Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 41 (11.10.1839)
- Date
- 1839-10-11
- Page
- Seite 324 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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324 In dem Vorworte giebt die Uebersetzerin, welche so wie am Titel, auch sonst manche Bitterkeit des Orobio gemildert har, einen kurzen Abriß von dessen Leben, wie solches bereits aus den Bibliographen bekannt ist. Orobio war in Spanien (wie uns scheint, nach der Verfolgung, die zu Anfänge des 17ten Jahrhunderts Statt fand) geboren. Seine Eltern waren heimliche Juden, und ließen ihn Balthasar raufen. Er studirre Philosophie und zeichnete sich so sehr darin aus, daß er in Salamanca als Professor der Metaphysik angestellt wurde; nachmals trieb er auch Arzneikunde, und erhielt in diesem Fache eine Professur in S c.v i l l a. Hier aber ward er angeklagt, ein geheimer Jude zu sein, und daher von der Inquisition in's Gefängniß geworfen, wo er drei Jahre lang die entsetzlichen Qualen der' Tortur aushielt, ohne seine Gesinnung zu verrathen, welche ihn auf den Scheiterhaufen gebracht hätte. Er war, wie er selbst erzählt, dadurch so geschwächt worden, daß er kaum noch das Bewußtsein behielt, und manchmal sich selbst fragte: Bist du wirklich Balthasar Orobio? ja wohl gar sich überredete, sein früheres Leben sei nur ein schöner Traum gewesen, und das düstere Gefängniß sei die Welt, wo er geboren sei und sterben werde. Nach drei qualvollen Jahren ward er auf freien Fuß gesetzt; er verließ sogleich Spanien, und ging nach T o u lo u se, wo er als Professor der Medicin angeftellt wurde. Endlich der Verstellung überdrüssig, begab er sich nach Amsterdam, und bekannte sich öffentlich zum Judenthume, indem er seinen Namen Balthasar ablegte, und sich Isaak Orobio nannte. Er lebte von ärztlicher Praxis, schrieb aber verschiedene Bücher gegen das Chriftenthum und starb im 1.1687. — Ueber die Werke dieses merkwürdigen Mannes, welcher sich schrieb: „Jsbac Orobio de Castro, Professor der Metaphysik und Medicin zu Alcala und Sevilla (dabei ist Salamanca nicht genannt) ferner: Medico de Camara del Duque de Medina Celi y de la familia de Borgoiia (?) del rey Phelipe 4. und Professor publico del rey de Fraucia en la insigne ciudad de Tolosa y su concejero ad honorem” findet man bei DeRossi verzeichnet.— Die für Befestigung des jüdischen Glaubens rhätige Dame, hat, wie es.scheint, es vorgezogen, das Werk eines Mannes, welcher lange als Christ gelebt hatte, zu veröffentlichen, weil darin die Ueberzeugung um so schlagender hervortritt. Daß ihre /Schrift alsbald Gegenschriften erzeugen würde, war vorher zu sehen; und wirklich hat der rüstige Kämpfer Dr. Al. M.'Caul den Handschuh bereits ausgenommen, und unter dem Titel: Israel Avenged: by Don Isaac Orobio, trauslated and answered etc. eine Widerlegung begonnen, von welcher erst ein Heft erschienen ist. Briefwechsel über religiöse Zustände. 6. S. D. L. an I. R. . (Fortsetzung.) 2) Wir kommen nun auf die Benennung selbstsüchtig und uneigennützig, welche Frage theils das Wort, theils die Sache betrifft. Gewiß ist, daß der Mensch nur die Selbstliebe (Philautie) als Beweggrund habe, die Liebe zum Angenehmen und die Abneigung gegen Widerwärtiges. Dennoch ist nicht alles in ihm Eigennutz. Die Natur hat unsere Empfindungen so eingerichtet, daß wir oft unser Vergnügen darin finden, Handlungen zu thun, deren Vortheil nur von Andern genossen wird. Wenn Jemand, um sich des lästigen Gefühls, welches fremder Schmerz in ihm erweckt, zu entledigen, des Andern Leiden zu lindern strebt, so wird er freilich von der Selbstliebe angetrieben; aber eigennützig — im gewöhnlichen Sinne des Wortes — ist die Handlung darum doch nicht. Will einer jede tugendhafte Handlung, bloß weil sie, obgleich von der Tugend allein angeregt, doch durch das eigene Wohlgefallen bedingt ist, eigennützig nennen, so mag er es immerhin, aber der Sprachgebrauch, quem penes arbitriurn est, de jus & norma loquendi widerspricht, und die Tugend und die Menschheit fühlen sich durch diese Benennung stark verletzt. Doch in so weit ist es nur ein Wortstreit: Es betrifft aber die Sache, so bald Sie behaupten, der Mensch sei da, um sein eigenes Wohlsein zu suchen, seine Lage zu verbessern, seine Geistessähigkeiten zu entwickeln und zu stärken, sich selbst zu veredeln. Das ist eine vortreffliche Lehre, die Tochter der griechischen Schule, welche, wie der große Juda Levita (in seinem noch ungedruckten Divan) sagt: □the dk 'ü 'IO rb pK rpjV noan "f.w'n bn (Dich reize nicht die griechische Weisheit, welche nur Blüthen, keine Früchte trägt.) Eine herrliche Lehre, welche den Menschen zu dem schwärzesten Egoismus, zur unbegränzten Ehrsucht führen kann, — eine Lehre, aus welcher die Casare, die Napoleone hervorgingen. — Der Mensch ist da, um den Antrieben seiner Sensibilität, seinem Instinkte zu folgen. Die menschliche Sensibilität ist zweierlei, physisch und moralisch. Physische Annehmlichkeiten und Schmerzen nenne ich die, welche aus Wahrnehmungen oder unmittelbaren Wirkungen der äußern Ge-