Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 41 (11.10.1839)
- Date
- 1839-10-11
- Page
- Seite 326 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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326 M. tief betrübt, und er schrieb gegen den Eifrer, um die Thatsache von einer andern Seite darzustellen. Der Inhalt dieses mir in alter Handschrift vorliegenden Brieses ist in Kurzem folgender: „Einer unsrer Zeitgenossen ftagte einen Weisen, welcher nicht unter der Verfolgung lebt, die eine große Menge israelitischer Gemeinden betroffen hat (der Herr möge sie vereiteln!) betreffend den Inhalt dieses Religivnszwanges, nach welchem jeder erklären muß, Mohamed sei der wahre Gottgesandte; ob wohl jemand Recht thue, um sein Leben zu retten und die Seinigen vor ewiger Knechtschaft und gleichzeitigem Abfall zu schützen, das Bekenntniß abzulegen, oder ob er es vorziehen solle, zu sterben, statt sich zu einer, dem mosaischen Gesetze schnurstracks zuwiderlaufenden Erklärung, wodurch er seine Religion völlig leugnet, zu verstehen? Die Antwort des Befragten ist aber so unsinnig, gehalt- und geschmacklos, und enthält so viel augenfällige Unwahrhetten, daß wir uns nicht auf das, was nicht zur Sache gehört, einlassen, und nur die wichtigsten Punkte hier einer Beantwortung würdigen wollen. Er sagt: Wer die Sendung Mohameds anerkennt, verleugne offenbar den Gott Israels! Wie unsre Weisen sagen: Wer zum Götzendienst sich bekennt, hat gegen das ganze Gesetz sich empört! — Allein dieser Verdreher der Wahrheit sieht nicht, daß ein großer Unterschied sei zwischen einem freien Bekenntniß, (wie das eines Ierobeam und seines Anhanges) und der mit dem Schwerte in der Hand erzwungen^! Erklärung! — Er behauptet auch: Wer solch ein Wort ausgesprochen, sei völlig abgefallen! — Demnach macht dieser Erleuchtete gar keinen Unterschied zwischen einem, der den Sabbath entweiht, weil ein Schwert ihm droht, und einem, der aus freien Stücken ihn nicht feiert." „Er sagt ferner: Wer einmal in die Moschee geht und dort etwas mitspricht , und dann zu Hause sein eigen Gebet verrichtet, begeht zwiefache Sünde! und zum Beweise führt er die Comm. zu Jer. n. 13 an. Es scheint ihm also einerlei, ob jemand dies thue, um das Heiligthum zu verunreinigen und Gottes Namen zu entweihen, ober ob jemand nur zum Scheine sich in den Zwang füge, um Gottes Namen desto mehr zu verherrlichen, auch überhaupt nichts ausspreche, was gegen die eigene Religion ist. — Ferner erklärt er alle solche, die 'dem Zwange nachgeben, für Frevler und nach mosaischem Gesetz für unfähig zu jedem Zeugnisse!.Wahrlich! wir hielten an uns, bis wir seine langen, heftigen und schmählichen Reden durchgelesen hatten, woraus wir hofften, es würde, wie der weise Salomo sagt: „Der Schluß besser sein, als der Anfang." Allein wir mußten uns sehr wundern, zuletzt gar zu hören, „daß ja auch die Minim (Karaiten?) und die Christen, ungeachtet der obwaltenden Furcht, das Bekenntniß nicht ablegen!" Dies setzte uns in Erstaunen, als ob wir erst von fremden Religionen zu lernen hätten, uns für unfern Gott aufzuopfern! So hat er denn vom Anfänge an sich auf unpassende Beweise berufen, und zuletzt gar noch fremde Ansichten herbeigeholt; daher dachten wir, der Weise habe ganz richtig gesagt: „Der Anfang seiner Reden ist Thorheit, und der Schluß seines Mundes böse Albernheit." „Wissen aber sollst du, daß man nichts öffentlich vor dem Volke sprechen soll, ohne jedes Wort erst ein, zwei, drei, viermal überdacht und wohl erwogen zu haben, wie dies unsre Weisen schon zu Hiob XXVIII. 