Mannheim
Compact Memory

Israelitische Annalen · 1840-01-10 · Heft 2 (10.1.1840) · p. Seite 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Annalen
Volume
1840
Issue
Heft 2 (10.1.1840)
Date
1840-01-10
Page
Seite 18 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3133765-3133820-3133823--0502-3134649
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

18 Ätschrichten und Correspondenzen. Hamburg. — Am 22. Dezember fand die Prüfung der Zöglinge der israelitischen Freischule hieselbst statt, welche unter der Leitung unsers verehrten vr. Kley sich der schönsten Blüthe erfreuet. Das Programm folgt anbei. Die Prüfung hat allgemein befriedigt. Interessant wird es sein zu erfahren, daß der immer hochherzige Herr Salomon Heine zugegen war, mit lebhafter Theilnakme der Prüfung bis zu Ende der Feier beiwohnte, und alsdann seinen ohnehin schon bedeutenden Beitrag verdoppelte. Möge er recht viel? Nachahmer finden und dadurch die Klage des Programms S. 3 über hin und wieder verminderte Theilnahme beseitigt werden. — Aus dem Programm entnehmen wir folgende statistische Notizen. Innerhalb der drei Jahre, seit dem Erscheinen des letzten Programms, hat zwar die Schule im Jahr 1838 einen ihrer Hauptlehrer, Herr vr. Wohlwill verloren, welcher als Director der berühmten Iakobson'schen Stiftung zu Seesen berufen worden, aber andrerseits an Herrn vr. Ree einen neuen nicht minder gewandten und tüchtigen Schulmann erhalten. Mehrere kleine Veränderungen sind außerdem zur Erweiterung des Wirkungskreises der Anstalt eingetreten, so daß dieselbe mehr Stundenzahl gewonnen hat, und bedeutend mehr leistet. Sie steht unter einer besonder»! Verwaltungsbehörde von sechs Mitgliedern, zu denen noch zwei aus dem Collegium des Gemeinde-Vorstandes kommen. Der Unterricht erstreckt sich über alle Gegenstände einer böhern Bürgerschule, die englische Sprache milgercchnet. Die Zahl der Schüler beläuft sich auf 186, welche in 4 Klassen vertheilt sind; — abgegangen 96, worunter, wie hier geklagt wird, manche zu früh, was wir besonders bemerken, weil dieselbe Voreiligkeit, unreife Schüler so früh als möglich in das Geschaflsleben einzuführen, bevor sie die Zeit gehabt haben, sich regelmäßig vorzubereiten, auch anderswo zum Bedauern aller Freunde guter Schulbildung wahrgcnvmmen wird. Dies ist ein Uebel, dessen nachtheilige Folgen späterhin empfunden werden, und welches eben so sehr den ungeduldigen Eltern und Pflegeeltern als den gar zu bereitwilligen Lehrherren zur Last fällt. Uebrigens ist es erfreulich zu sehen, daß von 64 in bürgerliche Geschäfte eingetretenen Schülern 27 dem Handwerke und der Handarbeit sich widmeten. — (Am 25. Dezember.) — Ich übernehme die traurige'Pflicht, den Verlust anzuzeigen, welchen die israelitische Gemeinde Hamburgs heute eriitt. Dieselbe ist um einen Menschen, um einen Mann, um einen Israeliten, im edelsten Sinne des Wortes, ärmer geworden, und es wird lange dauern, bis dieser Verlust nur weniger fühlbar sein wird, denn ganz ersetzt wird er wohl nie so leicht werden. Der Mann, dem diese Zeilen nebst den Thränen des herbsten und aufrichtigsten Schmerzes gewidmet sind, ist, der heute beerdigte Notar und Secretär der Gemeinde, Herr M. I. Bresselau, welchen der unerbittliche Engel des Todes im noch nicht ganz vollendeten fünfundfünfzigsten Jahre in das Grad legte. Ein zu früh verstorbenes Talent preßt uns Thränen aus, der Tod eines Vielwissenden berührt uns schmerzlich, trauervoll stehen wir am Sarge eines Mildthätigen, wir beklagen innig den Hintritt eines Strebsamen, welcher mit Umsicht das Wohl leiner Mitmenschen zu fördern versteht. Alle diese Vorzüge — wovon einen einzigen nur zu besitzen, schon so segensreich sein kann — vereinigte der Verstorbene in einem sehr hohen Grade. Die Vorsehung überhäufte ihn mit Talenten aller Art. — Ein guter Kopf, voll Geist und Urtheil und bereichert mit vielem Wissen, welches nicht als todtes unfruchtbares Capital vorhanden war, welches den Menschen nach Ausspruch des Thalmuds zu einem „mit Büchern gefüllten Korb" verwandelt; sein Wissen trug reichliche Früchte. Eine eindringende Urtheilskraft, die, wo sie sich hinwandte, alles im gehörigen Lichte sah, zog den frischesten Geist aus dem todten Buchstaben und Lcbensfülle aus dem trockensten Stoff. Viele scharfsinnige exegetische und kritische Bemerkungen, Freunden mündlich mitgetheilt, welche , oft die frappantesten Resultate lieferten, waren würdig öffentlich Mitgetheilt zu werden. Leider aber ist dies nicht möglich, da derselbe nie etwas aufschrieb, ein Gedächtniß — wie es nur wenigen zu Theil wird — machte dies für ihn unnöthig. