Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 38 (20.9.1839)
- Date
- 1839-09-20
- Page
- Seite 303 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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303 gränzt dieß nickt an Abgötterei? — zur Hand nehmen. Die Kabbalisten haben sich dieser wichtigen, das Volksleben beherrschenden Momente um so leichter bemächtigt, als der Thalmud sie ganz frei gelassen, und die von ihnen herrührenden abergläubischen Ansichten und Observanzen werben nur durch andere rein religiöse Formulare, allenfalls mit beigefügten paffenden Belehrungen, verdrängt werden können. Der kabbalistische Unsinn aber wird häufig nur beschönigt und über die alten faulen Gerichte eine moderne Sauce gegossen. — Der erste Aufsatz derselben Nummer hält sich zwar nn Allgemeinen und giebt keine Gelegenheit zu weitern Erörterungen; doch hätte ich große Lust, den Herrn Verfasser zu fragen, was er denn unter die „Kleinigkeiten und Kmderreien," womit jetzt die Welt behelligt wird, sudsumire? Helden müssen freilich ihre Kräfte für die entscheidende Action, für die Hauptschlacht sparen; wenn wir nur wüßten, wo die geliefert wird! Wir schwache Kämpen wollten sogleich unsere Plänkeleien und Kinderspiele einstellen. Warum tritt der Herr College nicht selbst mit den wichtigeren Thesen auf? Ich würde mich als Secundanten anbicten, falls ich seine Sache gerecht fände. Aber es ist mir schon oft vorgekommcn, daß die Herren, die über die umständliche Behandlung einzelner Punkte so vornehm lächeln, wenn es dazu kommt, nicht den Muth haben, über diese Punkte öffentlich ihre Stimme abzugeben. Wichtig ist in meinen Augen Alles, was lange als zur Ateligion gehörig betrachtet wurde, was auf Begründung in thr noch rmmer Anspruch macht, und aus der Diskussion muß sich ergeben, ob und in wie fern dieser Anspruch ein gerechter sei oder nicht, und es wird dadurch gewiß kein „Befangener noch mehr umstrickt werden." Wie viel Zeit und Studium wird darauf verwendet, um die unbedeutendste -historische ober bibliographische Thatsache aufzuklären, ober die Sitten und Gebräuche entfernter oder längst untergegangener Nationen zu erforschen! Und über Observanzen, die von Vielen der Unsrigen für unerläßlich gehalten, wenn auch wieder von Hunderten vernächlässigt werden, sollten praktische Männer nickt öffentlich sprechen, nicht Aufklärung zu geben suchen? Meinestheils halte ich es darum schon für sehr verdienstlich, weil dadurch zur Verhütung von Streitigkeiten, zur Versöhnung der Gemeinden viel beigelragen werden kann. Das legale Material der Schuhe am Versöhnungstage ist gewiß etwas äußerst Unerhebliches, und doch weiß ich ein Beispiel (denn ich merke mir dergleichen), wo es einen heftigen, die Synagoge schändenden Auftritt! veranlaßt hat. Am letzt verflossenen V.T. trat in der deutschen Synagoge zu Triest ein sehr angesehener junger Mann, der zur Thora gerufen ward, in den Stiefeln j hin. Der Rabbi der Synagoge (nicht der Moren u, der in I der spanischen S. war), verwies ihm das, wollte ihn die übliche Benediktion nicht sprechen lassen und sagte ihm Anzüglichkeiten. Der Beleidigte klagte aber bei der Stadtpolizei, und der Rabbi wäre auf der Stelle aus der S. weggeführt worden, wenn der Vater und Schwiegervater des Klägers sich nicht in's Mittel gelegt hätten. Hätte der R. bedacht, daß das Schuhausziehen eine bloße orientalische Sitte ist, die selbst längst nicht mehr nach der ursprünglichen Weise beobachtet wird, so wäre er wahrscheinlich nachsichtiger gewesen. A. Kohn. Großherzvgthum Hessen.—In Betreff desCorrespondenzartikels aus dem Großherzogthum Hessen in Nr. 2 der Annalen, können wir als feststehende Tharsache vorläufig mittheilen, daß die dort näher bezeichnet? Vorstellung in Gemäßheit höherer Entschließung verschiedenen Kreisämtern zur Begutachtung eingeschickt wurde, und daß sodann von Seiten des Oberschulrathes über die Angelegenheiten der israelitischen Lehrer im Allgemeinen ein günstiger Bericht an das Großherzogliche Ministerium erstattet worden ist. — Es steht nunmehr recht bald ein der Wichtigkeit des Gegenstandes angemessenes Endresultat zu erwarten. Wien. (Fortsetzung.) — Aber wenn wir mit frohem Herzen eine solche mit Mühe und Anstrengung in's Leben getretene Stiftung begrüßen, fragen wir zugleich — von nur | , zu bittern Erfahrungen eingeschüchtert — wird diese zum Heil kommender Geschlechter veranstaltete Bildungsschule auch von Bestand und Dauer sein? Wird dieser rege, warme und lobenswürdige Eifer immer so glühend sein und nicht erkalten und erstarren im Laufe der Tage, wie wir es leider oft schon gesehen? Bei allen Heilesanstakten, die wir bis jetzt entstehen sahen und sehen, bleibt der fromme Wunsch uns noch immer: Wer gäbe, daß diese ihre Gesinnung immerwährend bei ihnen obwaltete?