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
39 würde, die für die Gesammtheit weit verderblicher werden könnte, als hätte man überall den Cultus nach alter Form bestehen lassen. 2) Auf den Antrag des Herrn Oberrath Eppstein, wurde der bisher auf dem Lande noch übliche Wandertisch der Vorsänger und Lehrer abgestellt, und die Gemeinden sind gehalten, Vorsänger und Lehrer entweder den beständigen Tisch bei einem Gemeindegliede, mit dem sich die Gemeinde darüber verständigt, anzuweisen, oder denselben ein Aequivalent an Geld dafür zu leisten. Gewiß eine lobenswerthe Anerkennung und Verbesserung des Vorsängers¬ und Lehrerstandes. Fürst, Bezirksrabbiner. Literatur. Moses ben Esra aus Granada. Darstellung, seines Lebens und literarischen Wirkens, nebst hebräischen Beilagen und deutschen Uebersetzungen, von Leopold Dukes. Altona (s. s.) Gebrüder Bonn. VI. 115 S. 8. Beurtheilt von Samuel Meklenburg. Es gehört zur erfreulichsten Lichtseite unserer Zeit, daß man bemühet ist, literarische Denkmale verschwundener Jahrhunderte dem Staube der Bibliotheken zu entziehen, und wenn nicht vollständig, doch in Fragmenten, dem gelehrten Publikum im Original, und dem allgemeinern in Uebersezzungen vorzulegen. Daß diese Gerechtigkeit dem zwar als Synagogendichter und Denker bekannten, aber als reizenden und gemüthvollen Profandichter gänzlich unbekannten Mose b. Esra aus Granada in unfern Tagen widerfuhr, ist gewiß höchst lvbenswerth und wichtig nicht allein für ben Sprachforscher, sondern auch für jeden Freund äckter Dichtung der Vorzeit. Ohnehin ist die maurisch-jüdische Periode noch viel zu wenig beachtet worden, und unsere berühmtesten Literargeschickten thun ihrer entweder wenig oder keiner Erwähnung. Gleichwohl ist die neuhebräische Literatur des spanischen Mittelalters gleichsam ein Verbindungsglied der maurischen und christlichen Literatur und Poesie, wie denn auch im Leben die Israeliten als handeltreibende Nation bas Verbindungsglied zweier feindlich getrennter Völker ausmachten. Unser Dichter lfällt in den Zeitraum, wo die neuhebräische Poesie in Spanien sich der höchsten Blüthe erfreute. Dukes verdient also einen besonder» Dank', daß er diese blühende Rose aus dem Staube der Vergessenheit hervorzog und sie an das Helle Sonnenlicht zur Betrachtung aller Freunde achter Dichtkunst hinstellte. Leider ist uns fast gar nichts von ben Lebensumständen des-interessanten Poeten bekannt. So viel ist gewiß, daß er 1138 noch lebte. Alles Nähere-müssen wir aus seinen Schriften selbst schöpfen, und diese zeigen uns ihn als einen frommen, aber doch lebensfrohen Mann, der tkätig wirkte, sich in der Welt umsab, seinen Glaubensgenossen Trost zusprach, ihr Her; erhob, seine Fehler dereuete, dann aber auch wieder, besonders unter reunden, seinem Frohsinn freien Lauf ließ, und in heitrer ebensansicht den edlern Empfindungen der Liede huldigte. So charakterisiren ihn alle uns von Herrn Dukes mitgetheilten Proben. Mose b. Esra war auch Philosoph, er hat drei philosophische Werke geschrieben, worüber die Monographie ausführlich Nachricht giebt. Die poetischen Sckriften gehen uns hier zunächst an, und über sie wollen wir das Wesentlichste aufzeichnen. Mose b. Esras poetische Leistungen sind religiöse und weltliche. Erstere bestehen in Gebeten und Betrachtungen, theils in gebundener, theils in ungebundener Form. Der Styl ist musivisch. Vorhanden