Mannheim
Compact Memory

Israelitische Annalen · 1840-01-24 · Heft 4 (24.1.1840) · p. Seite 30

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Annalen
Volume
1840
Issue
Heft 4 (24.1.1840)
Date
1840-01-24
Page
Seite 30 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3133765-3133820-3133825--0516-3134665
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

30 tigt, so scheint mir doch die Grundlage des Entwurfs fehlerhaft; denn durch die Vorannahme einernothwendigen Aenderung des Cultus, welche nur die Art der Aenderung in Berathung ziehen will, löst man gleichsam im Voraus und eigenmächtig den wesentlichen Punkt, die Frage, ob überhaupt eine Aenderung im Kulte zulässig sei. Dieses hat vielleicht in mancher Hinsicht seine Wahrheit, aber ausgesprochen kann es doch nur werden, nach Entscheidung der Rabbinen, welche in solchen Dmgen die einzigen kompetenten Richter sind. Unangemessen ist der Entwurf, denn er zerstört alle Kirchengewalt, und erstrebt eine von allen andern Culten gänzlich abweichende Organisation. Bei den Katholiken hat der weltliche Rath mit den Entscheidungen der Priester in Cult-Angelegenheiten gar nichts zu theilen. Bei* den Protestanten tft das Consistorium nur ein Annexe (?) der Kirchenmacht, und bei uns sollten die weltlichen eine dirigirende Gewalt haben, geborene (?) Repräsentanten des Cultus sein, und die Rabbinen nur an's Schlepptau genommen werden? — Das Streben nach solchen Eingriffen, erlauben Sie mir, dies zu bemerken, ist nicht neu. Ursprünglich bestand das Consistoire central nur aus fünf Mitgliedern, worunter zwei Weltliche, so daß die Rabbinen im Rathe die Majorität hatten. Durch das Abfterben des nicht wieder ersetzten Oberhauptes hat diese Majorität den ersten Stoß erlitten. Durch weitere abnehmende Progression hatten die Rabbinen bald nur ein Viertel der Stimmen im Rathe, endlich ein Achtel. Dennoch erwies man ihnen immer so viel Rücksicht, daß man über religiöse Angelegenheiten keine Berathung hielt, ohne sie zuzuziehen. Heute ist man nicht mehr so ängstlich, und da man schnell zum Ziele gelangen will, begnügt man sich damit, einen Grand-Rabbin dabei zu haben, welcher nichts weiter zu thun hat, als zu allen Neuerungen, welche etwa dem Consistorium beliebt im Cultus einzuführen, Amen zu sagen, ohne daß er das Recht hätte, irgend eine Beschränkung zu machen, oder die Macht, seine Meinung durchzusetzen. Einige unbedeutende Zensurübungen (Art. 41.) überläßt man ihm; das ist alles. Ich bin. weit entfernt, das Vertrauen, worauf die weltlichen Mitglieder des Consistoriums mit Recht Anspruch haben, irgend herabzusetzen. Ich weiß, wie viel Gutes sie bereits gewirkt haben, und was durch ihre heilsame Mitwirkung noch von ihnen erwartet werden darf. Jndeß ist jedem sein Wirkungskreis hienicden angewiesen; den Weltlichen gehört die Verwaltung, nichts kann besser sein; aber den Rabbinen lasse man die Lehre und den Gottes-. dienst; entkleiden Sie dieselben dieser Attribute, so ernten Sie nur verderbliche Früchte. Der Weltliche, welcher gemeinhin sich nicht mir theologischen Studien beschäftigt., kann seiner Ent- " scheidung keine der Bürgschaften geben, welche durchgreifende Verbesserungen erheischen; denn, entweder ist er religiös, und dann kann er, weil er nicht weiß, was erlaubt ist und was nicht, nur blindlings wagen, und sich auf dem Wege, des Fortschrittes, den man uns führen will, nur hintappen, oder es liegt ihm nichts an Religion, und dann wird er ohne Einsicht und Wahl an die heilsamsten Institutionen die Axt anlegen, was gewiß traurig und höchst verderbenbringend wäre. Bedarf es zur Stütze meiner Meinung eines. Belegs aus der Vergangenheit, so kann ich das Ansehn des Großen Sanhedrin anführen. Dieser große Rath unterschied sich schon von dem, welchen man jetzt reorganisiren will, darin, daß dieMitglieder wirkliche Vertreter aller Israeliten des Kaiserreiches waren. Außerdem hatte er nicht den Auftrag, eine religiöse Reform zu bearbeiten, sondern nur religiöse Gruydsätze festzuftellen, von denen einige von hoher Wichtigkeit ebenfalls nur nach Einholung der Ansichten der Rabbinen angenommen wurden. Endlich behaupte ich, der Entwurf sei unklug, weil er gerade die der beabsichtigten schnurstracks entgegengesetzte Wirkung erzeugen wird. Glauben Sie, daß auf die Entscheidung von 8 Männern hin, welche das Central-Consiftorium bilden, oder von 5, als deren Majorität, die einzelnen Orte in Frankreich sich werden gutwillig Veränderungen im Cultus gefallen lassen? Ueberlegen Sie es reiflich; denn der Ihnen am Herzen liegende Entwurf ist von höchst ernster Natur. Man kann nicht wirksame Verbesserungen einführen, indem man den in Religion sehr reizbaren Leuten vor den Kopf stößt; sondern lediglich durch den verständigen Einblick, den versöhnlichen Geist und die praktische Gewandtheit der Geistlichen, welche -besser als jeder Andere im Stande sind, sie geräuschlos und allmählich alle verschiedenen Meinungen gewinnend, einzuführen. Uebrigens bin ich mit Ihnen über die Nothwendigkeit einer Reorganisation einverstanden. Ich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.