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Israelitische Annalen · 1839-11-15 · Heft 46 (15.11.1839) · p. Seite 363

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1839
Issue
Heft 46 (15.11.1839)
Date
1839-11-15
Page
Seite 363 (sequence 3)
Language
German
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363 scheuen und nur in Erwartung des göttlichen Lohnes ihre Tugenden üben, die fast nur durch das tägliche Gebet erinnert werden, daß ein Schöpfer und ein gerechter Richter waltet, der dem Frommen und dem Frevler nach seinem Thun vergilt, der reine und weihevolle Gottesdienst das einzige Band, das sie an den Schöpfer des Himmels und der Erde knüpft, der einzige Zügel, der die Begierden zähmt. Entbehrt der Unwissende dieses Hciligungsmittels, so geht er seiner Sinnlichkeit nach und zerstört ohne Scheu auch alle edleren Bande der menschlichen Gesellschaft, und Friede und Ordnung werden vernichtet. Die Geschichte jedes Volkes beweiset zur Genüge, daß die Gleichgültigkeit gegen Religion und die Verachtung des Gottesdienstes der Anfang war zu Zügellosigkeit, und daß der Unglaube und der Leichtsinn, mit welchem ein Unwissender alle religiösen Heiligungsmittcl abwirft, auch alle Scheu in Betreff der Sittlichkeit verliert. Dies gilt nun vom Gottesdienst aller Nationen und Religionen im Allgemeinen, und jede Nation und jede Religion hat deshalb bestimmte Zeiten und Gebräuche für Gebet und gottesdienstliche Zwecke ungeordnet. Um so größer und wichtiger aber ist der Gegenstand für die Israeliten, deren ganze Eigenrhümlichkeit nur in ihrem Gottesdienst besteht, und die nur durch diesen Kraft und Stärke gewonnen haben, in dem mannichfachcn Wechsel der Zeiten auszudauern. Mit desto aufrichtigerem Danke müssen wir es erkennen, daß die Männer der großen Synagoge, (zur Zeit Esra's), Gebet- und Gottesdienftordnung gewissermaßen gründeten und festftellten, und dies nicht der Willkühr und den individuellen Ansichten überließen. Betrachten wir genau ihre Absicht, so war diese offenbar, eine Einheit unter allen, nach Nord und Süd und Ost und West zerstreuten Israeliten hervorzubringen, und mir diesem gemeinsamen Bande sie alle an den gemeinsamen Vater im Himmel zu knüpfen, auch gleichzeitig überall im Gebete darzuftellen, daß ei ne Lehre sie alle durchdringe, daß sie alle einerlei Bekenntniß haben, und alle dem Ewigen sich unterwerfen. Wer nur gesunden Menschenverstand und ein klares Urtheil hat, muß zugeben, daß das Verfahren der Männer von der großen Synagoge dem Zwecke vollkommen entsprach, und das geistige Wohlsein und die Wohlfahrt Israels sehr befördert habe. Bedenkt man, wie die Fehler sich auseinander erzeugen und fortpflanzen, und nachmals sich in einander verketten und durchschlingen, was unsere Weisen zu der schönen Stelle des Propheten Jesaiah: „Wehe denen, welche das Unrecht anziehen mit Schnüren der Falschheit und die Sünde wie mit Wagenstrikfcn!" so wahr dargeftellt haben, — so wird man leicht begreifen, um wie vieles unsere Einrichtungen in sittlicher Beziehung vollkommener wären, wenn die spatern Gelehrten die treffliche und hohe Absicht der Männer von der großen Synagoge gehörig aufgefaßt und durchschauet und demnach zum Gesetz gemacht hätten, daß die einmal festgesetzten Gebete unverändert bleiben und nicht vermehrt werden sollten. Dies ist nun leider unterblieben, und nicht bloß haben die Lehrer im Thalmud es vermieden. Andere vor dergleichen Neuerungen zu warnen, sondern sie haben selbst, nach der Eingebung des Augenblicks bei der Andacht, manche neue Gebete hinzugesetzt, dadurch das Beispiel gegeben, und somit jede Vermehrung gestattet, gegen welche niemand Widerspruch erhob. Der Erfolg davon war zunächst die Einschiebung aller Privatgebete der älrern Gelehrten (Bcrachoth f. 17) unter die alltäglichen Gebete, wozu denn außerdem noch Gesetzstellen u. dgl. kamen, welche die Andacht stören und die Gedanken verwirren. Späterhin traten Sänger und Dichter (paitrur heißt poetse) auf und schrieben noch eine unzählige Menge - liturgischer Stücke, jeder nach seiner Weise, meist jedoch in verderbtem Ausdruck und in verschrobener Sprache, ohne Geschmack und Poesie, wie ohne Grammatik (man sehe die Stücke von Kaliri und s. Nachtretern) worüber schon Aben Esra zu Koheleth und Kimchi in seinem Wörtcrbuche ernstlich klagen. Nur wenige derselben haben eine bessere Ausdrucksweise, reine und klare Sprache, erhabene Gedanken, und wissen das Gemüth anzuregen und den Geist emporzurichten, wie Sal. ben Gabirol, Juda hallevi und Andere. Diese Sänger nun sind viel weiter gegangen, und haben den Zweck der großen Synagoge, in so weit er auf Einheit abzielte, fast ganz vereitelt; denn nun wählte jede Gemeinde und Synagoge nach Gutdünken, welche Gesänge ihnen beliebten; die Deutschen und die Spanier sind völlig verschieden, und in einem und demselben Lande herrscht Ungleichheit; was an einem Orte gebetet wird, läßt man am andern aus; wie die Gebetbücher genugsam beweisen. (Fortsetzung folgt.) 46«

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