Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 1 (3.1.1840)
- Date
- 1840-01-03
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 nusse die Rede. Er folgt hierin offenbar der alten Tradition, und spricht gegen den Irrwahn der Araber! — Für uns ist der Begriff reiner Seelenfreuden kaum recht denkbar, allein schon die Alten sagten: „Die Frommen haben ihre Krone auf dem Haupte und genießen ihre Seligkeit im Glanz der Gottheit." Damit wollten sie sagen, daß die Seele rein geistiger Natur ist, und in dieser Reinheit, nach Abstreifung des Körpers, sich eines Daseins freue, das mit dem Goltesbewußtsein ähnlich gedacht werden muß. Maimonides selbst erklärt sich so darüber, Abschn. Buße Viu. 2 u. 6. „Jene Seligkeit ist verschieden von allen Genüssen hienieden, wo wir nur nach körperlichem Wohlseiv streben.wir können sie nicht einmal bildlich mit diesseitigen Genüssen vorstellbar machen, sondern sie ist unendlich und unfaßbar...." Also nicht die Stärke der Denkkrast ist die Seligkeit, sondern die vom Körper befreite Seele wird zum reinen Geiste, erhebt sich dadurch zur Gottähnlichkeit, und wird dadurch einer Seligkeit theilhaftig, sür die wir keinen Äusdruck haben. Uebrigens erkennt Maimonides selbst die Schwierigkeit, sich hierüber verständlich zu machen, und sagt daher am Schlüsse der Grundlehren: „Alles Gesagte ist jedoch nur ein Tropfen aus dem Eimer, der Inhalt ist sehr tief." Hieraus fällt auch ein Licht auf seinen Ausdruck im Ir. Sanh. Abschn. Chelek, wo er sagt: Es kommt uns weder als Befolgern der Gesetze, noch als Theologen zu, den Engeln ic. allen Genuß adzusprechen; vielmehr haben sie den beständigen Genuß der ungeschwächten Gotteserkenntniß, die auch wir erstreben u. s. f.; und wenn es heißt: „die Frommen haben ihre Krone auf dem Haupte," so will das sagen, daß die Seele ihr Dasein hat, indem der Geist des Höchsten ihr verbleibt, denn das höchste Bewußtsein und Gott ist, wie die Philosophen genügend erklärt haben, eins und dasselbe." Er meint also, wie der Sprachausdruck (nw, nidjt kwi) deutlich zeigt, keinesweges, Gott werde mit der Seele eins und dasselbe, oder diese gehe in die Gottheit auf; sondern er statuirt verschiedene Grade des seligen Daseins, nach den verschiedenen Graden des moralischen Bewußtseins. Auch More 1.7V besagt nichts anders, als daß die Seele hienieden nur zu einer größern Vollkommenheit sich vorbereite, die sie jenseit erreiche. Hiernach hat insbesondere Luzzato mit Unrecht ihn angegriffen, indem er behauptet, Maimonides hätte fremde Begriffe eingetragen, und die traditionelle Lehre durch arabische Philosopheme verfälscht. Die Aristotelische Lehre ist himmelweit von! dem, was hier erläutert worden, verschieden. Schon Abr. b. Daud hat ihm bekanntlich zu obiger Steve, Abschn. Buße viii. 2. einen solchen Vorwurf gemacht, ward aber von allen Commentatoren ernstlich zurückgewiesen. Ja in der angegebenen Stelle Chelek erklärt sich M. ausführlich über die verschiedenen Vorstellungen vom jenseitigen Leben, und giebt auch noch eine besondere Ansicht von der Auferstehung, welche er gänzlich von dem unmittelbaren Jenseit unterscheidet. — Wenn er letztere nur den Frommen zuspricht, so folgt er hierin lediglich seinen Vorgängern den Thalmudisten; auch der H. Schr. in Daniel (XU. 2.) Uebrigens ist er tolerant genug, unter Frommen nicht solche zu verstehen, die ganz sündenfrei sind; vielmehr erklärt er am Schluffe der Glaubensartikel, daß die aus menschlicher Schwäche begangenen Sünden bestraft werden, ohne deßhalb den Gläubigen die Seligkeit zu entziehen, und nur der Unglaube führe zum Verderben. — Ganz so faßt auch R. M. b. Nachman unsers großen M. Lehre auf, und erklärt sie ausführlich im um eben jenem Mißvcrständniß vorzubeugen, (A ist nicht mehr als billig, des M. Worte nach dem Inhalte der Tradition, die er selbst anerkannte, aufzufassen, und sehr unbillig, ihnen eine ketzerische Deutung zu geben, als ob er alle Vergeltung leugnete. Was aus More in. 27. (nach Luzzato) folgen soll, daß nämlich M. der Seele alle sittliche Thätigkeit abspricht, folglich auch die frühere Sittlichkeit im Erdenleden ihr nicht beigemessen werde, ist gewiß sehr kühn geschlossen. M. selbst aber beugt dem vor, in Chelek zu der Stelle: „drei Könige und vier Privaten rc." — Zudem würde selbst eine solche Irrlehre keinesweges aus Aristoteles hereingebracht sein, welcher ja die sittliche Zurechnung anerkennt. Wahr mag es sein, daß M. vieles und besonders in formeller Beziehung dem Aristoteles entlehnt, aber er nahm nur den Kern und die Schale warf er weg; das Gute nahm er an, das Schlechte ließ er liegen. Es ist also kein Grund vorhanden, dem trefflichen Bearbeiter der ganzen Tradition in ihrer umfassendsten Vollständigkeit, und unter Zuziehung aller alten Quellen, wie solche von Später« nachgewiesen worden, einer Erschwerung der Gesetze, und gar einer Einmischung aristotelischem Lehren zu zeihen. Er hat vielmehr Licht in die Ungeheuern Massen gebracht, und es erleichtert, über schwierige Fälle zu entscheiden, was früher nur diejenigen vermochten, welche in Gelehrsamkeit gleich ausgezeichnet waren. Er selbst hat hierin nur die ältern Regeln und Grundsätze durchgeführt, aber nichts aus sich hinzugethan; und so wurde er wieder ein zuverlässiger Vorgänger des R. Jakob und des R. Joseph Karo. — Mit welchem Rechte bürdet man ihm etwas auf, was er nicht gemacht hat? Das Gesetz war so da, und er hat es nur geordnet. Fesseln werden durch dasselbe nur denen angelegt, die darin Fesseln erblicken, und überhaupt sich nicht in das Gesetz fügen wollen. Das ist aber nicht des M. Schuld, und da es sich hier nur darum handelt, ob er wirklich das Einheimische verfälscht habe, so genügt das Gesagte, um jede solche Anklage zurück zu weisen. Nachschrift des Herausgebers. Die vortreffliche und inhaltreiche hebräische Abhandlung, aus welcher wir hier (und zwar mit Genehmigung des Hrn. Verf.) nur einen gedrängten Auszug mittheilen konnten, verbreitet sich auch über den Streit, betreffend die traditionelle Geltung und respective Berechtigung zur Aufhebung alter synedrischer Gesetzentscheidungen. Diese gelehrte Diskussion eignet sich aber nur für hebräische Sammlungen. —