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Israelitische Annalen · 1839-10-11 · Heft 41 (11.10.1839) · p. Seite 322

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1839
Issue
Heft 41 (11.10.1839)
Date
1839-10-11
Page
Seite 322 (sequence 2)
Language
German
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322 Volke ausging, sondern von den in der jüdischen Theologie bewandertsten Männern, welchen man Schwäche der Denkkraft keineswegs beimessen konnte. Damals fürchtete man von der Kunst zu lesen und zu schreiben alsbald Atheifterei und Abfall von Religion überhaupt. Nur sehr allmählich ward diese Besorgniß überwunden und beschwichtigt; ste zog sich zurück, um andere Gegenstände, welche unverletzlich schienen, zu beschützen.. Mit der Kenntnis der Muttersprache und der Gewöhnung an geregeltere Schulbildung, drang der Wunsch vor, auch in die bis dahin noch nicht voränderte Methode des Religionsunterrichtes mehr Ordnung und Klarheit zu bringen. Neue Opposition erfolgte, aber das bessere Prinzip machte sich geltend, wie die Menge der Lehrbücher beweiset, — wenn gleich nur wenige befriedigen dürften. Es ist hierbei wohl zu bemerken, daß die Männer, welche früher am stärksten opponirten, nämlich die Rabbinen, heute die größten Vertheidiger des Elementarunrerrichts und des methodischen Religionsunterrichts sind. Dieselbe Entwickelung bemächtigt sich bald der gottesdienstlichen Gebete und Gebräuche, welche, weil sie eoncentrirter daftehen, leichter überwacht werden; und auch hier wichen die unhaltbaren Stützen, und die Nothwendigkeit verschiedener Aenderungen wirkte mit mehr oder minder eindringlicher Gewalt. Wir könnten dies weiter auch auf Seiten der Industrie durchführen, um darzuthun, was geschehen ist, aber eine Vergleichung derjenigen Gegenden, wo noch wenig oder nichts gethan ist, mit denen, wo das ganze Wesen des israelitischen Lebens sich verändert hat, beweist klar genug, daß die Trägheit hier nicht so stark einwirkt, als Einige behaupten. Wir stehen vielmehr am Vorabend bedeutender, nicht mehr zurückzuhaltender Umgestaltungen. Dies giebt sich ganz besonders in der Verlegenheit kund, welche die immer mehr vakant werdenden größeren Rabbinate Hervorrufen. Mehrere einflußreiche Gemeinden in Deutschland, welche die bestimmten an ein geistliches Oberhaupt zu stellenden Anforderungen der Gegenwart kennen, befinden sich ohne Rabbinen, weil sie die Schwierigkeiten, womit diese Volkslehrer zu kämpfen haben, erwägend, die größte Bedachtsamkeit anwenden zu müssen vermeinen. In Holland ist die Gemeinde zu Amsterdam, eine der zahlreichsten auf Erden, ohne Oberhaupt; wir haben eine öffentliche Stimme, welche darüber verlautet hat, schon vernommen!*) AehnlicheKlagen und Vorschläge kommen auch von Osten herüber; da, wo nicht gerade Vakanzen zu Erörterungen Gelegenheit darbieten, macht sich doch die Unbehaglichkeit bemerkbar, welche nicht ausbleiben kann, wenn die Oberhäupter der Gemeinden, die Vertreter der religiösen Bildung hinter den Volksveränderungen zurückgeblieben sind. Am fühlbarsten wird sie da, wo sich dem bereits fortgeschrittenen mit europäischer Cultur vertrauten ansehnlichen Theile der Gemeinden, die Besorgniß aufdrängt, daß die Verblendung derer, welche in der Cultur das Verderben der Religion erblicken, abermals durch Anstellung solcher Subjecte, welche ihre Aufgabe nicht begreifen, auf längere Zeit einen immer unerträglicher werdenden Widerspruch zwischen Lehre und Leben Herstellen werden. Dies ist der Fall in gegenwärtigem Augenblicke in Lemberg, wo der Rabbiner Jakob Arnstein vor einigen Monaten verstorben ist, und sehr viel davon abhängt, wer dessen Stelle besetzen wird. Wir sind zu entfernt von dem Orte, und zu wenig bekannt mit den innern Verhältnissen, um uns darüber ein Urtheil zu erlauben; wir lassen daher hier den Inhalt einer uns zugegangcnen Schilderung der Zustände folgen, welche auch allerlei wichtige Aufschlüsse über die dort noch herrschende Scholastik darbietet. „Mit dem Tode des Lemberger Rabbinen hat die rabbinische Schule einen unersetzlichen Verlust erlitten, zumal einige andere ausgezeichnete Männer dieses Fachs ihm vorangegangen sind. Die ganze Scholastik, welche hier zu Lande noch in der höchsten Kraft ftudirt wird, fühlt diesen Schlag und beklagt sich als verwaist! Diese Trauer rechtfertigt sich allerdings auf dem Standpunkte derer, welche *) Nr. 25 der Annalen. Vor einigen Wochen ist ein zweites Heftchen unter dem Titel: Het ^msterdamsobv Opper-Rabbinaat, 2e. Stukje (mit d. N. des Druckers A. Zweesaardt) erschienen. Dies beschäftigt sich aber nicht mit der Rabbinen Wahl, sondern knüpft bloß an das vorige Heft verschiedene Betrachtungen über die zeitgemäße, in Deutschland fast schon in den meisten neuern Synagogen vollzogene Abstellung alter Mißbräuche; und Einführung der Predigt und des Choralgesanges, wie auch einer Confirmationsfeier; pia vota, womit es in Amsterdam noch Zeit haben wird.

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