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Israelitische Annalen · 1839-11-29 · Heft 48 (29.11.1839) · p. Seite 379

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1839
Issue
Heft 48 (29.11.1839)
Date
1839-11-29
Page
Seite 379 (sequence 3)
Language
German
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379 Angelegenheiten der Synagoge. Der Gottesdienst. *) (Fortsetzung.) Nicht bloß Gebete, sondern gottesdienstliche Gebräuche sind in's Unendliche vermehrt worden, und es vergeht kein Tag, daß nicht einige hinzukommen. Schon der Eigennutz der Herausgeber neuer Gebetbücher und Commentare wirkt dabei mit; denn um Absatz zu finden, muß jeder etwas ersinnen, was seine Vorgänger nicht haben. Und mit der Zunahme der Ausgaben erstehen immer noch viele alte aus alten und zerrissenen Büchern herausgeklaubte Vorschriften aus der Vergessenheit. Am meisten hat dazu der zu einem heiligen Buche erhobene So har und der heillose Chasidismus beigetragen, welcher aus den Kabbalisten **) alles entlehnt. — Der Geist der Zusätze spricht jedesmal die Richtung der Zeit aus, in welcher sie entstanden sind; je nachdem man mehr auf Hymnen oder Gesetzkunde oder Kabbala Gewicht legte, richtete sich der Gottesdienst, und in diesem spiegeln sich die verflossenen Jahrhunderte ab. So wie nun der Gottesdienst der Typus der vergangenen Zeiten ist, so sollten diejenigen, welche die Befugmß dazu haben, auch auf den Geist unsrer Zeit aufmerksam achten, welcher fordert, daß der Gottesdienst gereinigt und gesäubert werde von all den Schlacken, welche sich im Laufe der Jahrhunderte angesetzt haben. Eine Menge Gebete und Klagelieder, welche nur auf die Zeitgeschichte und die erlittenen schweren Verfolgungen Bezug hatten, sind jetzt völlig bedeutungslos geworden. Was nützt ein Gebet gegen Feinde, die nicht mehr vorhanden find? Die Absingung des Hohenliedes, mit eingelegten Thalmudftellen, ist ganz ohne Zusammenhang. Ein Sabbathlied von Isaak Luria, rbv2 rh p2n* u. f. w. dreht sich um die Sinnlichkeit, (obwohl nur allegorisch) auf eine Weise, die das Gefühl verletzt. Das ^naon am Schluß des Sabbaths, ist ganz ohne Grund eingeführt, da der Verfasser es nur zum Schluß des *) S. Nr. 46. **) Besonders aus i-)xn virßö) und sogar aus D’lO')n msn dessen Verfasser der Prophet des Sadb. Zewi, Nathan ist. Versöhnungstages bestimmte ^); und so viele andere. — Auch selbst die alten Vorschriften, manche Stücke nicht durch Einschiebungen zu unterbrechen, sind übertreten worden, und überall finden sich ungehörig eingeschaltete Lieder und Hymnen. Unsre Brüder in Deutschland sind uns mit gutem Beispiele vorangegangen; sie sind zum Theil aus dem Schlafe erwacht, und haben angefangen, die Spreu aus dem Weizen fortzuschaffen, und den Gottesdienst auf zweckmäßigere Weise zu ordnen. Bei uns leider hat keine Synagoge mir der andern gleiche Gebräuche, — von den Chasidischen rede ich nicht, sondern von dem einfachen herkömmlichen Ritus, welcher indeß leider manche Thorheit von jenen angenommen har, ohne daß sich jemand darum bekümmert! außer den zum Theil ganz lächerlichen und auch noch in Deutschland bestehenden Uebungen, und die bei uns alle zusammen noch gelten, haben wir sehr viele uns eigenthümliche, welche den Gottesdienst herabwürdigen, und ihn mit Recht zum Sprüchwort, um Lärm und Unordnung auszudrücken, gemacht haben. In der That muß es auf jeden Fremden einen seltsamen Eindruck machen, dies Durcheinanderschreien, Hin- und Hergehen und Drehen und das verworrene Singen u. s. w. wahrzunehmen, während der Gottesdienst die tiefste Andacht und Ruhe fordert. Wie rechtfertigt man damit den Satz unsrer Weisen, welche sagten: Wahrer Gottesdienst des Herzens ist das Gebet! d. h. doch so viel als, die ernste Andacht! — Und wie können die neuern Denker dazu schweigen? — Die Erfahrung lehrt, daß die wahre Civilisation, welche zunächst auf eine gemäßigte Reform bestehender Mißbräuche bedacht ist, nicht auf Zerstörung ausgeht, sondern auf Besserung und Befestigung des Guten ihr Auge richtet, zunächst an der Reinheit des Gottesdienstes erkannt wird, aus welchem alles Häßliche und Schädliche verbannt werden muß. Jede solche zum Vortheil der Religion eingeführte Veränderung hat auch Bestand. Demnach sollten unsere Landsleute zunächst die Fehler des Gottesdienstes in's Auge fassen, ihn gut, einfach und zweckmäßig einrichten, und alle thörichten *) Mordechai zu Ioma in fine. Zch muß bemerken, daß die oben angezogenen Stücke bei'm Volke (in Polen) mit den gottesdienstlichen Gebeten gleiche Heiligkeit haben. D. V. 48«

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