ist ihrer eine große Anzahl in edirten und unedirten Machsorim, wovon der Verfasser das Verzeichniß mittheilt. Man findet Gebete für fast alle Festtage, jedoch besonders für das Neujahrs¬ und Versöhnungsfest. Von den weltlichen Gedichten, die unsere besondere Aufmerksamkeit erregen müssen, ist ein großer Theil unter dem Titel Divan erhalten. Diese Sammlung besitzt Herr Professor S. D. Luzzato in Padua. Ihm verdankt Herr Dukes alle seine Nachrichten und Mittheilungen über dieses kostbare Kleinod, wie überhaupt viele einzelne Notizen aus werthvollen hebräischen Handschriften. Die Gesammtzahl der im Divan enthaltenen größern und kleinern Poesieen beträgt 300. — Das größte Werk aber, das Mose b. Esra der Nachwelt hinterlassen, und wovon der Verfasser Proben mittheilt, ist Thar sch isck. Es besteht aus unzusammenhängenden kleinern Gedichten, theils didaktischen Inhalts, theils elegischen, theils in Form des Epigrammes im antiken Sinne, d. h. als ernster Ausspruch der Lebensweisheit ober irgend einer Anschauung. Die Form der Verse ist von seltsamer Künstlichkeit. Der Dichter nämlich begnügt sich nicht mit der Reimsylbe, sondern gebraucht statt der Reime dieselben Worte, nur in einer andern Bedeutung wieder. Ein dichterisches Kunststück, das nur durch große Sprachkenntniß und scharfes Eombinationsvermözen hervorgebracht werden kann. Gehen wir nun zur Charakteristik und zur nähern Bestimmung des poetischen Werlhes dieser Dichtungen über, so wird sich das Resultat für das allgemeine Publikum durch die Uebersetzung am leichtesten vorweisen lassen. Wir wollen also ben Faden, den diese darbielet. verfolgen. Was die Synagogalpoesieen beiriffl, so wehet in ihnen der bibliscbe Geist des Aufschwunges zum einigen Gott, der ernsten tiefen Reue und Buße. Alle neigen sich indessen mehr zu sanftern Empfindungen, und bas Element des Erhabenen, bas die Psalmen in lichter Sonnenhöhe erhält, ist selten in ihnen zu finden. Vielmehr ist das Elegische einer sanften Trauer vorherrschend, wie es sich naturgemäß einer Nation bemächtigen mußte, die vom vaterländischen Boden vertrieben, in der Ferne irrend, sehnsüchtige Blicke nach der fernen Heimatherde, nach verschwundenem Glanz und Macht hinwirft. Rührend ist in dieser Hinsicht das Stück rPlnN mpm So ruft er aus: Belebende Hoffnung und frohes Ende, Euer Gott euch ferner bereite. Des Friedens und des Frohsinns Spende, Immerfort auch euch begleite; Verkündend seine Stimme er sende. Daß beschlossen er hat deute. Fröhlichen Ausgang zu schenken euch. Und mit Hoffnung er euch erfreute. Und in gläubigem Vertrauen schließt er: Schaaren einher nun ziehen. Zu ihrem, Vater zurück sie kehren. In heißer Andacht sie erglühen. Statt Opfer ihn, mit Gesängen sie ehren. Daß ihre Schuld er verziehen. Möge der Schöpfer sie lassen hören: „Gebt nach euren heimathlichen Zelten. Friede soll euch dort erblühen." Eben so rührend ist Demüthigung vor dem Allerhöchsten in einem Gesänge, der anhebt: Welche Hoffnung ist wohl beschieden, Dem Weitbewvhner hienieden? Ohne Schwingen sich erbebend in Flüchtigkeit, Und gar bald zerfallend in Nichtigkeit. Dessen Tage Unglück nur bringen. Dessen Nächte mit Qual nur ringen — Kann gerecht sein wohl, der zum Grabe wandelt. Und in Moder gar sich schnell verwandelt? Kann vor feinem Schöpfer rein erscheinen wohl der Mensch? Traum nur ist des Menschen Leben, Deutung kann der Tod erst geben.