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Israelitische Annalen · 1839-11-08 · Heft 45 (8.11.1839) · p. Seite 357

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1839
Issue
Heft 45 (8.11.1839)
Date
1839-11-08
Page
Seite 357 (sequence 5)
Language
German
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357 Briefwechsel über religiöse Zustände. 8. I. S. R. an S. D. L. *) 15. August 1839. In unserm Jdeentausche, w. Fr., geht es uns, wie es bei allen Besprechungen zu gehen pflegt, welche sich um Gegenstände von hoher Wichtigkeit drehen. Je höher der Standpunkt ist, auf welchen sich der Beobachter stellt, desto weiter eröffnet sich der Gesichtskreis, und desto größer wird die Anzahl der Gegenstände, die sich dem Blicke darbieten. Wenn er nun auf einen oder den andern derselben sein Auge vorzugsweise richtet, so wird er niemals ein klares Bild von der Gesammtheit erlangen, welche er vor sich hat. Das ist nun unser Fall jetzt. Wir hatten Anfangs uns vorgenommen, die Grundlage des Gebäudes, das Iudenthum heißt, zu untersuchen. Dieser Gegenstand ist aber so ausgedehnt, und hängt mit so vielen daran gebundenen oder ihm untergeordneten Materien zusammen, daß wir unvermerkt erst vom Rationalismus, dann vom Unglauben, dann von Offenbarung und jetzt von der Moral sprachen. Wenn wir aber so leichthin diese und andere Seitenwege einschlagen, so laufen wir Gefahr, uns immer mehr von dem ersten Ziel, das wir uns vorgesteckt, zu entfernen, und zu viel Zeit, vielleicht vergeblich, im Disputiren über Gegenstände vom zweiten Rang zu verschwenden, das Wichtigste aber aus den Augen zu verlieren. Die Vernunft gebietet, daß wo die Verschiedenheit der Ansichten über dergleichen Punkte uns wenig oder gar nicht hindert, über die Hauptsache uns miteinander zu verständigen, jene auf sich beruhen zu lassen, und uns mehr mit dieser zu beschäftigen. Von der Art ist wirklich die zwischen uns erörterte Frage über das erste Prinzip des Sittengesetzes; freilich ist mein Untersuchungsverfahren hierbei von dem Ihrigen abweichend. Man betrachte das allgemeine Streben der Menschen, sich das zu verschaffen, was ihnen als ein Gut erscheint; oder fasse den Menschen als ein mit Freiheit begabtes Wesen; oder nehme endlich seine Zuflucht zu dem Grundsätze, daß das Sittlich-Gute dem Willen Gottes gemäß sei und daß es Pflicht des Menschen sei, seine Handlung nach dem Willen seines Schöpfers einzurichten; — in allen diesen drei Fällen — welche die Methoden darbieten, um zum Prinzip der Moral zu gelangen — ist es eine Reihe von richtigen Schlüssen, welche uns zum Aufstellen des Gesetzes hinführt: „Mach dich und deine Nebenmenschen so vollkommen als möglich." Diese drei Methoden finden sich ausführlich erläutert im vierten Cap. von Mendelssohns Abhandlung über die Evidenz in metaphysischen Dingen. Ich wünsche jedoch nicht, daß Sie, um diese zu kennen, die elende Uebersetzung von Pizzati zur Hand nehmen, welcher, um abzukürzen, die hohen Gedanken der Urschrift nur verstümmelt und entstellt hat. Wenn die Gedanken einen so angemessenen Grad der Reife erlangt haben, bevor man ihnen Worte leihet, und wenn diese so genau abgewogen und so logisch geordnet sind, wie in jener Abhandlung, so ist es nicht mehr möglich, daraus einen Auszug zu machen, ohne ihrer Schönheit und.Wahrheit Eintrag zu thun. Ich weiß nicht, welchen Eindruck Mendelssohns Schriften aus andere machen, ich weiß nur, daß, so oft ich sie lese, ich mich doppelt belohnt finde. Seine Beweise scheinen mir auf so festen Grundsätzen zu beruhen und so richtig aus den Prämissen zu folgen, daß sie nichts zu wünschen übrig lassen. Neu und auffallend war mir es in der A. Zeit, des Idth. (Beibl. S. 165.) 