Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 48 (29.11.1839)
- Date
- 1839-11-29
- Page
- Seite 382 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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382 bürgerlichen Gleichstellung würdiger Unterthanen väterlich beabsichtigt. Mit Eifer und Dankadrkeit und mit der innigsten Anerkennung der wohlthäligen Erfolge solcher Licenz, baden die Bekenner mosaischen Glaubens den Absichten und Erwartungen Kober Regierung entsprochen. Ml Bereitwilligkeit baden sie dem Gewerbfleiße sich zugewendet, der Handwerke sich beflissen und mit löblicher Arbeitslust der Erlernung der ihnen freistehenden Professionen sich ergeben. Blühende, das Heil des Kommerzes begründende, tausend Hände beschäftigende und bereits zum bedeutendsten Höhepunkte der Waarenkonsumtion und der damit verbundenen Geldconcurrenz herangereifte Fabriken sind enftanden, deren manniässache Produktionen oft schon bei öffentlichen Industrieausstellungen des aufmunternden Derdienstpreises würdig befunden worden (so Pschidram und Gebrüder Löwy zu Prag) und somit die regsame Gewerbsbeflissenbeit und die betriebsame, keine Arbeit scheuende Willenskraft unbestreitbar dartbun. Noch aber sind allenthalben der ärmern, unbemittelten Volksklasse — auf welche dock der milde Gnadendlick der varerlichen Regierung hauptsächlich gerichtet war — die Doribeile dieser Erwerbsquellen beinahe gänzlich unerreichbar, die Wege dieses Nahrungszweiges unzugänglich und folglich der edle Zweck eines hohern Willens gewissermaßen zur Hälfte nicht erzielt. Hülflos, des elterlichen Beistandes entblößt und aller anderweitigen, zur Erhaltung wäbrcnd ihrer Lehrjahre erforderlichen Unterstützung entbehrend, muß die unbemitteltere Volksjugend beinahe sammtltch auf die Erlernung eines Handwerks verzichten, von der Theilnahme industrieller Thätiqkeit ausgeschlossen bleiben und — ein Opfer beschränkter Verhältnisse —einem zwecklosen Dasein, einer traurigen Zukunft entgegensehend. in gänzlicher Verwahrlosung sich selbst überlassen heranwachsen. Der erste, der zu Wien in dieser Beziehung der ärmeren Jugend einen Heilesborn eröffnete und seinem Namen ein wahrhaftes Monument stiftete, war der selige Ernst Werlbeimer, der ein bedeutendes Kapital für ewige Zeiten anlegte, von dessen Renten zwölf arme, sich dem Handwerk widmende Knaben jeder monatlich 5 fl. Convent. Münze Stipendien während der ganzen Lehrzeit, und bei Freiwerbung 200 fl. C. M. zur Equiplrnng und Meistcreinrichtung erhält. Schwerere Handwerke werden, dem Willen des sei. Testators gemäß, bei diesem Stipcndiengenusse bevorzugt. Bereits verdanken viele Lehrlinge dieser Stiftung Fortkommen und Brod — bei deren Freiwerdung immer andere einrückten — und segnen die Asche ihres Wohllbalers. — Der Vorsteher dieses Fonds ist gegenwärtig Herr Salomon Werlheimer. Bereits sind über Preßburg und Nikolsburg und mehrere Orte im Oesterreichischen Kaiserstaate — gewiß im Sinne unser huldreichen Regierung — mit schönem musterhaften Beispiele vorangegangen und haben zur Beseitigung dieses Uebelstandes wohlthätige Stiftungen mit dem glücklichsten Erfolge constituirt. lieber Nikolsburg haben wir bereits referirt.*) Rühmlichster Erwähnung verdient die zu Preßburg von dem sel. A. H. Lemberger 1820 gestiftete, von der Gemeinde selbst durch eine Fleischauflage fondirte und begründete Professionistenanstalt, der seit ihrem Entstehen schon mehrere hundert aus der ärmsten Volksklasse Nahrung und Erhaltung verdanken und als Meister arbeiten. Unlängst haben dw Schneider vorläufig das Zunftrecht, mit der Begünstigung erhalten: andere Professionisten mosaischen Glaubens zunftmäßig aufnehmen zu dürfen. Es sind da Zeugschmiede, Sckreiner, Älämpner, Silber- und Goldarbeiter, Schuster, Kunstgraveur, Schneider u. s. w. jüdischen Glaubens. Doch dürfen diese sämmtlich vorläufig nur auf herrschaftlich Palfyscbem Grunde ihr Handwerk ausüben und ihre Niederlagen haben. Milderung über diesen Punkt wird von einer baldigen Zukunft erwartet. Besonders verdienstlich und anerkennungswürdig hat in der Neuzeit in dieser Hinsicht, wie um die Wiederherstellung