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Israelitische Annalen · 1839-10-25 · Heft 43 (25.10.1839) · p. Seite 339

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1839
Issue
Heft 43 (25.10.1839)
Date
1839-10-25
Page
Seite 339 (sequence 3)
Language
German
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339 Das Lemberger Rabbinat und die Gallizischen Schulen. (Schluß.) „Außer dem überaus großen Nachtheile, welcher im Allgemeinen den Israeliten dieser Länder daraus erwachst, daß die jungen Leute in dem Wahn stehen, durch die beständige Uebung im Disputiren über casuistische Gegenstände, den höchsten Grad von Weisheit sich anzueignen, und ihre Kräfte nicht edler anwenden zu können, entsteht aus dieser Gewohnheit noch ein anderes Uebel, selbst für die wenigen, welche aus ihrer Betäubung erwachend, endlich sich auch den gemeinnützigen Kenntnissen zuwenden, und eine freiere Bildung zu erlangen streben. Die Gewohnheit nämlich, überall Recht haben zu wollen und immer Gegenstände zum Bestreiten zu suchen, ist ihnen zur zweiten Natur geworden und verläßt sie nie wieder. Das gemeine Volk aber staunt dergleichen scharfsinnige Männer an, und verehrt sie als ausgezeichnete Gelehrte. Man glaubt allgemein, daß diese Art durchaus nothwendig sei, um in die Tiefe der Gesetzkunde einzudringen, und diejenigen, welche hierin sich einen Namen machen, üben selbst Einfluß auf die gesetzlichen Entscheidungen der Rabbinen. Auf solche Weise dringt die Schulmethode mit in's Leben ein, und giebr der Bildung sowohl der Gelehrten, als des großen Haufens eine eigenthümliche Form. Unsre alten Lehrer waren weit entfernt, eine solche Methode zu begünstigen, und im Thalmud selbst wird die babylonische Casuistik als ungründlich und bloße Uebung des Witzes verworfen. Was würden die Weisen der Vorzeit erst zu der heutigen bis auf die Spitze getriebenen Scholastik sagen? — Doch vorläufig genug davon, vielleicht kommen wir auf den Gegenstand ein anderes Mal zurück." „Die Erledigung des Lemberger Rabbinates, eines der größten in dieser Gegend, dem etwa nur das zu Brody gleich kommt, läßt zugleich viel Gutes hoffen und viel Nachtheiliges befürchten, je nach der Wahl, welche nunmehr getroffen wird. Ueber den Verstorbenen will ich nicht reden; was er in seinem Wirkungskreise geleistet hat, wollen wir keiner Kritik unterwerfen; uns kommt nur darauf an, wer ihm Nachfolgen werde. Groß ist die Zahl der Bewerber, darunter mehrere, welche schon lange als Rabbinen fungiren, Andere, die erst vor kurzem in ihr Amt getreten sind, und einige ganz neue Candidaten. Eine Frage aber ist, ob wohl einer von allen die mit einem solchen Amte jetzt verbundenen schweren Pflichten und Verantwortungen erwogen habe? ob wohl einer von allen die Heiligkeit des Berufes, um welchen sie sich bewerben, in seiner ganzen Ausdehnung erkenne? Zumal in unsrer Zeit, welche der frühern nicht mehr zu vergleichen ist. Vordem, als Unwissenheit allgemein herrschte, und unsre hartbedrückren Brüder nach keiner weitern Erkennrniß strebten, als der ihrer Gesetze und Gebräuche, welche sie mit der unerläßlichsten Strenge beobachteten, jeden freier Denkenden auf's Bitterste verfolgend, als man lediglich von der Gewohnheit gegängelt wurde, und um nützliche Kenntnisse sich nicht kümmerte, da konnte es genügen, als Rabbinen Männer aufzunehmen, die der Tradition gemäß entscheiden konnten, zweimal alljährlich verworrene und ermüdende Vorträge hielten, und übrigens Gewissensfragen nach dem Inhalte der Gesetzsammlungen beantworteten. Gelehrsamkeit und klares Urtheil über andere Gegenstände des Wissens ward bei ihnen vergeblich gesucht, selbst die Landessprache war ihnen fremd. In unfern Tagen werden ganz andere Dinge gefordert, und in's besondere zur Besetzung einer Stelle, wie die zu Lemberg, mit deren Gemeinde so sehr viele kleinere unmittelbar verbunden sind, welche alle nach der Muttergemeinde sich bilden. Heutiges Tages sind viele Mängel, sowohl der Unterrichtsweise, als des Gottesdienstes und der Gebräuche mit dem Lichte der Wissenschaft beleuchtet und erkannt worden; Verbesserungen sind nothwendig und werden vielfach verlangt. Wem anders liegt es ob, diese in's Leben zu rufen, als den Rabbinen? Und welcher von diesen wird sich damit ernstlich befassen, wofern nicht ächte Liebe zur väterlichen Religion und zur Veredlung ihrer Gemeinden ihn beseelt? Und wo kann diese mit vollem Recht erwartet werden, wofern nicht anerkannte gründliche Studien und bereits bewiesener Eifer zum Guten einige Zuversicht gewähren, daß der neue Rabbiner auch seine Aufgabe begreifen und lösen werde? Wo aber wäre jetzt ein Candidat zu finden, der allen Ansprüchen genügen könnte? „In diesem Augenblicke möchte man schwerlich in ganz Gallizien einen Candidaten auftreibcn, welcher alle die Eigenschaften besäße, die zur würdigen Ausfüllung eines so bedeutenden Wirkungskreises noth- 43*

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