Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 42 (17.10.1839)
- Date
- 1839-10-17
- Page
- Seite 334 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3133765-3133766-3133809--0381-3134516- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
334 konnte, ist bekannt und natürlich, und was man über Orthodoxie und Zelotismus auch übrigens klagen und ihm zum Vorwurfe machen möge, findet in dieser Voraussetzung schon genügende Verantwortung und Entschuldigung. Mehr als 45 Jahre (seines rabbinischen Waltens in Dresnitz in Mähren, Mattersdorf und Preßburg) hielt er ununterbrochen eine Ieschibah, die nie weniger als 300 Mitglieder zählte, und mehr als tausend größtentheils noch lebender Ober¬ und Untcrrabbiner sind aus seiner Schule hervorgegangen. Doch abgesehen von dem großen talmudischen Wissensschatz, den er besaß, von seiner ausgebreiteten, nach allen Weltgegenden, nach Jerusalem, Egypten, Smyrna und Amerika sich erstreckenden schiedsrichterlichen Correspondenz; abgesehen ferner, von seinen, die Perlen der reinsten Humanität und Moral enthaltenden Deraschoth, wodurch er die erhabenste Religiosität und Gottesfurcht in das Herz der Hörer unermüdet pflanzte, von seiner individuellen strengen Frömmigkeit, die gewiß kein Iota von allen Ceremonial- und Moralpflichten im strengsten Sinne des Worts, zu halten unterließ, — abgesehen von all' diesem, müssen wir unparteiisch und vorurtheilsfrei diesem großen Mann in seiner Vollkommenheit als Mensch die unbegränztesteHochachtung und Anerkennung zollen! Die unerschütterliche Redlichkeit und Unbestechlichkeit seines Charakters, seine an Demuth gränzende, leutselige und herzgewinnende Herablassung, seine bescheidene, liebenswürdige und hinreißende Herzlichkeit im Umgänge, sein friedliebendes, umsichtiges Benehmen in den schwierigsten Gelegenheiten, seine seltene, großherzige, an Verschwendung gränzende Wohlthätigkeit, bei gänzlicher eigener Mittellosigkeit, gegen die leidende Menschheit und Armuth in seiner Gemeinde, wie jener der Umgebung, die einen zärtlichen Vater, einen sorglichen Helfer in ihm fand — der Kostenaufwand, mit welchem er, ein treuer Vater, Lehrer und Hirte, die Bedürfnisse seiner größtentheils armen Schüler beinahe ein halbes Jahrhundert hindurch bestritt — machen ihn zu einem strahlenden Musterbilde seltenen Edelmuthes und erhabener Großherzigkeit, und dies ist's, was ihm das schönste bleibende Denkmal für die Nachwelt begründet! Wie der Jammer in seiner Gemeinde schon während seines plötzlichen kurzen und hoffnungslosen Siechthums — während dessen alle Handluugen beinahe immer geschlossen blieben — das laute Wehklagen und die tiefe Trauer bei der feierlichen Bestattung, zu welcher viele Gemeinden sammt ihren Rabbinen und Vorständen in Massen herzuströmten. Der Andrang von Christen aus allen Ständen und Volksklassen — so daß der große und feierliche Leichenzug, von seinem Hause bis zum gänzlich außerhalb der Stadt liegenden Friedhöfe, eine doppeltgereihete Pallisade von Menschen passiren mußte, beurkunden zur Genüge, daß der bochgefeierte Selige nach der schönsten Krone menschlichen Mühens und Strebens, der allgemeinen ungetheilten Ergebenheit, Anhänglichkeit, Liebe und Hochachtung seiner Mitwelt nicht vergebens gerungen habe! — Unverwelklich grünt der Kranz seines Nachruhms! — Friede seiner Asche! — M. E. St. — Herrn Ignatz Ieittelcs dahier, durch vielseitige Arbeiten in der deutschen Literatur, und jüngst noch durch das Aestbetische Lexicon rühmlichst bekannt, ist von j der Universität Jena das philosophische Doctordiplom honoris causa übersendet worden. Lemberg, 15. September. — Mit gespannter Erwartung sehen wir der nächsten Zeit entgegen, welche darüber entscheiden wird, ob wir ein Aufblühen der Wissenschaft in unsrer theologischen Schule hoffen dürfen. Man nennt unter den Männern, welche zur Besetzung