27 lehren. Dies gilt schon von jedem mündlichen Vortrage; was man aber niederschreibt, das soll man tausendmal prüfen, ob es so recht ist. Dieser Schreiber jedoch hat das nicht gethan, sondern so schwere Beschuldigungen zu Papier gebracht, und ohne sie erst zu verbessern, weil er alles für unumstößlich hielt, sie einem Reisenden übergeben, daß er sie in jeder Stadt und jedem Flecken bekannt mache, und die Gemüther aufrege und die Leute betrübe! Jetzt will ich diese Dornen Hinwegräumen, und zeigen, daß er bei seiner Absicht, Gutes zu stiften, nur Unheil angerichtet hat. (Forts, folgt.) Nachrichten und Correspondenzen. Amsterdam, 19. Sept. 1839. — Folgender Bericht, welcher schon Aufnahme in hiesigen Blättern gefunden, mag vielleicht eine allgemeinere Bekanntmachung verdienen, besonders da er von Herrn Mulder herrührt. „Dienstag den 18. Juni begab ich mich nach der Armenkolonie Willemsoord (Provinz Drenthe). — — Die Synagoge ist einfach, doch geräumig, reinlich und zweckmäßig eingerichtet. Auf der Südseite ist eine Art Kanzel, wo jeden Sabbath, eine Stunde vor dem Vespergebet, durch den Lehrer eine Predigt in holländischer Sprache gehalten wird, welcher alle jüdischen Colonisten beiwohnen. — Wohnung des Lehrers, Badeeinrichtung und Schulgebäude sind alle geräumig und höchst reinlich. Der Lehrer, der zugleich Vorsänger und Rabbiner ist, heißt Neuemiah Salomon Jacobson, geboren im Haag 1802, ist bei der Provinzial-Schulcommission sowohl, als bei der Israelit. Gottesdienstlichen Schulcommission admittirt. Derselbe hat, wie so viele unserer Glaubensgenossen, den jüngsten Feldzug zur Vertheidigung des Vaterlandes als Freiwilliger mitgemacht, und das Ehrenzeichen dafür bekommen. — In Der Kolonie Willemsoord, welche aus ungefähr 160 Häusern besteht, sind zwölf jüdische Familien, welche, durch Vergünstigung des Direktors, meist alle nahe bei der Synagoge und Schule wohnen. Diese 12 Familien bestehen aus 103 Seelen, und von diesen besuchen 62 Kinder die Schule. Alle 62 — obschon meine Ankunft früh Morgens und unerwartet geschah — fanden sich dort ein, alle gut gekleidet und mit der Blüthe der Gesundheit auf den Wangen. Es sind 44 Knaben und 18 Mädchen. Bei vielen sind zwar noch Spuren von früherer Vernachlässigung sichtbar; doch keiner ist da, der seit April 1838, da die Schule errichtet ist, nickt etwas gelernt hätte, und Einige wissen schon so viel, als sie in ihrem jetzigen Zustande bedürfen. Der Unterricht im Hebräisch- und Holländischlesen ist recht gut. Eben so dieUebersetzung des Pentateuchs in's Holländische und der Anfang der biblischen Geschichte. Ferner wird gelehrt: die Anfangsgründe der hebräischen und holländischen Sprache, Schreiben, Rechnen, etwas vaterländische Geschichte, Ritualia, Uebersetzung der Geböte u. s. w. Ganz vorzüglich ist der einfache herzergreifende Gesang, der ihnen gelehrt wird. Mitten auf einer dürren Heide so viel Schönes zu finden, ist überraschend und rührend.-Die Hallelujah's klangen so melodisch aus voller Brust, daß mir Thranen über die Wangen rollten. — Die Schulstunden sind so vertheilt, daß alle Kinder, selbst die, welche in den Fabriken arbeiten, an dem Unterricht Theil nehmen können. Einer der meist vorgerückten Knaben ist, gegen einige Bezahlung, als Gehülfe angestellt. — Der Lehrer hat mir einige seiner Predigten vorgelesen, meist Uebersetzungen, doch gut gewählt. Zweckmäßig sind die bei einer Confirmation gehaltenen Anreden des Lehrers und die Antworteu der Kinder in der Synagoge in Gegenwart aller Kolonisten gegeben. „Bei meiner Abreise hatte ich nichts mehr zu bedauern, als daß die Zeit mir kein längeres Verweilen erlaubte, und daß die dürftigen Israeliten in unserm Vaterland, statt sich dem Betteln zu ergeben, nicht mehr Gebrauch machen von dieser so herrlichen Gelegenheit, um mit Beachtung Alles dessen, was zum altväterlichen Gottesdienst gehört, auf ehrbare Weise, wenn auch im Schweiße ihres Angesichts, ihr Brod zu verdienen." Orient. — Auf der Insel Corfu sollen sich etwa 5000 Israeliten befinden. In Griechenland wohnen nur sehr wenige. — Wir vernehmen aus verschiedenen Berichten, daß die Wallfahrten der Israeliten aus den osteuropäischen Ländern nach Jerusalem noch immer alljährlich eine ziemliche Menge in Bewegung setzen; die Pilger verweilen dann wohl 2 — 3 Monate im Lände der Väter und kehren dann wieder zurück. In Alexandrien wohnen etwa 1000 Israeliten, meist aus Aegypten, doch sind auch Europäer darunter; diese haben eine besondere, nicht sehr geräumige (90 F. tiefe u. 50 F. breite) Synagoge in einer entlegenen Gasse. — <V,