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Israelitische Annalen · 1839-11-15 · Heft 46 (15.11.1839) · p. Seite 364

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1839
Issue
Heft 46 (15.11.1839)
Date
1839-11-15
Page
Seite 364 (sequence 4)
Language
German
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364 Briefwechsel über religiöse Zustände. 8. I. S. N. an S. D. L. (Fortsetzung.) Ueber diese Sätze und die darauf gegründete Theorie habe ich lange nachgedacht, sie nach allen Seiten gewendet, analysirt, mit andern verglichen, genau geprüft, und sie stets vernunftgemäß gefunden, und daher angenommen. Andere mögen darüber anders urtheilen; was thut's? ich werde mit ihnen nicht rechten; ich bin nicht so eitel, alle Andern auf meine Seite ziehen zu wollen, noch so anmaßend, den von ihnen betretenen Weg zu tadeln. Mir genügt es, daß mein System mir Beruhigung verschafft, mich vor dem Skepticismus schützt, und mich durch's Leben begleitet. Wohl sehe ich ein, daß meine Denkweise mehr als einem seltsam erscheinen könne, und Sie selbst mißbilligen vielleicht die gar zu große Nachgiebigkeit, mit welcher ich fremde Meinungen unterschreibe, statt mich um Erschaffung eines neuen Systems zu bemühen, wäre es auch nur, um den Ruhm der Originalität zu erwerben. Auf diesen Ruhm, l. Fr., mache ich keinen Anspruch, und der Kitzel der Neuheit (Neomanie) war nie meine Lieblingsleidenschaft. Wo ich in eines Andern Lehrsatz eine Wahrheit zu finden glaubte, zögerte ich nie, mich zu ihr zu bekennen. (Aehnl. Mendelss. Phädon, im Anhang.) Zu diesem Eklckticism, der die Mitte hält zwischen dem äußersten Skepticism und dem starrenDogmatism, bin ich durch folgende Betrachtung gelangt. Die Erfahrung lehrt, daß nicht alle Menschen mit gleicher Eile und Geschwindigkeit zu den Wahrheiten gelangen; manche Gedanken bieten sich einem mittelmäßigen Kopfe schnell dar, während ein guter Denker sie nicht findet. Es giebt viele Ursachen dieser Erscheinung, aber nicht schwer nachzuweiscn. Eine gewisse Anlage, eine besondere Erfindungsgabe, zufälliges Zusammentreffen unvorhergesehener Umstände, die Gewohnheit, über gewisse Punkte öfter und länger zu denken als andere, ^und endlich ein Schwung der Phantasie, den man eine glückliche Inspiration nennen kann, bewirken oft, daß jemand gleichsam unverhofft eine Wahrheit entdeckt, worüber sich vor ihm die tüchtigsten Männer vergeblich den Kopf zerbrochen haben. Ist dem also, sagte ich zu mir, so ist cs weise, von allen Vorgängern Nutzen zu ziehen, und aus den Ergebnissen ihres Denkens dasienige zu wählen, was am Vernünftigsten und Richtigsten erscheint. — Doch wohin verliere ich mich V Da bin ich abermals aus dem Wege, gegen meinen Vorsatz, Seitenwege zu meiden. Ich kehre wieder zum Gegenstände unsers Slreites zurück. Es ist Zeit, den Faden, so weit er bisher gesponnen, wieder aufzunchmen, und fassen wir die wenigen Punkte, die wir bisher behandelt haben, zusammen, so können wir mit einem Blick übersehen, worin wir einig find, und die kleinen Differenzen heben, die noch darin geblieben sein mögen. Das Iudenthum enthält vorzugsweise die Lehren Abrahams , jedoch etwas erweitert und in feste Satzungen gebracht. Darin sind wir einig. Sie sagen aber, baß ich die Offenbarung als Theorie ansehe, während dieselbe nach Ihrer Anficht eine praktische Dlsciplin ist. Hier ist ein Mrßverständniß. Desto leichter kommen wir überein. Ich habe nicht behauptet, Gegenstand der Offenbarung seien nur die speculativen Wahrheiten, sondern alle zum Glück des Menschen unerläßlichen Wahrheiten. Es ist klar, daß diese alle praktischen Wahrheiten in sich schließen, nämlich alle sittlichen Pflichten. Andrerseits haben Sie der Lehre Abrahams nur die beiden Prinzipien Pietät und Gottesfurcht vindicirend, nickt die Absicht, die theoretischen Wahrheiten, betreffend das Dasein Gottes, die Unsterblichkeit der Seele, die Vergeltung re. auszuschließen. In ihrem Briefe vom 9. Mai erkennen Sie sogar zwei Tbeile dieser