—Warum aber eigentlich so manche Anstalt im Laufe der Zeit spurlosverschwindet? Weil die Meinungsdifferenz störend auf bev zarten Keim des Guten einwirkt; weil der Rabbiner der? Orts häufig, als gehörte das Erziehungswesen, die Iugenybildung, nicht in sein Departement, und als stünde dieser Punkt nicht in den Pflichten eines Seelsorgers, sich egoistisch von der Anstalt zurückzieht und das Dasein einer SchuU, wenn er sie schon duldet, oder gezwungener Weise dulden muß, fast ignoriret, anstatt sie, seiner unerläßlichen Schuldigkeit gemäß, zu beaufsichtigen; und weil die Anforderungen an die kärglich, ober höchstens nur sehr mittelmäßig besoldeten Lehrer, empörend und himmelschreiend sind; denn nächstdem daß er Pentateuch mit Raschi, die Propheten, Schreiben in dreierlei Schriften, Diktande, Lesen, Rechnen, Religion, etwas Geographie und Geschichte als obligate Gegenstände lehren muß, sind die festgestellten täglichen Schulstunden in fast allen jüdischen Schulen des österreichischen Kaiserstaates — außer Wien und Pesth — 8 Stunden täglich. Der Grund davon liegt, minder im Bildungseifer der Eltern, als im Loswerden der Kinder vom Hause. Wie sollte da auch des! tüchtigsten und von seinem heiligen Berufe durchdrungenen! Pädagogen warme Liebe nicht erkalten, wenn er eingckeri kert vom frühen Morgen bis in die Nacht in seiner dumpfen! klösterlichen Schulzelle, für alle unschuldigen Genüsse des I Lebens und für allen Umgang fühllos und abgestumpft wird, und er die Schule als sein lebendes Grab betrachten muß? Wie kann da der Eifer der lebensfrohen, spiellustigen jugendlichen Zöglinge sich erhalten? Ein Mißbrauch, der seines schädlichen Einflusses wegen nicht genug gerügt werden kann, indem er sowohl in physischer als moralischer und geistiger Hinsicht die verderblichsten Folgen nach sich zieht. Das Grundmotiv und die Basis der Entstehung einer solchen Anstalt! beruht außerdem oft auf einem verzeihlichen, aber doch eigenen Interesse, indem einige Reiche und Bemitteltere im Orte, die ihre unterrichtsfähigen Kinder gerne in allen nörhigen Gegenständen unterrichtet wissen möchten, um sich den kostspieligen Privatunterricht zu ersparen, meistens den ersten Impuls zur Herstellung einer allgemeinen Lehranstalt geben, wo sodann der Arme wie der Reiche zur Erhaltung derselben sein Scherflein beiträgt und zusteuert. Dieses hat einerseits für die ärmere Klasse bedeutenden Nutzen, indem deren Kinder sonst ganz verwahrlost blieben; aber'andererseits den Nachtheil, daß, sobald die Kinder der Reichen der Schule entwachsen sind, die Schule auch oft ihre pekuniären Pfeiler und Stützen verliert, die ärmere Klasse allein sie nickt zu erhalten vermag; die Auflösung muß alsdann erfolgen. Nur uneigennütziges, allgemeines Wohl beabüchtigendes Wirken der Bessern und Bemitteltern der Gemeine kann die dauernde Begründung und Erhaltung einer Schule schaffen und Hervorrufen. Schließlich ist die Autorität des Lehrers ein leeres Schattenbild in jeder Hinsicht, und nicht selten muß der tüchtigste Pädagoge seinen auf mehrjährige Erfahrung begründeten Lehrplan der Ansicht eines der Sache gänzlich unkundigen Vorstandes opfern, will er anders nicht in steter Uneinigkeit leben, seiner Brodstelle entsagen oder entlassen zu werden Gefahr laufen. Daß dock die Stimme der Zeit immer mehr vor- und eindringen möchte! (Forts, folgt.) Prag, 21. August.— Die Kunst, die Hinterviertel des Schlachtviehes für den Juden genießbar zu machen, d. h. von den im Thalmud verbotenen Theiken zu reinigen, die hier so lange als ein Mysterium behandelt und keinem Fremden mitgeibeilt wurde, ist endlich zum allgemeiuen Nutzen freigegeben worden. Bckanntlrch faßt der Thalmud den Bericht Gen. 32. 33., daß die Kinder Israel die Spannader an der Hüftpfanne