Mannheim
Compact Memory

Israelitische Annalen · 1839-12-13 · Heft 50 (13.12.1839) · p. Seite 399

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Annalen
Volume
1839
Issue
Heft 50 (13.12.1839)
Date
1839-12-13
Page
Seite 399 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3133765-3133766-3133817--0458-3134601
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

399 Examen nachgesucht, so wurde ihm in der Regel nach Verlauf eines halben Jahres und darüber der Bescheid ertheilt, daß er sich nach Mannheim oder Earlsruhe, dem Sitze der Eonferenz-Rabbinen, zu sistiren habe. Hier hat nun der Examinand bei jedem der beiden Conf. Rab. eine Prüfung zu bestehen, indem Einer, unabhängig von dem Andern, ihm eine Anzahl Aufgaben zur schriftlichen Ausarbeitung vorlegt. Theologen werden gewöhnlich folgende Gegenstände zur Prüfung aufgegeben: 1) Jeder Examinator fingirt K complicirte Casus aus dem ganzen Gebiete des Eeremonial- und Ritualwesens, worüber der Examinand einen schriftlich motivirten Bescheid abzufassen hat ni^UßO/ welche Arbeit gewöhnlich 10 —14 Tage in Anspruch nimmt. 2) Biblische Exegese. 3) Sogenannte dogmatische Fragen; was unter den letzteren verstanden werden soll, müssen wir nothwendig durch Beispiele erläutern. Ein Theologe wurde gefragt: „Ist es erlaubt, von einem Nichtjuden Zinsen zu nehmen? Ist es besser, Gutes im Stillen zu üben, um nicht damit zu prahlen, oder öffentlich, um Nacheiferung zu erwecken?" u. dgl. m. Dieser schriftlichen Prüfung folgt dann eine mündliche, darin bestehend, daß der Examinand über leichtere Fälle aus der Kasuistik entscheide. Nach Beendigung der ganzen Prüfung treten die beiden Examinatoren zusammen, um sich über das Resultat derselben zu beralhen und ein gemeinschaftliches Gutachten an den Oberrath abzugeben, vor und während der Prüfung aber findet kein kollegialisches Vernehmen Statt. Die Prüfung der Schullehrer geschieht auf gleiche Weise; sie bestebt in folgenden schriftlichen Aufgaben: 1) Uebersetzung eines Kapitels im Pentateuch. 2) Uebersetzung eines Psalms. 3) Uebersetzung eines Stückes Raselü ad Peutateuchum. 4) Biblische Exegese, und 5) Beantwortung sechs dogmatischer Fragen. Wir sind so glücklich, eine Probe von letzteren aus einem neulich stattgehabten Schullehrerexamen mittheilen zu können. Sie lauten: 1) Wie läßt sich das Betragen Jacobs gegen seinen Bruder Esau, daß er nämlich den väterlichen Segen listiger Weise bekommen, rechtfertigen, da doch die h. S. uns Jacob als einen frommen redlichen Mann schildert? 2) Worin besteht die Gottähnlichkeit des Menschen? 3) Welche moralische Dortheile gewährt uns die Lehre der Allwissenheit Gottes? 4) Da Moses, als der sanftmütbigste Mann in der h. S. gilt, und sich auch als einen von Liebe durchglühten Führer seiner Gemeinde bei vielen Gelegenheiten, selbst in Fällen, wo Israel sich schwer versündigte, gezeigt hat, so fragt sich, warum er bei jener Empörung des Koräh nicht um Schonung für die Sünder bei Gott gefleht, sondern so schwere Strafe über ihn und seinen Anhang verhängt hat? 5) Wodurch widerlegt sich am besten der Vorwurf, daß Moses die Leviten, als seine Stammgenossen, begünstigt, dass er sie der Last der Bearbeitung des Bodens, enthoben hat, wofür er ihnen den Zehnten aller Erzeugnisse zugesprochen? ja vielmehr wurden sie durch diese Einrichtung besser gestellt, indem ihnen vom Boden nur der zwölfte Theil zugekommen wäre, während sie bei Moses Einrichtung den zehnten Theil erhielten? 