Lehre, Dogmatik und Moral, an. Demnach geben wir beide gleichmäßig zu, daß im Iudenthume (welches von Abrahams Lehre, mittelst der mosaischen Offenbarung sich gebildet hat) so wohl bas begriffen ist, was der Israelit in der Theorie als wahr anzuerkcnnen, als was er praktisch zu seiner Glückseligkeit zu üben hat. Wir sind also einig, daß das Iudenthum theils theoretische, theils praktische Wissenschaft ist. Nun geben Sie mir zu, daß der theoretische Thetl keine Lehrsätze enthalten könne, welcke über die Vernunft hinausreichen ober ihr entgegen find, vielmehr sich nur um solche Lehrsätze bewege, die jeder mittelst seiner Vernunft finden könnte, wenn nicht Sinnlichkeit, physische Bedürfnisse, Zerstreuungen, Geistesschwäche und tausend andere Hindernisse im Wege wären, welche es ihm schwer machen, dazu zu gelangen. Die Offenbarung kam daher der Schwachheit zu Hülfe, lehrte in kurzen Sätzen die wichtigsten Wahrheiten', und überwies den Männern von Geist die Pflicht, dieselben zu beweisen—der praktische Theil enthält außer den von Ihnen als abrahamitisch bezeichneten Sittenlehren noch sehr viele ins Kleine gehende sogenannte Ceremonialgesetze; darüber, daß diese, in so weil die Zeitverhältnisse deren Hebung zulassen, verbindend seien, sind wir beide vollkommen einig. Daß sie auch Selbstzweck, so gut wie Mittel seien, leugnen Sie schlechthin; ich habe es auch nicht als ausgemacht behauptet, sondern sagte nur, daß manche Schriftstellen eine solche Ansicht zu begünstigen scheinen. Sie finden in diesen Stellen nur die Absicht, den Einzelnen die Zwecke der Gesetze zu verhüllen, um das Nationalgefühl lebhaft zu erhalten, welches Sie für nothwendig erklären, um Abrahams Lehre mitten unter Götzendienern zu bewahren. Dieser Meinung kann ich aus zwei Gründen nicht beipflichten, I) widerstrebt meinem Gefühle der Gedanke, daß ein von Gott inspirirter Gesetzgeber ein solch Auskunftsmittel suchen sollte, zumal da zur Erreichung seines Zweckes, nämlich der Erhaltung der Lehre, die vielen im Leviticus und im Deuteronomium enthaltenen Drohungen gegen die Uebertreter der Gesetze ausreichten, ohne Ergreifung des seltsamen Mittels, im Volke einen Stolz zu nähren, der, man adele ihn noch so sehr, immer ein häßlicher Fehler bleibt. Aus Abrahams Lehre aihmet Demu th, Sanftheit, Zartheit, und zu deren Erhaltung sollte Stolz nöthig sein? 2) Wenn man den Israeliten (wie Sie sagen) die Meinung beibringen wollte, daß die Ceremonial-Gesetze Selbstzweck seien, um sie zur Beobachtung derselben anzuhalten, wenn dieß geschehen mußte, um sie stolz zu machen, und wenn dieser nöthig war, um sie zu isoliren; wenn endlich diese Jsolirung unerläßlich war, um Abrahams Lehre zu bewahren; so folgt daraus, daß man uns auch jetzt noch diesen Glauben lasse, weil ja immer noch die Pflicht obwaltet, in unsrer Mitte die Lehre Abrahams zu bewahren. Wer einen Zweck erreichen will, muß die Mittel, die er für zweckmäßig^ hielt, noch wollen. Ich kann also nicht begreifen, wie Sie mit eigner Hand ihr Werk zerstören wollen, indem Sie öffentlich erklären, daß die Eeremonien nickt das find, wofür unser Gesetzgeber für recht fand, sie uns hinzustellen, während Sie doch zugeben daß dieselben Molive, welche Mose bestimmten, damals sich so auszudrücken, so wie die Verbindlichkeit der Ceremoniatgesctze noch jetzt gelten. Wer Ihre Gewissenhaftigkeit nicht kennt, würde'glauben, daß Sie es mit dieser Sache leicht nehmen, und daß Sie unter das Gebäude der Eeremonien eine selbsterfundene Stütze unterstellen, damit, wenn diese im Stillen weggenommen wird, das ganze Gebäude einstürzen könne! Ich aber bin zu sehr von Ihrer Loyalität überzeugt, und glaube, daß Sie ein solches Auskunftsmittel aus andern Gründen erdacht haben, und zwar aus dem löblichen Streben und ln der besten Absicht, die Zweifler einigermaßen zu beruhigen, und ihnen eine Art Leitfaden zu reichen, um aus dem Labyrinthe herauszukommcn. (Fortsetzung folgt.)

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