Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 49 (6.12.1839)
- Date
- 1839-12-06
- Page
- Seite 394 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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394 Niederrhein, 22. November. — Das religiöse Leben einer Gemeinde, die weder vornoch rückwärts schreitet, ist schwer zu würdigen, und es gehört Dreistheit dazu, ein bestimmtes Urtheil auszusprechen, was fast nicht geschehen kann, ohne gewisse Persönlichkeiten zu verletzen. Sie gehen mit Recht von dem Gedanken aus, daß es unbillig sei, Personen öffentlich anzutasten oder ruhmredig bervorzuheben, welche den Pulsschlag der Zeit gar nicht merken oder beachten; man erbittert nur, und statt das Lickt heraufzubeschwören, macht man es nur trüber und dunkler. Selbst die Bekanntmachung der Zustände, welche der Oeffentlichkeit keine interessante Seite barbieten, wird eben dadurch mißlich, weil darin immer ein Angriff auf die Vertreter der Sache unvermeidlich ist. Wenn wir dennoch nicht umhin können, bestehende Verhältnisse zu berühren, so machen wir uns die sorgsamste Behutsamkeit zur Pflicht, um eben nicht Persönlichkeiten zu verunglimpfen, welche in andern Beziehungen in Achtung stehen, und ihnen wohl gar Beweggründe unterzuschieben, die ihnen fremd sind. — Wünschenswert!, ist bei uns allerdings eine baldige Besserung der religiösen Zustände. Bis jetzt wird das Ererbte nach Gewohnheit weiter vererbt; ohne Leben, ohne Geist. Die Synagogen sind verödet, und sind nichts weniger als Häuser der Demuth und des Gebetes. Doch verdient die unter Leitung des Hrn. Arnold Seligmann in Coblenz eingeführte Synagogen-Ordnung rühmliche Anerkennung. Religionsschulen sind, außer zu Simmern, hier zu Lande gar nicht. In Creuznach sogar, wo die Gemeinde zahlreich und wohlhabend ist, wird der Religionsunterricht nur privatim ertheilt. Man fühlt den Mißstand, aber es fehlt die Energie zur Abhülfe. Was wird aus der Heranwachsenden Jugend? — Von den Consistorien ist wenig zu hoffen. Der Eonsistorial-Rabbiner zu Bonn ist alt; sein Sohn, gegen dessen Einsetzung so Viele Einspruch gethan, ist in seinem Amte nicht bestätigt. Eine neue W a h l ist angeordnet, und es fragt sich, ob ein Mann von Talent und Kraft gewählt werden wird. Coblenz hat eine Heerde ohne Hirten; der Rabbiner in Creuznach hat keine Macht. In der That, diese Umstände verdienen bei den Veränderungen, welche die Besetzung der Stelle eines Consistorial-Rabdinen Hervorrufen könnte, sehr ernstlich erwogen zu werden. — In Creuznach hat sich vor kurzem ein religiös-literarischer Verein gebildet, welcher auf jeden Fall die Landschullehrer und manche wißbegierige Privaten mit den Fortschritten der Zeit bekannt macht. Hamburg, 15. Nov. 1839. — Nicht der Reichthum, die edle Verwendung desselben ist es, die den Reichen reich macht und ihn höher stellt in der Gesellschaft. Wenn aber überhaupt der Mensch nur das sein nennen kann, was er gibt, so ist der große Geber reicher als mancher Besitzer. Es soll hier solcher Handlungen Erwähnung geschehen, die derjenige, welcher sie ausgeführt, ungern veröffentlicht sieht; sie sind aber zu heilbringend, als daß sie das dankbare Gefiihl verschwiegen halten könnte. Hamburgs israelitische Gemeinde zählt viele Edle, wahrhaft Reiche in ihrer Mitte, die so oft und so gern ihre Opfergaben auf den Altar der reinen Bruderliebe legen; unter diesen nennen wir mit Stolz den Banquier Herrn Salomon Heine. Mit offenem Herzen und offener Hand genügt er, ohne Wortgepränge, allen Anforderungen und ohne Anfrage, weß Glaubens der Hülfesuchende sei. Das ,st der hohe Seelenadel, der alle Werke der Menschenliebe stempelt und ihnen doppelten Werth verleiht. Vor zwei Jahren begründete Herr H. ein Institut unter dem Namen „Herrwann Heinc'sche Stiftung" zum Andenken an seinen in den Blüthenjahrcn hingewelkten Sohn: Der Zweck desselben ist, fleißige, redliche Kaufleute, vorzüglich Handwerker aus der Mittelklasse, mit Vorschüssen von 1 dis 2000 und späterhin wohl bis zu 8000 Mrk. zu unterstützen. Für's