Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 37 (13.9.1839)
- Date
- 1839-09-13
- Page
- Seite 294 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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294 tateuchs, von denen Sie einige Beispiele ayführen, sich auf dem Wege der Empfindungen und nicht durch Vernunftgründe geltend machen, mehr zum Herzen als zum Verstände sprechen, mehr den Menschen praktisch gut, als theoretisch einsichtsvoll zu machen beabsichtigen. So ist es auch einem Gcsetzbuche angemessen, welches den Zweck hat, ein Volk fromm zu machen, nicht aber auf einem Katheder der Metaphysik als Grundtext zu dienen. Aber Lies hätte Sie doch nicht zu der Behauptung veranlassen sollen, daß das System der Moralwissenschaft nur auf Gefühl und nicht auf Vernunft basirt sei. Ja, mir scheint, das höchste Prinzip der Moral müsse vorzugsweise von der Vernunft hergeleitet werden, weil sie allein uns anleitet, die scheinbaren Güter von den wahren zu unterscheiden, die Beziehungen zwischen den Menschen untereinander und gegen den Schöpfer festzustellen, unsre ächte Bestimmung zu erkennen und unsre Thätigkeiten auf dies alleinige Ziel hinzulenken, ohne welches alles es gar keine Moral gäbe. Ihrem Scharfblick vertraue ich, daß Sie meine Gedanken recht durchdringen, wenn ich sie auch nicht sollte klar genug ausgedrückt haben, und ich sehe in Ihrer Antwort weitern Früchten Ihres Nachdenkens über Iudenthum entgegen, um dann dem eigentlichen Vorhaben, unsre Meinungen über diesen wichtigen Gegenstand möglicherweise in Uebereinstimmung zu bringen, näher zu rücken. Leben Sie wohl. I. R. Nachrichten und Correspondenzen. Wien. (Fortsetzung.) — Schulwesen. Industrie. Zustände. Bemerkungen. Herzerhebend und erfreulich ist es für den, dessen Brust für das wahre Heil seiner Mitbrüder schlägt, dem allmählich sich entfaltenden Entwicklungsgänge der Kultur und zeitgemäßen Civilisation zuzuschauen und der ihrer Reife sich nahenden geistigen Vegetation mit aufmerksam betrachtendem Auge zu folgen. Und wie der emsige Gärtner, bald hier, bald dort eine keimende oder sich entfaltende Blume, begrüßt er entzückt jede zu ftohen erfolgreichen Erwartungen berechtigende Erscheinung. Es dient diese Einleitung gegenwärtig, eine vor Kurzem in's Leben und in Wirkung getretene, der allgemeinen Nacheiferung nur zu sehr würdige, edle und schöne Doppelstiftung zu N i k o l s b u r g in Mähren, zur verdienten öffentlichen Kunde zu bringen. Es wurde nämlich daselbst von der jüdischen Gemeinde eine Fabrik für jüdische arbeitslustige Lehrlinge und mit ihr zugleich eine Knaben - und Mädchenschule errichtet. Der Fond zur Fabrik von dortigen Privaten durch sogenannte Aktien zusammen gesteuert, beläuft sich gegenwärtig auf lö,0üa fl. C. M., doch hat keiner der Aktieninhaber das Recht, vor Verlauf der ersten fünf Jahre des Bestehens der Anstalt, weder auf das Kapital seines Darlehens, noch auf etwaige Zinsen desselben Anspruch zu machen; jeder hingegen ist verpflichtet, etwaige Schadrnvorfälle verhältnißmäßig zu tragen. Die Fabrik zählt gegenwärtig schon 40 Lehrlinge, die von zwei Werkführern unterrichtet werden, die aber täglich näckstbem in allen, ihrem staatsbürgerlichen Berufe nothigen Wissenschaften, wie in Religion, einige Stunden unterrichtet werden. Die innere Einrichtung ist, nach genau eingezogener Erkundigung, folgende: Alle von Haus aus mittellose Kinder werben da, so wie in der Lehrschule, unentgeldlich und zunstmäßig ausgenommen, nur müssen dieselben für die ersten 6 Monate mit Kost und Kleidung von Hause aus versorgt sein; nach Verlauf dieser Frist, wo der Lehrling doch schon etwas zu leisten fähig ist, erhält er vom Fabriksfonds den halben Gesellenlohn, und so fort, bis nach Verlauf der fünf Lehrjahre, die jeder Lehrling zu verbleiben und auszuhalten sich verbindlich machen muß. Zur