Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 4 (24.1.1840)
- Date
- 1840-01-24
- Page
- Seite 31 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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31 weiß sehr wohl, daß mancherlei Gebräuche unserm Cultus gar nicht so wesentlich angehören, daß sie nicht sollten ausgeschieden werden können. Aber was ich wünsche, ist einerseits, daß die Reorganisation vollständig sei und nicht wieder bedeutende Lücken lasse, und andrerseits, daß sie die nöthige Bürgschaft einer innern Dauerhaftigkeit darbiete, damit . nicht aus ihr wieder Neuerungen entspringen, welche den Cultus über den Haufen werfen und die Geister auf schismatische Gedanken hinlenken; ächte Verbesserungen, welche um das allgemeine Vertrauen zu erwerben, den religiösen Einfluß derjenigen, welche zu ihrer Einführung berufen sind, zur Basis haben. Ich bitte Sie schließlich, wofern Ihnen meine Mitwirkung von einigem Nutzen sein kann, mir eine kleine Frist zu lassen, damit ich Ihnen einen nach den hier dargelegten Ideen abgeänderten Entwurf vorlegen könne. In Erwartung dessen habe die Ehre zu sein der Oberrabdiner der Circonscription von Marseille. M. D. Cahen. Marseille 1. Dec. 1839. Messias berechn» ngen. (Eingesandt an- Gallizien. Dec. 1839.) (Schluß.) Sicherlich wage ich nicht zu viel, wenn ich behaupte, daß gerade die Berechnungen von Seiten solcher Männer, welche eines allgemeinen Ansehens sich erfreueten, den Betrügern Anlaß gaben, das irregeleitete Volk mit ihren Vorspiegelungen zu täuschen, und auf einige Zeit unter demselben Anhang zu finden. Bliebe es bei bloßem Irrwahn, der bald wieder verschwindet, so läge wenig daran, und ich würde nicht davon sprechen; allein wir wissen aus der Geschichte nur zu gut, welche entsetzliche Folgen derselbe jedesmal herbeiführre; und ich brauche nur an Bar Cochba und an die Beispiele, welche Maimonides in seinem Sendschreiben anführt, zu erinnern, woraus zu ersehen, wie viele Tausende von Unschuldigen als Opfer der Thorheiten Einzelner fielen. Ja selbst abgesehen hiervon, muß die Religion des Volkes, wenn sie mit solcher Festigkeit sich an die Erwartung eines äußerlich erscheinenden Messias knüpft, offenbar durch die immer eintretende Enttäuschung alle Spannkraft verlieren. Auch dieß bestätigt die Geschichte. Man weiß, mit welcher Zuverlässigkeit Ascher Lem lei n im Oefterreichischen (1500) die Nähe des Messias verkündete und wie viele von ihm sich bethören ließen, wahrscheinlich durch Abrabanels und Anderer Rechnungen verleitet. Das Ende davon war, daß eine große Menge sich von der Religion lossagte. Die Verirrungen der Sabbathianer (1666), wahrscheinlich veranlaßt durch die Berechnung des yp ny und die der Fra nki fte n *) (bis 1791) sind noch im frischen Andenken. Jedermann weiß, daß die Synagoge durch alle diese theils betrügerischen, theils schwärmerischen Ausschweifungen an Ansehen und kräftigen Mitgliedern bedeutend verloren hat. Darum verdient der große Geschichtsforscher Asarjah dei Rosst ganz besonders lobender Erwähnung, daß er (j?o xniO seine Zeitgenossen , welche einer ähnlichen Prophezeiung auf das Jahr 5575 vertraueten, zeitig und laut warnte, wodurch er vielleicht viele Menschen vor Unglück beschützt hat. Eine gleich humane Absicht har auch den Einsender dieses vermocht, den Gegenstand jetzt zur Sprache zu bringen, indem sich sowohl in Gallizien als Polen und Rußland der Wahn verbreitet Hai, daß das gegenwärtige Jahr, 5600, das M - sianische sei, und es Thoren genug giebt, welche solchen Eingebungen vertrauen. Diese rühren her aus einigen Aeußerungen in dem bekannten Buche Sohar (Abschn. *m), welches die meisten Israeliten unsrer Gegend für das Werk der Inspiration halten, ungeachtet bereits auf's Unwidersprechlichfte bewiesen worden, daß es erst im 13ten Jahrhundert verfaßt und auf jeden Fall nur untergeschoben ist. Die Menge läßt sich durch keine Beweise von ihren Vorurtheilen abbringen, und nimmt alles, was in diesem Buche steht, für prophetische Wahrheit. Die Sache ist dadurch ernster, als sie erscheint. Bei der phantastischen Empfänglichkeit der Israeliten in den genannten Ländern, und bei der Macht eines Antriebes der Schwärmerei, wäre es leicht möglich, daß irgend ein Betrüger oder Selbftbetrogener den Volksglauben zu thörichten Unternehmungen mißbrauchte. Soll man dergleichen geduldig abwarten und nicht lieber sie Unwissenden belehren, bevor sie sich bittere Reue bereiten? Und sollen alle Wohldenkenden und Hellsehenden einen so verbreiteten Wahn stillschweigend *) Siehe Jost Geschichte der Israeliten. 4*