6) In den Propheten finden wir fast von keinem Ceremonialgesetze etwas erwähnt, als blos vom Sabbath. Warum wird dieses Gesetz so sehr hervorgehoben? (Forts, folgt.) Großherzogthum Posen. — Nach den heftigsten Debatten und vielfachen Fluctuationen der Ansichten und Meinungen hat endlich die Pietät den Sieg davon getragen. Posen hat den Sohn des verstorbenen, noch im Andenken gefeierten, auch zur Zeit der Cholera, wegen seiner ausgezeichneten Leistungen von Sr. Majestät mit einem Belobungsschreiben beehrten Rabbiners Akida Eger, als dessen Nachfolger im Amte aufgenvmmen. Herr Salom on Eger, in seinem Fache vorzüglich begabt, war bisher in K al i s ch als Xd-betli-din angestellt. Vier derRepräsentanten der Posener Gemeinde begaben sich nach Kalisch und überreichten ihm auf einem eigens dazu gefertigten rothen Sammetkissen, das auf Pergament mit Golbschrift geschriebene Rabbinatsdiplom. worauf sie ihn nach Posen begleiteten. Hier stürmte ihm alles Volk entgegen, um ihn feierlich einzuholen, und sein Einzug glich einem Triumphe. Alle feine frübern Gegner schloffen sich der Festlichkeit an, und aller Zwiespalt war und ist seit der Entscheidung ausgeglichen. Auch die christlichen Bewohner bezeigten dem neuen Rabbinen ihre Aufmerksamkeit und es zeigte sich überi Haupt bei dieser Gelegenheit wiederum der immer stärker! werdende Geist des Friedens und der gegenseitigen Achtung und Anerkennung. Vorzüglich lobenswerth ist die Einheit der bisher so sehr getheilten Gemeinde, welche durch ihre bedeutende Anzahl, so wie durch die sich erfreulich entwickelnden geistigen Elemente darauf Anspruch hat, den übrigen Gemeinden des Großherzogrhums als Muster zu dienen und eine achtbare Stellung einzunehmen. Preßburg, 4. Nov. — Zu den verschiedenen Nachrichten über unfern allgemein verehrten und betrauerten Rabbiner M. Sopher (Schreiber) gehört als ein charakteristischer Zug der hiesigen Gemeinde, welche in der Tbat den Verstorbenen fast vergöttert, daß die Vertreter derselben nach gepflogener Berathung am 2ten Ocloder, als man! bereits seinem Ableben jeden Augenblick entgegen sah, sich l zu ihm begaben und ihm eine schriftliche Urkunde, die Creirung seines Sohnes und zeitherigen Amts-Assistenten zum dereinstigen Nachfolger enthaltend, übergaben. — Kur; vor seinem Hinscheiden sprach er mit den Worten Moses v^ut. xxxiv.! den Segen über die Gemeinde aus, dankte für ave ihm bewiesene Liebe und Ausmerksamkelt und entschlief. So allgemeine Theilnahme hat selten ein Todesfall erregt. In allen Gemeinden Ungarns, Böhmens, Mährens, Slavoniens und Polens wie auch in Amsterdam (wir vernehmen aus j andern Quellen, auch in Altona und andern deutschen Orten) wurde ihm Todtenfeier veranstaltet. Der von Herrn M. E. Stern in der Wiener Zeitung mitgetheilte Nekrolog hat viel Aufsehen gemacht, und der Separal-Abdruck, welchen - B. Frankel davon zu Preßburg mit jüdisch-deutschen Lettern hat veranstalten lassen, war bald in vielen tausend Exemplaren vergriffen. Jetzt ist nun freilich wünschenswerth, daß der durch seine thalmudische Gelehrsamkeit ausgezeichnete Sohn, welcher bereits sein Amt angelreten hat, nach dem Vorbilde seines Vaters mit Energie wirke, jedoch auch dabei den bedeutenden Unterschied der Zeitverhältniffe nicht außer Augen lasse, damit eben sein Wirken wahren Segen verbreite. Großherzogthum Hessen. — Zur Ergänzung des Artikels über das israelitische Schulwesen in Nr. 11 der Annalen glauben wir im Interesse der Wahrheit und zur Verallgemeinerung solcher der rühmlichen Erwähnung sehr werthen, aber immer noch zu isolirt dastehenden Beispiele, nachträglich bemerken zu müssen, daß seit jener Darstellung drei zeitgemäß eingerichtete Elementarschulen entstanden sind. Die erste zu Grebenau in Oberheyen mit 220, die andere zu Guntersdlum mit 225, und die dritte zu Oppenheim (beide in Rheinhessen) mit 250 fl. Gehalt. Mehrere andere

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.