1838, zu lesen, daß jemand, ohne Belege anzuführen, behauptet, ich habe niemals Mendelssohns Worte recht verstanden, wenn gleich ich mich als seinen getreuen Anhänger bekenne. In der Thal will ich nicht entscheiden, ob diese Anklage gut oder schlecht begründet sei, da ich nicht in der eignen Sache richten kann. Aber ich mache dasselbe Recht geltend, welches jener strenge Aristarch sich anmaßl, und erlaube mir, meinerseits zu zweifeln, ob mein Richter fähig sei, den Sokrates unsrer Zeit gründlich zu verstehen, oder ob nicht dieselbe Anklage, die er so dreist gegen mich erhebt, auf ihn selber anwendbar sei. Jedermann sieht, daß die Wage nach keiner Seite neiget, und mit gleichem Rechte kann ein Dritter alle Beide einer solcher Ignoranz beschuldigen, und so ein vierter und fünfter, so daß die Frage nicht anders zu entscheiden wäre, als dadurch, daß der Philosoph wieder aus dem Grabe stiege, und einen Spruch thäte, von welchem keine weitere Apellation möglich wäre. Doch lassen wir das auf sich beruhen; und wieder zur Sache. Sie behaupten, eine auf Vernunft allein basirende Sittenlehre könne nicht zur Tugendübung führen, diese fordere Opfer, nicht Berechnung; und nehmen daher als Prinzip der Tugend das Pietätsgefühl an. Sie fürchten immer, daß der stets nach eigener Vervollkommnung strebende Mensch zuletzt ein Egoist werden müßte. Ich lobe und bewundere diese Besorgnisse, sie sind Beweise Ihres vortrefflichen Herzens. Aber sein Sie ruhig, verehrter Freund, zu solcher Furcht ist kein Grund. Fremdes Wohlsein ist mit dem Meinigen so eng verbunden, daß ich zu diesem, indem ich jenes befördere, mitgelange, und umgekehrt, je mehr ich meinen eigenen Vortheil zu suchen mich abmühe, desto mehr mich überzeuge, daß er nicht erreicht wird, ohne Andern wohlzuthun. Sie selbst gestehen, daß „die Natur unsere Sensibilität so eingerichtet hat, daß wir in Handlungen , deren Genuß nur Andere haben, Freude empfinden." Hier ist also der Uebercinstimmungspunkt unsrer anscheinend verschiedenen Meinungen, hier treffen sie ganz und gar zusammen. Sie werden hoffentlich den Streit der Philosophen des vorigen Jahrhunderts, welche sich in die Systeme der Uneigennützigkeit und des Eigennutzes theikten, nicht erneuen wollen. Sie erkannten zuletzt selbst, daß es nur ein Wortstreit sei; in der Sache waren sie vollkommen einig, und Mendelssohn war es, der den Streit beilegte, in der merkwürdigen Note, zu dem mit « Unterzeichneten Briefe in Abbt's Correspondenz. — Erlauben Sie mir Ihnen hierzu noch einige Worte dieses Autors vvrzuführen, die er an einen Freund von mir, der Ihren Familiennamen trug, nämlich an Joseph Mose Luzzato aus Görz, einst richtete, vielleicht die einzigen, die er je französisch schrieb. S. Mendelss. WW. Wien 1838 p. 941. — (Da Mendelss. WW. in Deutschland leicht zugänglich find, so verweisen wir auf dieselben. I.) (Fortsetzung folgt.) *) Aus dem Italienischen übersetzt.

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