des vacanten Rabbinats berufen werden sollen, Herrn R...t aus T., den Einzigen, welcher durch seine gelehrten Werke einen europäischen Ruf sich erworben hat, und es ist gewiß, daß durch ihn das wissenschaftliche Leben eine andere Gestalt gewinnen würde. An Gegnern fehlt es indeß auch nicht. — Gewundert hat man sich allgemein darüber, daß der Ref. in den Israelitischen Annalen No. 27, S. 211, einen herben und sehr ungerechten Ausfall gegen diesen Gelehrten machte, welcher in der von Herrn S. L. Goldenberg selbstständig geführten Redaction des K. Ch. durchaus nicht etwas zu ändern die Befugniß hatte, und in Beifügung seiner Bemerkungen nur einer freundlichen Aufforderung gefolgt ist. Die Sache ist wichtig genug, um gegenwärtiger, nur beiläufig gemachten Gegenbemerkung eines völlig Unparteiischen, zur Ehrenrettung des Hrn. R., Raum zu gönnen. *) Cöthen, 5. October. — Als abermaligen Beweis der sich kundgebenden Humanität unsrer Zeit, mögen Sie folgender Notiz ein Plätzchen in den Annalen gewähren. Am 3. d. feierte ein israelitisches Jubelpaar hier seine goldene Hochzeit in ungeschwächter Gesundheit. Schon am Vorabend bezeigte man demselben aus allen Ständen ber die regeste Theilnahme, der Tag selbst ward zu einem herzerhebenden Feste. Im, israelitischen Tempel versammelten sich, außer den festlich gekleideten Mitgliedern der Gemeinde, so viele Gönner und Freunde des Jubelpaares, als ber Raum faßte. Unter Musik und Gesang ward dieses eingeführt, und der zu diesem Behufe herbeigerufene Land-Rabbiner vr. Herxheimer aus Bernburg hielt eine angemessene Rede, worauf er das Jubelpaar einsegnete und seinem Bunde die neue Weihe ertheilte. Gesang und Gebet beschlossen die religiöse Feier, und herzliche Glückwünsche strömten den Greisen von allen Seiten zu. Selbst Se. Aeltestregierende Durchlaucht, unser allergnädigster Herr, geruhete den auf das Innigste ergriffenen Ehegatten'ein werthvolles Geschenk zustellen und durch den Obersthofmeifter Freiherrn von Sternegg Exc. Höchstihre Theilnahme versichern zu lassen, wie denn auch nicht bloß die Mitglieder der Gemeinde, sondern viele christliche Bewohner der Residenz und der Umgegend, Gaben der Liebe spendeten. Ein solennes Miltagsmatsi, bei welchem die Armen aller Confessionen bedacht wurden, und ein fröhlicher Ball des Abends erhöheten die Heiterkeit der Feier; erst spät schieden die Greise, mit Thränen des gerührtesten Dankes, aus der Versammlung. Literatur. Zur Verständigung über meine Bibel mit Uebersetzung, deutschem Commentar u. s. w. Von vr. Herxheimer. Die Bemerkungen des geehrten Herrn Redakteurs in No. 20 und des Reccnsenten in No. 30 dieser Blätter über die erschienene erste Lieferung meiner Bibel (Berlin, bei Lewent) veranlassen mich zur folgenden Besprechung, die da vorläufig zeige, daß dies Bibelwerk aus klarem Bewußtsein hervorgeht. Unter den Wirren und Bewegungen im religiösen Leben unserer Zeit, namentlich auch auf dem Gebiete des Iudenthums, kann es keinen wichtigem Schritt zur allbefriebenden Wahrheit und Klarheit geben, als den Inhalt jener heiligen Schriften, die bei allen Angelegenheiten des Glaubens und der Religion die Basis der Entscheidung *) Wir nehmen diese um so eher mit auf, als wir mit jener Anmerkung keinesweges der Ehre des auch von uns sehr hochgeachteten Forschers irgend zu nahe zu treten beabsichtigten, vielmehr es beklagten, daß ein starkes Mißverständniß die Wissenschaft mit der Hemmung eines Unternehmens bedrohele, welches an lehrreichem Inhalte und zweckmäßiger Verbreitung dev interessantesten Studien in ber Jüdischen Literatur noch nicht seines Gleichen hatte. Uebrigens bekennen wir gern, daß die durch die erwähnte Anmerkung angeregien mehrseitigen Privatdiscussionen uns zur Genüge eines Andern überzeugt haben, wir daher schon aus Liebe zur Gerechtigkeit dieselbe gern auf sich beruhen lassen. D. H. «