Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 40 (4.10.1839)
- Date
- 1839-10-04
- Page
- Seite 316 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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316 Besorgniß gewesen sein, und der Sohar, welcher alle bildlichen Ausdrücke noch mehr ausarbeitet, zieht die alte Sünde der ersten Mutter mit in diese Sache hinein, und legt (s. Exod. f. 196) den Frauen es zur Last, daß der Mensch stirbt. — Wer diese Stellen mit Aufmerksamkeit lieft, findet in ihnen, wenn sie nicht wirklichen Aberglauben enthalten sollen, nur symbolische Morallehren. Dennoch gründet auf sie der yir die Vorschrift oder den guten Rath, die Frauen gänzlich von den Leichenbegängnissen fern zu halten. So viel ist klar, daß sittliche Gründe hier obwalteten, und man den Begriff der Erbsünde unterschob, um jede Art von Leichtsinn bei so ernster Gelegenheit zu verhüten. Bei veränderten Umständen und in civilisirten Gemeinden, wo jeder Feierlichkeit diejenige religiöse Würde geliehen wird, die ihr durch die Natur des Gegenstandes gebührt, sollte man daher aus doppelten Gründen dergleichen Ideen aufgebcn, theils um dem Aberglauben zu steuern, theils um dem weiblichen Geschlechte nicht die Wohlthaten des wahrhaft religiösen Eindruckes, welchen die Gebräuche, Betrachtungen und Gebete bei Leichenbegängnissen auf jedes fühlende Gemüth machen müssen, zu entziehen. Wir dürften sogar voraussetzen, daß die Anwesenheit der weiblichen Begleitung, außer der rührenden Andacht, welche die Begleiterinnen beseelet, wenn sie den letzten Resten ihrer Theuern mit bis zur Gruft folgen dürfen, auch noch die Feierlichkeit bedeutend zu erhöhen geeignet sein möchte. — Briefwechsel über religiöse Zustände. 6. S. D. L. an 3- R. *) P. — 3. 3uln 1839. 3n meinen Vorstellungen von der Sittenlehre finden Sie nichts als Verwirrung. Das will sagen, meine eigenthümliche Auffassungsweise unterscheidet fich bedeutend von der, welche Sie seit langer Zeit angenommen haben. Die Benennungen und Eintheilungen, welche ich anwende, werfen nicht viel Licht auf das wahre Moralsystem, wie es jeder gute Denker annimmt; d. h. wie Sie und alle Philosophen,' welche längst davon erfüllt find. Dieselben erscheinen Ihnen überhaupt ungenau, verworren, unvollständig und in vieler Beziehung seltsam, und so muß es auch wohl sein, da meine Vorstellungen mit denen der von Ihnen vorzüglich verehrten Philosophen in geradem Widerspruch stehen. *) Gleich dem vorigen 3—6, im italienischen Original eingcsanbt und hier wortgetreu übertragen. Dennoch sind diese ungenauen und seltsamen Vorstellungen die Frucht der reiflichsten und sorgfältigsten Analysen; der Analysen der menschlichen Fähigkeiten und der verschiedenen Systeme der Moralphilosophie, sowohl der ältern als der neuern Philosophen, welche ich schon vor acht Jahren in einer besondern, noch ungedruckten Schrift: Saggio sui principj fondamentali della Filosofia morale e del Diritto di Natura. (Versuch über die Grundlehren der Moral und des Naturrechts) untersuchte. Dort sagte ich über das von Ihnen, wie es scheint, gebilligte System, wonach die Selbstvervollkommnung das einzige Ziel des Tugendhaften Menschen sein soll, folgendes! *)- Diese §§. werden Sie hoffentlich überzeugen, daß wenn meine Vorstellungen von der Morallehre von den Ihrigen und von denen vieler anerkannten Philosophen abweichen, ich solche doch erst nach langer und vorurtheilsfreier Ueberlegung angenommen habe. Vielleicht dienen Sie auch dazu. Sie zu überführen, daß die Vorstellungen mancher Philosophen, deren Grundsätze Sie mit so vielem Vertrauen billigen und festhalten, verworren und ungenau seien. Ich will nun einige Sätze meines vorigen Briefes, welche Sie angegriffen haben, beleuchten. 1) 3ch sagte, daß die Morallehre — eine reine Sittenlehre, welche aus dem Herzen des Lehrers in das Herz des Schülers eindringen soll — sich nur auf die zwei Prinzipien stützen darf, welche das Iudenthum anwendet, nämlich Frömmigkeit, (Wohlwollen, Gefühl der Pietät) und Gottesfurcht. Ich habe das Wort Prinzip, welches in der Wissenschaft Grundsätze und Lehrsätze bezeichnet, hier in Bezug auf Moral,' zur Bezeichnung zweier Gefühle angewendet; diese sind nicht Axiome oder Lehrsätze, aber wohl zwei bewegende Kräfte, Impulse, Prinzipien oder Ursachen von Bewegung, Thätigkeit oder Unterlassung; nicht Prinzipien einer Theorie, aber Grundlagen eines tugendhaften Wandels, Antriebe zur Ausübung der Tugend; und in diesem Sinne nenne ich sie Moralprinzipien. Die griechischen Philosophen, welchen es mehr darauf ankam, ihren Geist zu entwickeln, als die Wohlfahrt der Menschen zu befördern, haben, statt durch diese zwei praktischen Grundlagen die Sittenlehre einzuschärfen, es vorgezogen, sie zum Gegenstände langer Discussionen zu machen, und daraus eine philosophische Wissenschaft gebildet. Nach einer Prüfung aller vorzüglichen Systeme dieser angeblichen Wift senschaft behaupte ich, daß die Moral als Theorie, Philosophie und Wissenschaft behandelt, weit davon entfernt ist. *) Der Verfasser theilt hier die §tz. 27 — 30 aus der erwähnten Schrift mit; da dieselben lediglich gelehrte Disputationen zur Bekämpfung des berührten Systems bezwecken, welches in Deutschland schon längst nicht mehr anerkannt wird, auch nur rein philosophische Gegenstände betreffen, so haben wir dieselben hier, wo uns nur die Resultate in Betreff des Begriffes vom Judenthume angehen, dem Plane der Annalen gemäß, ausgelassen. Inzwischen entwickelt der Verfasser auch in der uns vorliegenden Probe seines philosophischen Werkes so viel Scharfsinn und Gelehrsamkeit, daß avir wünschen, er möge dasselbe vollständig an's Licht treten lassen. D. H.