erste Jahr wird weder Rückzahlung noch Zinsen gefordert, aber in den nächstlaufenden vier Jahren wird der Vorschuß in halbjährigen Terminen mit l%ü/0 pr. Anno, die zum Fond fließen, zurückgezahlt. Die Statuten sagen: „Sobald allgemeine Gewerbsthätigkeit in Hamburg eingeführt sein wird, haben auch Nichtjuden Anspruch an dieses Institut zu machen." — Die segenreichen Folgen dieser Anstalt sind unberechenbar; die Seele aller Geschäftsunternehmungen ist Gelb, wo dieses irgend einem Unternehmer fehlt, da tritt Mißmulh, Ueberbruß, Faulheit und Bettelstab ein. Durch dies Institut ist nun Jedem, der Vorschuß erhält, wenn kein Zufall von Außen emtritt, sein Brvd gesichert, seine Schwungkraft belebt, ja, auch Reichthum kann ihm durch sein ungehemmtes Streben erblühen. Das dazu geschenkte Capital beläuft sich auf mehr als auf 125,000 Mrk. Hamb. Courant. — Wer -von Gott mit Vermögen und Sinn für solches Wohlthun beglückt worben uno noch nebenbei alle Staats¬ und Gemeindelasten tragen muß und willig trägt, der darf doch wohl am Abend seiner Tage mit .Selbstzufriedenheit sein Werk überschauen und der seligen Ruhe entgegen sehen. Allein noch immer hat der Edle sich selber nicht genug gethan. Ein neues Beispiel von Hochherzigkeit haben wir zu berichten : In Hamburgs israelitischer Gemeinde, wo von allen Mitgliedern so viel für Humanist geschieht, fehlt es dennoch durch Localumstände an Manchem, was unbedingt zur Zierde emer so großen Gemeinde gehört. So haben wir zwar sehr viele Synagogen, aber nur eine und zwar sehr unzureichende Hauptsynagoge. Auch unser vor fünfzehn Jahren begründetes Krankenhaus ist in jeder Hinsicht mangelhaft und besitzt nicht ein Mal eine für den größten Theil seiner Inwohner so wünschenswerthe Synagoge, die manchem frommen Gemüthe so hülfteich zur Genesung sein kann als Arznei und Pflege. Zugleich ist der Platz so beschränkt, daß manche Kranken im christlichen Krankenhause untergebracht werben mußten, wo sie allerdings eine lobenswerkhe brüderliche Theilnahme finden. Damals, als dies Haus gebaut werden sollte, wurde von dem löblichen Vorstand eine Commission, unter der sich auch Herr Heine befand, zur Collectirung ernannt, die so reichlich ausfiel, baß nach Bestreitung aller Kosten sich noch ein Ueberschuß vorfanb, der jetzt bei aufgehäuften Zinsen sich auf 14,000 Mrk. beläuft. Der löbl. Vorstand ließ nun die Mitglieder dieser Commission einladen, um sowohl über diesen Gegenstand, als über den Plan zu einem neuen Bau zu berathen. Die Kosten wurden, ohne die innere Einrichtung, auf 100,000 Mrk. angeschlagen, welche Summe, wie der Sprecher äußerte, wohl durch die Beiträge der Mitglieder herbei zu schaffen sei, da sich wohl keiner der einer so wichtigen Angelegenheit ausschließen würde. Nach einigem Hin- und Herreden über die Schwierigkeiten, die bei einer solchen Sammlung doch nicht ausdleiben konnten, nahm Herr H. den Plan in die Hand, besann sich einige Augenblicke und sprach dann: „Meine Herren, morgen werbe ich Ihnen die ganze Summe in Banco abschrelben." Frohes Erstaunen ergriff die ganze Versammlung; Worte hat das Gefühl nicht für solche großartige Handlungen, aber der Händedruck der entzückten Anwesenden war dem Biedermann die erfreulichste Anerkennung. Auch die 14,000 Mrk. überließ er zur inneren Einrichtung des neuen Hauses. Und was verlangt er für die Schenkung? — Daß ihm eine mit seinem Namen bezeichnete Stelle in der im Hause einzurichtenben Synagoge belassen, und bas Haus „Betty Heme'sche Stiftung" zum Andenken an seine für ihn und alle Hülflosen zu früh bahingeschiedene Frau, genannt werbe. So sichert er dem Andenken dieser und seines ebeln Sohnes die Unsterblichkeit, während er sich selbst verewigt. Möge er noch recht lange hier den Anblick seiner schönen Saaten genießen, noch recht lange unter seiner ihn stets segnenden Gemeinde froh und glücklich leben! — M —n. — Die in Nr. 46 gegebene Nachricht ist dahin zu beschränken, baß Herr vr. Kley seine Predig er stelle nieberlegt.- — Ein näheres darüber späterhin.