Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 39 (27.9.1839)
- Date
- 1839-09-27
- Page
- Seite 306 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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306 sie begnügen sich damit, daß der Staat die kirchlichen Beamten als Staatsdiener betrachtet und besoldet, und die Synagoge in ihren Rechten und Einrichtungen schützt; sie tragen mit die Lasten und Schulden der Gemeinde, unterstützen ihre Armen, kommen alljährlich an den hohen Feierragen in den Tempel und finden späterhin für immer auf dem israelitisch^ Friedhofe ihren Ruheplatz. Zur Mitwirkung in Gemeinde- und Kirchensachen fühlen sie keine Neigung. Diese bleiben in den Händen eines zahlreichen wohlhabenden und gebildeten Mittelstandes, worunter auch Handwerker und Fabrikanten. Die vielen ^880vistl0ii8 de secours mutuel, welche zusammen über 700 Mitglieder zählen, das Comite für Armenwesen, das Consistorium und manches andere nützliche Institut werden mit lebhaftem Eifer unterstützt und geschaffen. Zu dieser Zahl gehören sehr viele fran^ais naturalises, meist Deutsche, welche in ihrer Thätigkeit den Eingeborenen nichts nachgeben. In Betreff der religiösen Denkart herrscht große Verschiedenheit. Die Meisten besuchen alle Sabbat- und Festtage den Tempel, doch weicht häufig der Sabbat andrerseits den Geschäften, indem er im Handel der Zahltag ist, und nur am Sonntage geruht wird. — Am häufigsten wird der Tempel, und zwar täglich zwei Mal, von der ärmern Klasse besucht. Diese zählt 500 (?) Familien, welche Unterstützung empfangen, aber außerdem noch sehr viele Unbemittelte, welche sich kümmerlich ernähren. Die Mehrzahl sind aus dem Elsaß, doch mitunter findet man auch Deutsche und Polen. Von Bildung kann bei diesen nicht die Rede sein. Sie zeichnen sich durch strengere Anhänglichkeit an Religionsgcbräuche aus, und nicht selten steigert sich diese bis zum Fanatismus. — Die portugiesische Gemeinde bildet ein besonderes Ganze mit eigener Synagoge im Gebäude des Temple des Israelites. Die religiösen Angelegenheiten und was damit in Verbindung steht, werden von den Consistoricn geleitet. 1) Das Cousistoire Central besteht aus einem Präsidenten, gegenwärtig HerrEmanuel Deutz, einem hochbejahrten Manne, und sieben Mitgliedern, welche sich durch wissenschaftliche Bildung und Ansehen auszeichnen. Diese repräsentiren die sieben Circonscriptions, iu welche die französischen Israeliten eingetheilt sind, deren jede im Conseil eine Stimme hat; nämlich: Paris, Bordeaux, Marseille, Nancy, Metz, Strasburg, Colmar. Jede dieser Städte hat ihr eigenes Consistorium, welche alle unter dem Central-Consistorium stehen, und dessen Beschlüsse in ihrem Bereiche vollziehen, oder dahin, was zu diesem gehört, berichten und beantragen. 2) Das zweite Consistorium ist das für die Circonscripliou von Paris; Präsident, Mr.Marchand Ennery, vormals in Metz, seit 8 Jahren in Paris Rabbiner; ein strenger Anhänger aller bestehenden Formen; ihm zur Seite stehen, wie in allen übrigen, vier Räthe. Alles was in Paris in israelitischen Angelegenheiten geschehen soll, muß erst von dieser Behörde sanctionirt werden. Der Präsident ist der alleinige Rabbiner für die Hauptstadt. Das Central - Consistorium steht zu diesem, wie zu allen andern; Mr. Deutz, als dessen Präsident, ist in der Pariser Synagoge nur ein Privatmann. — Der Chef des Ober - Consiftoriums hat 6000 Fr. Gehalt, der des Consiftoriums von Paris 3000, und von der Stadt 1500 für Wohnung; die beiden Secretäre erhalten je 3000 Fr., aus der Staatskasse. Diese Einrichtung ist sicherlich in hohem Grade zweckmäßig, und es darf nur ein Mann von Talent, Thätigkeit und klaren Ansichten an die Spitze, des Ober-Consiftoriums kommen, so erhalten alle Institutionen einen lebendigen Aufschwung, der durch Gesetzlichkeit und innere Sicherheit einen bedeutenden Fortschritt zur Folge haben kann. Bis jetzt ist im Ganzen noch nicht viel gethan. Das Schulwesen, fast nur für die Armen eingerichtet, bedarf in allen Beziehungen der Verbesserung. Gegenwärtig .ist für's Erste ein besseres Lokal eingeräumt worden. Die Zahl der Schüler beider Geschlechter ist circa 300. Der Religionsunterricht umfaßt nur Bibelübersetzen und Schreiben, alles nach alter Weise. — Das Armen wesen, welches etwa 50t» Familien auf dem Verzeichnisse hat, steht unter einer besondern Commission, in welcher der Rabbiner eine entscheidende Stimme hat. Die Beiträge dazu sind dem freien Willen anheimgeftellt. Einiges wird, wie auch anderswo, vom Ertrage des zu Passah nöthigen Weizenmehls, welches um erhohete Preise abgegeben wird, für den Bedarf der Armen gewonnen, (welcher im letzten Jahr sich auf4000Fr. belaufen hat.) Außerdem stießen % der Einkünfte vom Leichcnpomp *), auf welchen die Reichen hier *) Man läßt diesen des löblichen Zweckes wegen zu. Wir wissen nicht, ob auch die Einnahme von den Friedhöfen,