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn ich denselben ein Musterbild ächt jüdischer Bildung nenne, mit der die allgemein europäische innigst sich verbunden hatte. Er repräsentirte vollkommen ein Ideal aus der schönen Blüth'ezeit jüdischer Erudition nach allen Seiten hin, ein ächter Jünger, auf dem der Geist des Mendelssvhnischen Jahrhunderts ruhte, ein Geist der lange segensreich auf die Nation wirkte. Herangewachsen beim Studium des Thalmuds und bei der hebräisch-spanischen Literatur, welche er nach allen ihren Richtungen kannte — die Poeten dieser Zeit, welche die wenigsten kennen, waren ihm so geläufig, daß er ganze Stellen auswendig hersagte — war er eingedrungen in den Geist dieser Sprache, wie Wenige, und handhabte ihre Stylistik mit einer Leichtigkeit, und war Meister der schönsten und witzigsten Wendungen, wie nicht immer Schriftsteller vom Fach es vermochten. Gedrucktes was alle Welt las, z. B. die zu ihrer Zeit Aufsehen erregende Broschüre nöp13 und Geschriebenes, welches nur wenige Freunde lasen, bezeugen sattsam bas eben Gesagte. So vorbereitet, machte er sich an das Studium der deutschen Literatur, welcher bald die französische und englische folgte, welche letztere er wie ein Eingeborner beherrschte, und zwar alles ohne Hülfe eines Lehrers, den Unterricht durch eignes Talent ersetzend. Sogar das Arabische fesselte ihn zu einer Zeit, wo Andere nicht nur nichts Neues mehr lernen, wo sogar das Alte oft vergessen ist. Als die Opp. Bibliothek sich noch hier befand — deren Gebrauch ihm gestattet war — fesselte eine höchst seltene Ausgabe der Bibel, worin sich die arab. Uebersetzung des Saadia mit hebräischen Lettern befand, seine Aufmerksamkeit so sehr, daß er sich mit rastloser Mühe das Pentateuch abschrieb, und auf diese originelle Weise sich so viel arabisch zueignete, daß er die Bibel in dieser Sprache verstehen konnte. Die Reinschrift dieser Uebersetzung ist ein Muster von hebräischer Kalligraphie. Solches Wissen könnte einem Gelehrten vom Fach schon zur Ehre gereichen,' aber der Verstorbene gehörte nicht zu dieser Klasse, er war ein praktischer Mann, ganz dem bürgerlichen Leben angekörend. Er war einer der vielbeschäftigtesten öffentlichen Notare dahier, von dessen Umsicht in seinem Fache und scharfem Blicke, alle Klassen der hiesigen Bevölkerung — ohne Unterschied der Religion — gern Gebrauch machten. Den ersten Banquiers, die über Millionen gebieten, sowohl, als Personen, welche tief unter dem Mittelstand stehen, galt sein Rath als heilbringend, von dem man weder rechts noch links abweichen darf, und beide machten ihn völlig zum Vertrauten ihrer Angelegenheiten. Wo es überhaupt um praktische Tätigkeit sich handelte, war er bereit seine Kräfte dazu zu widmen. Manchen guten Vorschlag brachte er auf die Bahn, während er Mitglied des Gemeindevorstands war. Vom hiesigen neuen Tempel war er der Begründer Einer, und hat fick auch um diese Anstalt viele Verdienste erworben, durch Rath und That. Eine Reihe von Jahren stand er auch dieser Anstalt als Director vor. An der Verfertigung des Gebetbuches dieser Anstalt nahm er den thätigsten Antheil, und war bis an sein Ende bestrebt, die Blüthe dieses Instituts zu fördern und seine Dauer zu erhalten. Es war bis jetzt von dem guten Kopfe die Rede, aber dieser glänzte nicht auf Kosten des Herzens, ein schöneres Zusammenwirken beider hat die Welt nicht öfter gesehen. Wie der Kopf voll Geist und Urtheil, war sein Her; voll Milde und warmer Menschenliebe. Ost öffnete sich seine Hand, Bedrängten die ersehnte Gabe zu reichen, versüßt durch eine freundliche Miene, an Werth erhöht durch Worte des Trostes. Oester noch öffnete sich sem Mund, Fürbitte zu thun für verschämte Armen bei Reichen — welche des Empfängers Name nicht kannten. — Dies waren die Vorzüge eines Mannes, welcher gelehrt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.