der gänzlich eingegangenen Mädchenschule Herr M. H. Singer, erster Vorsteher daselbst, sich *) So eben geht eine Berichtigung ein; siehe Nr. 49. erwiesen. Ihm würdig zur Seite standen die übrigen Vorsteher der Gemeinde. Auch hier zu Wien ist jüngst dieser behcrzigenswerthe Punkt in Anregung gebracht worden und zwar durch einen Mann, welcher als Schriftsteller und vaterländischer Dichter, wie in seinem verdienstlichen Wirken als einer der Vertreter hiesiger Gemeinde rübmlicbst anerkannt, Herrn Joseph Wertheimer. Er erließ jüngst ein Circular, in welchem er den hiesigen israelitischen Einwohnern diesen Gegenstand mit- Eifer und Wärme an's Her; legt und sie zur Stiftung einer israelitischen Professions-Anstalt auffordert. Durch die Subscription einer freiwilligen beliebigen Summe und Contribution zur Forthclfung armer und verwaiseler Unglücklichen eine fromme Innung, ein wohlthätiges Institut zu begründen. *) Bereits haben mehrere der hiesigen Vornehmen die Subscriplionsliste mit namhaften Beiträgen unterzeichnet und es steht bei dem anerkannten Wohllhätigkeitssinne unserer Klaubensbrüder auch hier mit Zuverlässigkeit zu erwarten, baß der im Interesse der Menschheit von dem edeln Stifter ergangene Aufruf in der Brust eines jeden Menschenfreundes Anklang finden und sich bald realisiren werde. Prag. — Die Unterhandlungen über Rapaport's Anstellung haben einen erfreulichen Fortgang. Es ist bereits von Seilen der betreffenden K. K. Hofstelle darüber günstig berichtet und der gute Erfolg deninach baldigst zu erwarten. Hechingen. — Am 23. Aua. d. I. wurde ein israelitischer Gewerbe-Verein dahier instituirt, der bisher eine sehr rege Thetlnabme gefunden hat. Unterm 17. Sept. wurde den von dem Rabbiner Dr. S. Mayer entworfenen Statuten die Regierungs-Genehmigung mit lobender Anerkennung erlheilt, und der Verein unter Aufsicht der zuständigen Staatsbehörde gestellt. Die Statuten erschienen im Drucke. Sie zerfallen in 5 Abschnitte und 89 Paragraphen. Wir erlauben uns. Ihnen dieselben auszüg'ich mitzutheilen. — Am Tage vor dem Schlußfeste des Jahres 1777 wurde nämlich von mehreren hiesigen Israeliten ein Verein unter dem Namen: „Bruderschaft der Brautaussteuer" gegründet, deren Zweck gewesen ist: .1) an den Sabdath- und Feiertagen bei den Versammlungen der Mitglieder in einem besondern Locale Religionsvorträge halten zu lassen, und 2) zu gewissen Zeiten armen israelitischen Jungfrauen Beiträge zu ihrer Brautaussteuer zu geben. Da aber dem Zwecke der Bruderschaft in Betreff der Religionsvorträge durch die in Folge höchster Entschließung vom 21. März d. I. eingeführte (würtembergftch israelitische) Gottesdienst-Ordnung jeden Sabbalh- und Feiertag in der Synagoge Genüge geleistet wird, und da, in Erwägung der gegenwärtigen Zeitumstänbe, vor allen Dingen auf eine gewerbthätige und staatsbürgerliche Ausbildung der Knaben und Jünglinge hinzuwirken ist, so sind die Mitglieder der Brüderschaft übereingekommen, dieselbe aufzulösen und in einen israelit. Grwerbe-Verein umzudilben. Der Zweck dieses Vereines ist vorläufig: armen israelitischen Knaben und Jünglingen zur Erlernung eines ordentlichen Gewerbes bebülflich zu sein. Sollte sich aber der Verein im Laufe der Zeit einer günstigen und ausgebreiteten Theilnahme zu erfreuen haben, so wirb er es sich auch zur Pflicht machen, arme israelitische Handwerker und Gewerblreidende zur Gründung und zum Betriebe ihrer Ge- *) Um überhaupt den hier obwaltenden Woblthätigkeitssinn und edeln Wettstreit um die Förderung des Guten darzulhun und dem Verdienste die gebührende Anerkennung zu zollen, muß Referent der Wahrheit gemäß beifügen, daß ein sehr wackerer Mann, Besitzer einer K. K. landesbefugten Oehlfabrlk zu Wien, Herr Salomon B. Reitling er, diese Idee, unter den Fabriksinhabern zu Wien eine solche gottgefällige Brüderschaft zu begründen, längst projektirt hatte und eben seinen fertigen Aufruf circuliren lassen wollte, als der) des Hern Wertheimer erschien. Um so löblicher ist es, daß er sogleich, der größern Autorität weichend, mit dem Geschehen des Guten sich begnügend, bescheiden den Seinigen zurückhielt.