Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 42 (17.10.1839)
- Date
- 1839-10-17
- Page
- Seite 333 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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333 Nachrichten und Correspondenzen. Paris, 28. September. — Einige Tage vordem Neujahrsfest wurde vom Comite consistorial de la Societe Israelite de secours et d’encouragemens, ein 47 Selten starker Bericht über die Leistungen des Comites im Jahr 1838 nebst Statuten des Comites dem Publikum übergeben. Es ist die erste öffentliche Rechnungsadlage, die das Conststoire von Paris in Verbindung mit dem Comite seit ihrem Bestehen geben, und hat hier einige Aufmerksamkeit erregt. Ich will es versuchen, in kurzen Umrissen das Interessanteste hiervon zu geben. In einer langen Einleitung entschuldigt sich das Comtte, nicht früher schon Rechenschaft von seinem Wirken abgelegt zu haben, und giebt in zwölf Nummern seinen Wirkungskreis an, der vorzüglich besteht: in Unterstützung der armen Israeliten, besonders Greise und arme Wöchnerinnen; Versorgung der Kranken im Hause oder im Spital; die Sorge um Waisen und hülflose Kinder; Ertheilung guter Rathschläge, Aufmunterung und Aufsicht über die Kinder, die eine Kunst oder ein Handwerk erlernen; Unterstützung durch Gelb und Handwerksgeräthe an arme Handwerker; Beisteuer zur Ansäßigmachung braver Handwerker; Bewilligung eines monatlichen Gehaltes an treue Dienstboten, die 15 Jahre in einem Hause gedient j und ferner zu dienen unfähig sind; Bewilligung eines Gej Haltes für die armen Israeliten, die sich durch irgend eine gute s Handlung ausgezeichnet, so wie für die, deren Kinder Sol- > datcn werden; Unterstützung der armen Kinder und Jung- > singe, die sich in den Schulen öffentlicher Anstalten auszeich-! nen; Unterstützung des Consistoire in der Synagogenverwali tung; Bestreitung der Beerdigungskosten für Arme, so wie! Leitung jeder Leichenfeier und die Aufsicht über die jüdischen! Friedhöfe und endlich die Aufmerksamkeit des Consistoire j auf alles das hinzulenken, was das Wohl der Israeliten j in der Circonscription erheischt — dieß sind die Aufgaden des! Comites. Das Comite macht hierauf Versprechungen auch! in der Liturgie, und hinsichtlich der Verbesserung der Friedj Höfe in der Folge Vieles zu leisten und giebt dann einige! bemerkenswcrthe statistische Nachrichten; (vergl. Nr. 39). j Das Comite giebt die Anzahl der Israeliten in Paris auf j 9 bis IPMiO an; ferner em genaues Verzeichniß der Todes-! fälle unter den Israeliten, woraus man ersehen kann j 1) daß in allen zwölf Arrondissements in der »aulieu in denen Paris getheilt ist, Israeliten wohnen; daß 2) die i Todesfälle im Jahre 1836 aus 173 sich beliefen; daß 3) im siebenten Arondiffement die meisten Israeliten wohnen, da in demselben allein 65 Todesfälle sich ergaben; 4) daß 121 j davon auf Kosten des Comites bestattet wurden; so baß sich I 5) das Verhältniß ergiebt bei den Armen 7 zu 100, während bei den Reichen sich bas Verhältniß 1 zu 150 herausstellt; was wohl auf den ersten Blick auf das große Elend der armen lIsraeliten zu Paris schließen läßt. Die Anzahl derjenigen, die vom Comite unterstützt wurden, beläuft sich auf 1828 Indiduen. Die Unterstützung an Geld betrug für 1103 Arme, die durch Krankheit und widrige Geschicke der Hülfe des Comites bedurften, 7579 Franks. Ferner wurden an 148 Arme vertheilt: 1356 Pfund Brod und an andere 140, 119 Pfund Fleisch. Für Arzt und Medikamente wurden 890 Fr. verausgabt; der Gehalt des Arztes, 400 Fr. betragend, schenkte derselbe an die Armen-Kasse. — Eine sehr bedeutende Ausgabe ist die Vertheilung der pains azymes unter die Armen; im 1.1838 erhielten 1414 Arme 9283 Pfund Osterkuchen und überbicß noch eine Summe Geldes, zusammen über4000Fr.; eine Collccte, die man deßhalb unternehmen mußte, trug nicht mehr als 1283 Fr. ein. — Eine statistische Nachricht der Familienanzahl dieser Armen, der Altersklassen, ihrer Gewerbe und ihrer Wohnungen wird mit größter Genauigkeit angegeben. Bei den Gewerben ergiebt sich, daß sie Handwerke aller Art treiben, so wie mit tausenderlei Dingen sich beschäftigen, womit die armen Klassen in Paris des Tages einige Sous verdienen; z. B. 1 blimblotier, 1 marchand de mort aux rats, 7 