Herbeischaffung der rohen Stoffe und Materialien, wie zur Veräußerung der fertigen Artikel sind aus der Mitte der Gemeinde zwei Individuen ernannt, die mit Ende jeden Kurses, also zweimal des Jahres, Rechnung abzulegen haben. Da wo die Caffe des Schulfonds nicht ausreicht, muß die Fabrik aushelfen und so ist demnach eine Anstalt die Stütze der Andern. Die Lehrschule für Knaben, bestehend in einem eigenen zu diesem Behufe eingerichteten Hause, zählt gegenwärtig 215 Zöglinge, worunter zwei Thalmudklassen, unter Obhut des Herrn Lanbrabbiners Nehemias Trebitsch; dieselben werden in allen erforderlichen Gegenständen, nach neuester Methode, von fünf Lehrern — gebildeten und routinirten Schulmännern — und zwei Gehülfen unterrichtet. Arme Kinder zahlen gar nichts und erhalten sogar Schulbücher und Schreibrequisiten vom Schulfonds; Bemitteltere zahlen die Hälfte des Schulgeldes und der Schreibmaterialien. Nur die offiziell Reichen zahlen ganze Schultaxe. Die Mädchenschule zählt 160 Schülerinnen, die von 2 Lehrern und einem Gehülfen unterrichtet werden. Die Ausgaben der Schule betragen gegenwärtig jährlich 4300 fl. C. M. Bereits sind beide Anstalten vom Gubernium wie auch vom Kreisamte bestätiget und sehen daher nur noch der Kreiruug der Landesstelle entgegen, die ihnen vorläufig provisorisch ertheilt ward. Auch hat Sr. Excellenz der edle Graf Earl von Cottek, Gouverneur von Mähren und Schlesien, in Begleitung des Herrn von Männer, Kreishauplmann, beide Anstalten bereits auf einer eigends zu diesem Behufe von ihm veranstalteten Hjnreise mit seinem Besuche beehrt, und Alles en detail in Augenschein genowmen und seine völlige Zufriedenheit zu erkennen gegeben. Der Erste, dem beide Anstalten, sowohl Uridee als Entstehung und Ausführung verdanken, ist Moses Trebitsch, ein dort einheimischer, aber in Wien lebender Privatmann, der keine Mühe, Zeit- und Kostenaufwand sparte, um diese herrlichen gottgefälligen Stiftungen zu Stande zu dringen, die nun in schöner Frühlingsblüthe prangen und einen unzuberechnenden Erfolg für die Zukunft vorbereiten und versprechen. Ihm würdig zur Seite standen Herr H. Koltsch, Herr A. Karpeles und Herr F. Pater. Bewundernswürdig aber ist die Toleranz und der Eifer, die der so vielseitig der Orthodoxie beschuldigte Landrabbiner, Nehemias Trebitsch bei Gelegenheit der Gründung dieser Anstalten an den Tag legte, wodurch er gewiß auf's Sprechendste die Stimme der ihm feindlich gesinnten Partei entwaffnete. (Fortsetzung folgt.) Leipzig. — Der durch mehrere gelehrte Werke rühmlichst bekannte Herr vr. Julius Fürst ist nun definitiv durch eine an den akademischen Senat erlassene Ministerialverordnung als akademischer Lehrer in Leipzig anerkannt, und wird im Wintersemester seine Vorlesungen, welche bereits im Cataloge angezeigt sind, beginnen. ^Es ist diese Zulassung eines Israeliten als akademischen Lehrer in Leipzig ein Fortschritt der Civilisation, und es wird den sächsischen Gelehrten zur Ehre gereichen, auch hier das Vorurtheil besiegt zu haben. Wir zweifeln nicht, daß man sich überall von der Ungegründetheit der entgegenstebenden Ansichten überzeugen und die Kräfte, welche die Wissenschaft fördern können, nicht mehr aus Nebengründen unbeachtet und ungenutzt lassen werde. Darm stadt. — Das Auerback'sche Religionsbuch hat hier eine große Aufregung hervorgebracht. Viele israelitische Hausväter haben ernste Schritte gethan, um der Einführung dieses Lehrbuches in die Schulen vorzubeugen, und es steht zu erwarten, daß die erleuchteten Behörden hierin nicht bloß dem beabsichtigten Zwang entgegen sein, sondern überhaupt das Werk erst von sachverständigen Männern prüfen lassen werden, ehe sie dessen Einführung zulasscn. *) *) Wir haben diese Nachricht mit großer Verwunderung vernommen, und erstaunen allen Ernstes darüber, wie man auch nur im Entferntesten daran denken konnte.