maitres de langues, 29 Journaliers &c. — Die Rechnungsablage selbst stellt ein Aktive von 31,867 Fr. heraus, die feierlichen Leichenbegängnisse trugen der Armenkasse fast 2400 Fr. ein, der Ertrag einer Collecte für Holz und Osterkuchen war 2600 Fr. wobei Herr v. Rothschild Mit 1100 Fr. obenansteht; der Verkauf des Mehls zu Osterkucken an die wohlhabende Klasse, so wie der Verkauf der (cedrats) betrugen fast 2400 Fr. Die Ausgaben für die Armen betrugen im Ganzen 18504 Fr. — Alsdann folgen die Namen derer, die durch Subskription sich zu einem bestimmten Beitrag für die Armen verbindlich gemacht; ferner die Namen derer, die Beiträge zu obiger Collecte geliefert: eine dritte Reibe Namen bezeichnet die, welche die Armenkasse im Jahre 1838 beschenkt haben; der Herzog .von Orleans macht den Anfang mit 200 Fr.; die Summa der Geschenke betrug 6154 Fr. — Den zweiten Theil des Berichtes nehmen die Statuten ein, nach welchen künftig das Comite zu verfahren hat und die zu keiner desondern Bemerkung Anlaß geben. — Es scheint wohl, daß unter den Israeliten dieser Bericht sehr günstig ausgenommen wurde, denn am Versöhnungstage rückte das Comite mit einer Ankündigung hervor, worin es den Israeliten zu Paris anzeigt, daß es gesonnen sei. ein Krankenhaus zu errichten, da viele Israeliten, unfähig sich im Hause gehörig pflegen zu lassen, darum die Spitäler der Stadt Paris nicht beziehen, weil religiöse Scruxel, wie sich die Ankündigung ausdrückt, sie daran verhindern. Diesem Uebel soll durch ein israelitisches Krankenhaus abgeholfen und der Woblthätigkeitssinn der reichen Israeliten in Anspruch genommen werden. Die Ankündigung wurde in der Synagoge vertheilt. Es dürften sich bedeutende Schwierigkeiten diesem Unternehmen entgegensetzen, besonders in pekuniärer Beziehung, da die israelit. Gemeinde ohnedieß schon sehr stark verschuldet ist. Die Angelegenheit der Associations ist noch nicht beendigt. Es ist inzwischen zu tüchtigen Reibungen zwischen dem Consistoire und den Vorstehern der Associations gekommen, da letztere behaupten, das Verbot ihrer Zusammenkünfte wäre vom Consistoire bei der Regierung angeregt worden, was aber das Consistoire durchaus leugnet. Das Consistoire erbot sich sogar in Verbindung mit den Associations um die Erlaubniß bei der Regierung anzuhalten, ferner ihre Andachtsstunden halten zu dürfen. Die Vorsteher der AssociatioDsr verfaßten daher eine Bittschrift, die sie dem Consistoire verlegten die aber aus irgend einer Ursache vom Consistoire unbeachtet gelassen wurde. Inzwischen ward von der Prefecture de Police die Erlaubniß eingeholt bis nach den Feiertagen ihren Gottesdienst in ihren alten Lokalen halten zu dürfen, -da der remple de8 israelites die Menschen nicht alle zu fassen vermag, indem der Andrang an ben Feiertagen überoieß ungewöhnlich stark ist. Die Erlaubniß ward über die Feiertage rrtheilt, jedoch mit der Bemerkung, daß die Zusammenkünfte unter polizeilicher Aufsicht stehen; und wirklich kommen öfters Sergents de ville in den Stunden, wo die Gesellschaft sich versammelt, um sich ein wenig umzuschauen. Mit dem 1. October geht die Erlaubniß zu Ende und man ist begierig, was die sieben hundert Männer unternehmen werden. Wien, 4. October. (Nekrolog). — Gestern am 3.Oktober f. dm 7‘/2 Uhr bat der würdige, hochberühmte Oberrabbiner zu Preßburg, Herr Moses (Sopher) Schreiber, geb. zu Frankfurt a. Main, nach einem schmerzlichen Krankenlager von 4 Tagen, im 7--'. Jahre seines wirkungsreichen Lebens das Zeitliche gesegnet, um in das Bessere einzugehen, nachdem er bei 33 Jahren dieser Gemeine als treuer Vater und Seelenbirte rübmlichst vorgestanden und als Muster der Frömmigkeit, Tugend und Milde auf's löblichste vorangeleuchtet. In und mit diesem in seinem Fache ausgezeichnet großen Manne, desien Ruf und Autorität weithin bis in die fernsten Weltgegenden sich erstreckte, ward das altergraue geweihete Palladium des Talmuds zu Grabe getragen; die letzte hohe Säule dieser heiligen Halle ist in und mit ihm gefallen, und die letzte Blüthe rabbinischtalmudischer Cclebrität ward in und mit ihm gebrochen. Daß der ehrwürdige?8jährige Greis, einer alten Schute angehörend, mit den Bestrebungen, Anforderungen und Reformen der Neuzeit nicht übereinstimmen wollte und